24.08.2020

Theatralisches Bild des Patriarchats


In Massoud Bakhshis packendem Melodram bittet im Iran eine zum Tode verurteilte junge Frau in einer Live-Fernsehshow um Begnadigung. Der Film beleuchtet die patriarchalischen Strukturen des Landes und die systematische Unterdrückung der Frauen.

Yalda. Frankreich/Deutschland/Schweiz/Luxemburg/Libanon/Iran 2019, Regie: Massoud Bakhshi, 89 Minuten. Kinostart: 27. August 2020
Die 22-jährige Maryam ist wegen Mordes an ihrem 65-jährigen Ehemann Nasser zum Tode verurteilt worden. Sie hatte mit ihm nach schiitischem Brauch eine „Ehe auf Zeit“ geschlossen, die wohlhabende Männer mit unverheirateten ehrbaren Frauen befristet aus sexuellen Gründen eingehen können. Nach 15 Monaten im Gefängnis darf sie – sichtlich angeschlagen – in einem TV-Studio in Teheran an der Reality-Show „Freude des Vergebens“ teilnehmen. Die Show wird zum Yalda-Fest ausgestrahlt, das zur Wintersonnenwende am 21. Dezember begangen wird. Während der Sendung kann sie vor laufenden Kameras und Millionen Zuschauern Nassers einzige Tochter Mona um Verzeihung bitten. Die 37-jährige Mona, die  wie eine große Schwester für Maryam war, ist der einzige Mensch, der sie noch vor dem Strang retten kann. Die Zuschauer können mit SMS-Nachrichten für oder gegen die Begnadigung stimmen und Geld für das Blutgeld spenden, das Maryam der Familie ihres Ex-Mannes zur Entschädigung zahlen muss. Auf der festlich geschmückten Fernsehbühne bestreitet Maryam einen Tötungsvorsatz und beteuert, dass Nassers tödlicher Sturz bei einem Streit mit ihr ein Unfall war und sie ihn geliebt hat. Mona aber zeigt zunächst keine Bereitschaft, der jungen Frau zu vergeben.

In seinem zweiten langen Spielfilm nach dem Filmdrama „Eine respektable Familie“ (2012) konzentriert sich der 1972 in Teheran geborene Autor und Regisseur Massoud Bakhshi weitgehend auf die Fernsehshow und Ereignisse in derselben Nacht, der längsten des Jahres. Die wendungsreiche Handlung spielt fast nur im Studiogebäude.

Bakhshi, der bereits zehn Dokumentarfilme gedreht hat, nutzt die groteske Ausgangssituation, um einige kritische Schlaglichter auf die Gesellschaft der islamischen Republik zu werfen und grundlegende ethische Fragen zu stellen. Das beginnt schon mit den Auswüchsen der voyeuristischen Fernsehshow, die es in ähnlicher Form tatsächlich gibt und in der Millionen Menschen über Leben und Tod abstimmen. Im Film begrüßt der aalglatte Moderator zwischendurch einen Schnulzensänger und eine Schauspielerin, die ein Gedicht des persischen Dichters Hafis vorträgt.

Bakhshi, der den Film im Iran nur mit Hilfe ausländischer Produktionspartner drehen konnte, prangert das antiquierte juristische und politische System seines Heimatlandes an, in dem Frauen bis heute Menschen zweiter Klasse sind. Dabei spielen das Konzept des islamischen Blutgelds, also einer Ausgleichszahlung für eine Schädigung von Leib oder Leben an die Opferfamilie, und der patriarchalische Rechts­titel der Zeit- oder Genussehe, die meist für eine kurze Zeit geschlossen wird, eine wichtige Rolle. 

Besonders reizvoll ist an dem Melodram, dass die beiden Protagonistinnen durchaus ambivalent wirken. Maryam hat zum Beispiel Nasser in eine missliche Lage gebracht, indem sie schwanger wurde, obwohl er das im Ehevertrag ausgeschlossen hatte. Während sie in dieser ehelichen Verbindung nicht erbberechtigt ist, ist es ein Kind sehr wohl. Und die sonst so beherrschte Mona wirkt sehr unsympathisch, als sie in aufgebrachtem Gemütszustand bei einer kurzzeitigen Flucht aus dem Studio mit dem Auto einen Motorradfahrer umfährt und einfach davonsaust. Vor allem in der zweiten Hälfte, die auch eine konstruiert wirkende Überraschung birgt, tendiert Bakhshi häufiger zu theatralischen Zuspitzungen und bemüht schon mal einen unglaubwürdigen Zufall, was den guten Gesamteindruck des Films leider etwas schmälert.  

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