„Freiluftgefängnis“ der Uiguren

 Philipp Mattheis: Ein Volk verschwindet. Wie wir China beim Völkermord an den Uiguren zuschauen. Ch. Links Verlag, Berlin 2022, 208 Seiten, 18 Euro

Der ehemalige Ostasienkorrespondent Philipp Mattheis stellt in seinem Buch dar, wie und warum die chinesische Regierung versucht, die Uiguren in die Mehrheitsgesellschaft einzugliedern. Er schreibt zugänglich und vermittelt einen guten Überblick.

Die muslimische Minderheit der Uiguren in China lebt vor allem in Xinjiang. Die Provinz verfügt über Bodenschätze und wichtige Industrien, wie etwa die weltweit größte Produktion von Polysilikon, das für die Herstellung von Solarpaneelen verwendet wird. Auch geopolitisch ist sie relevant. Von hier aus will China die Routen der „Neuen Seidenstraße“ bauen, die durch Zentralasien Richtung Europa verlaufen. Zwei Mal schon, 1933 und 1944, wurde in einem Teil von Xinjiang die „Republik Ostturkestan“ ausgerufen. Allerdings wurde sie beide Male nach kurzer Zeit wieder durch China eingenommen. 

Auch wenn nicht die gesamte uigurische Bevölkerung einen eigenen Staat errichten will, wie Mattheis schreibt, so fordere die ethnische Minderheit immerhin kulturelle Selbstentfaltung. China sei aber ein Land, das größtmögliches wirtschaftliches Wachstum über individuelle Freiheiten stellt. Die Forderungen der Uiguren gelten der chinesischen Regierung demnach als Hindernis, die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes auszuschöpfen. Deshalb will die Regierung die Uiguren in die Han-chinesische Mehrheitsgesellschaft mit aller Macht eingliedern. Wie der Autor im historischen Rückblick zeigt, waren Uiguren in China schon immer Diskriminierung ausgesetzt, vor allem bei der Arbeitssuche. Seitdem das Projekt „Neue Seidenstraße“ Ende 2013 fertig geplant ist, sind Uiguren in China gezielten Repressionen ausgesetzt, schreibt Mattheis. So wurden mit der Begründung „Terrorbekämpfung“ unter anderem die Polizeipräsenz und die Kameraüberwachung in Xinjiang ausgebaut. Seit 2016 werden Uiguren in Arbeitslagern inhaftiert, wie aus Analysen von Regierungsdokumenten und Zeugenberichten hervorgeht. Die ehemaligen Häftlinge, die Mattheis zitiert, berichten von menschenunwürdigen Behausungen, Arbeitsausbeutung und Folter.

Überwachung mit Hilfe von Kameras und künstlicher Intelligenz

Inzwischen scheint die chinesische Regierung ihre Strategie allerdings zu ändern und die Lager zu schließen. Der Grund dafür sei weniger das schlechte internationale Echo, sondern vielmehr, dass die brachiale Eingliederungspolitik Wirkung zeige. Die Anreize für Han-Chinesen, in die Region zu ziehen, sowie die Zwangssterilisierung, von denen uigurische Frauen berichten, hätten die Demografie der Region verändert. Bald schon würden Han-Chinesen, die 1949 nur knapp 7 Prozent der Bewohner Xinjiangs ausmachten, dort in der Mehrheit sein. Zudem könne die chinesische Regierung inzwischen die Uiguren mit Hilfe von Kameras und künstlicher Intelligenz, aber auch Polizei und Denunziantentum, auch außerhalb der Lager überwachen – Mattheis verwendet den Begriff „Freiluftgefängnis“. 

Mattheis schreibt kurze, aber tiefgehende Kapitel. Er porträtiert uigurische Einwohner, Aktivisten und Politiker, und geht auf geschichtliche Hintergründe und wirtschaftliche Aspekte ein. Sein Buch ist spannend zu lesen und eignet sich auch für Leser, die bislang noch nicht viel über die Region wissen. Bei all dem appelliert Mattheis an die Staatengemeinschaft, dieses Unrecht nicht weiter zu ignorieren. Vor allem Deutschland sei aufgrund seiner Geschichte verpflichtet, bestehende Möglichkeiten der Einflussnahme auszuschöpfen. Wirtschaftspolitisch gebe es Spielräume, Produkte aus den Lagern zu boykottieren und mehr Transparenz zu fordern. Momentan blieben diese mehr oder weniger ungenutzt.
 

Neuen Kommentar schreiben