Die Schuld nicht auf Verbraucher schieben

Ursula Bittner: Greenwashing. Das schmutzige Geschäft mit deinem Gewissen. Oekom-Verlag, München 2025, 300 Seiten, 25 Euro

Die österreichische Wirtschaftsexpertin und Greenpeace-Sprecherin Ursula Bittner beschreibt in ihrem „Buch Greenwashing. Das schmutzige Geschäft mit deinem Gewissen“, wie sich Unternehmen als Umweltretter inszenieren und gleichzeitig die globale Klimakrise verschärfen.

Ausgerechnet der internationale Ölkonzern BP hat die Idee des „CO2-Fußabdrucks“ in den frühen 2000er Jahren populär gemacht, schreibt die Autorin zum Einstieg in ihr Buch. Da es angesichts erdrückender Belege keine Option mehr war, den Klimawandel zu leugnen, änderte der Konzern damals seine Strategie – und lenkte die Verantwortung dafür weg von der fossilen Industrie hin zum individuellen Konsum der Verbraucher. Diesen und weiteren Spielarten der Verdrehung von Verantwortlichkeiten geht die Autorin in sechs Kapiteln auf den Grund. 

So klärt sie über Täuschungsstrategien und Tricks auf und geht auf fragwürdige Gütesiegel wie Marine Stewardship Council (MSC) oder Kompensationen wie Atmosfair ein, die sie als Erscheinungen eines modernen Ablasshandels betrachtet. Zumal es oft keine unabhängige Kontrolle der Siegel gibt oder die Kriterien nur einen kleinen Teil der Lieferkette betreffen. Auch nennt Bittner Hauptverursacher der Klimakrise beim Namen – von fossiler Industrie wie Shell, BP oder Wintershall bis zur Finanzbranche wie JPMorgan Chase, Goldman Sachs und ING.

Das Greenwashing begann schon mit dem Erdgipfel 1992

Vor allem indigene Bevölkerungen, die an vielen Orten der Welt als erste von extremen Dürren, Überschwemmungen und Stürmen betroffen seien, würden bei den Weltklimakonferenzen von der Wirtschaftslobby übertönt. Schon der Erdgipfel in Rio de Janeiro 1992, der mit seiner Nachhaltigkeits­agenda von vielen als Meilenstein für die Integration von Umwelt- und Entwicklungsbestrebungen galt, habe das Narrativ der Industrie bedient, dass Umweltschutz und Wirtschaftswachstum gleichrangig seien und ausbalanciert werden müssten, kritisiert Bittner, und sieht darin den Beginn des globalen Greenwashings, das auf den Erhalt einer Wirtschaft ziele, die auf mehr Wachstum, Konsum und Ungleichheit fuße, während Klimaschutz nur durch Degrowth möglich sei. 

Gleichzeitig stellt die Autorin aktuell sowohl in Europa als auch in den USA einen Rückschritt in der Umweltgesetzgebung zugunsten wirtschaftlicher Interessen fest – so fördert die Trump-Regierung unter dem Motto „Drill, Baby, Drill“ massiv die fossile Industrie. In der Folge bauen auch einige der wenigen Unternehmen ihre Klimaschutz-Aktivitäten ab, die wirksamen Umweltschutz betrieben hatten. Dieses sogenannte „Greenhushing“ und „Greencancelling“ gefährde nicht nur die Zukunft des Planeten, sondern auch das Vertrauen in politische und wirtschaftliche Nachhaltigkeitsversprechen, warnt Bittner.

Abschließend ermutigt die Autorin Umwelt-, Klima- und Menschenrechtsbewegungen weiter gegen Greenwashing zu kämpfen – für echte Lösungen von unten wie etwa genossenschaftliche Unternehmen, solidarische Landwirtschaft oder Urban Gardening, um dem drohenden Klimakollaps zu begegnen. Ein lesenswertes Buch für alle, die sich kein schlechtes Gewissen einreden lassen, aber trotzdem etwas tun wollen. 

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