Dichtung und Wahrheit

 Juan Gabriel Vásquez: Lieder für die Feuersbrunst. Verlag Schöffling & Co.,Frankfurt am Main 2021, 236 Seiten, 22 Euro

Juan Gabriel Vásquez mischt in seinen Erzählungen historische Fakten mit erzählerischer Fantasie. Das liest sich spannend und macht nachdenklich.

Die neun Erzählungen stammen aus zwei Jahrzehnten und spielen in Kolumbien, Frankreich und Spanien, wo Juan Gabriel Vásquez in diesen Jahren gelebt hat. Ihnen allen liegen wenig spektakuläre Vorfälle und Handlungen zugrunde, die der kolumbianische Autor aber auf ebenso spannende wie berührende Weise erzählt. 

So etwa in der Geschichte „Der Doppelgänger“: Nach dem Abitur müssen die Schüler in Kolumbien zum Militärdienst. Da die Armee aber nicht alle braucht, entscheidet man per Los: Rote und blaue Kugeln, die aus einem Säckchen gefischt werden, bestimmen über das Schicksal der jungen Männer. Der Erzähler und sein Freund Ernesto Wolf sind die letzten im Alphabet. Nur mehr eine blaue und eine rote Kugel warten auf sie. Das Schicksal trifft den Freund, der zunächst mit viel patriotischer Gesinnung einrückt, aber dann bei einem Manöver tödlich verunglückt. Der Ich-Erzähler bringt es nicht über sich, an der Beerdigung teilzunehmen, denn er will dem Vater des Freundes nicht begegnen. Er weiß: Er lebt, weil Ernesto gestorben ist. Wie der Vater damit umgegangen ist, erfährt er erst Jahre später. 

Meister der Miniaturen

Die titelgebende Feuersbrunst lodert im Kontext des kolumbianischen Bürgerkrieges Ende der 1940er Jahre, als es überall im Land zu Brandschatzungen kommt. In der Erzählung rollt der Autor das Schicksal von Aurelia de León, die bei solch einem Brand ums Leben kommt, von verschiedenen Seiten auf – ausgehend von ihrer Geburt in Frankreich während des Ersten Weltkriegs, aber auch von ihrer Grabstätte in Kolumbien auf einem Friedhof, auf dem auch Freimaurer, Selbstmörder, ledige Mütter und andere von der katholischen Kirche Verstoßene ruhen. 

Bei all seinen Geschichten geht der kolumbianische Autor von historischen Fakten aus, die er soweit möglich recherchiert, aber auch gern mit erzählerischer Fantasie ergänzt, die so plausibel ist, dass man ihr gerne folgen will. Juan Gabriel Vásquez erweist sich in diesem Band als Meister der Miniaturen, die in bescheidenem Gewand daherkommen, aber fesseln und nachwirken.

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