Kämpfe gegen die Fremdbestimmung

Cotton Queen. Deutschland, Frankreich, Palästinensische Gebiete, Ägypten, Katar, Saudi-Arabien, Sudan 2025. Regie: Suzannah Mirghani. 90 Minuten, Kinostart: 23. April 2026

Die 15-jährige Nafisa lebt in einem sudanesischen Dorf, das vom Baumwollanbau lebt. Ein Geschäftsmann aus London bringt genetisch verändertes Saatgut und soll sie heiraten; so wird Nafisa zur Schlüsselfigur im Kampf um die Zukunft des Dorfes.

„Cotton Queen“ ist der erste lange Spielfilm einer sudanesischen Regisseurin. Suzannah Mir­ghani hat diese Kombination aus Coming-of-Age-Film und Dorfdrama mit Hilfe vieler internationaler Partner auf die Beine gestellt. Im Zentrum ihres Drehbuchs steht die 15-jährige Nafisa, die in den Sommerferien mit ihren Freundinnen bei der Baumwollernte auf den Feldern ihrer Großmutter Al-Sit hilft. Die ist eine respektierte Matriarchin, die in der Familie und auch im Dorf die Fäden in der Hand hält. 

Das Mädchen, das in ihrer Freizeit Gedichte schreibt, hegt romantische Gefühle für den jungen Zwiebelbauern Babiker. Dann trifft der junge Geschäftsmann Nadir aus London ein und quartiert sich in einem für Briten gebauten Herrenhaus ein, das sein reicher sudanesischer Vater für ihn gekauft hat. 

Nafisa will Geschäftsmann Nadir nicht heiraten

Die Reaktivierung dieses Symbols des Kolonialismus veranschaulicht den ökonomischen Machtanspruch des ehrgeizigen Agrarunternehmers. Er bringt genetisch modifiziertes Baumwollsaatgut mit, das einen zehnfach höheren Ertrag liefern soll als herkömmliche Sorten und so dem Dorf eine wirtschaftliche Blüte bescheren soll. 

Doch die örtlichen Bauern und auch Nafisa bleiben skeptisch, denn das Saatgut muss jährlich neu gekauft werden und Schädlinge könnten resistent werden. Nafisas Eltern und Al-Sit drängen Nafisa, Nadir zu heiraten, um das Wohlergehen der Familie und der Dorfgemeinschaft zu sichern. Doch die Jugendliche hat andere Ideen für ihre Zukunft. 

Drei Generationen von Frauen im Zentrum der Geschichte

Die ruhige Inszenierung ist unübersehbar feministisch geprägt. Die Regisseurin rückt Nafisas Beziehungen zu drei Generationen von Frauen ins Zentrum der Geschichte: Freundinnen, Mutter und Großmutter. Männer wie Nadir, Babiker oder Nafisas Vater stehen durchweg in der zweiten Reihe. Die wichtigste Bezugsperson für Nafisa, aus deren Sicht der Film weitgehend erzählt wird, ist die Großmutter Al-Sit. Die Dorfälteste ist als ambivalente, geradezu mythologische Figur angelegt. Einerseits schränkt sie – angeblich um Nafisa zu schützen – den Bewegungsspielraum der Enkelin ein, indem sie ihr etwa verbietet, zum Nil zu gehen. Andererseits hat sie Nafisa vor Jahren vor der Genitalverstümmelung bewahrt und tröstet sie, wenn es ihr nicht gut geht. Die Schauspielerinnen Mihad Murtada als Nafisa und Rabha Mohamed Mahmoud als Al-Sit begegnen sich dabei auf Augenhöhe.

Die Spannungen zwischen Großmutter und Enkelin eskalieren, als Nafisa durch einen alten Zeitungsartikel herausfindet, dass die ehemalige Schönheits- und Baumwollkönigin Al-Sit ihre vermeintlich heldenhafte Rolle im Kampf gegen die britischen Kolonialherren stark übertrieben hat. Nafisas aufkeimender Freiheitsdrang kollidiert mit Al-Sits Machtbewusstsein und kulminiert in der Frage, wer über Nafisas Zukunft entscheiden darf. Der Konflikt spiegelt den Zusammenprall von Tradition und Moderne, der sich auch andernorts im Film zeigt, etwa wenn gleichzeitig Wahrsagerinnen und Smartphones befragt und genutzt werden. 

Metaphorische Szenen

Der Regisseurin gelingt es, eine Vielzahl von Themen und Problemen wie Frauenrechte, Beschneidung, genmodifizierte Landwirtschaft, Kolonialismus und Armut versus Reichtum zu behandeln, ohne dass der Film überladen wirken würde. Allerdings leistet sich die Debütantin einige inszenatorische Schwächen wie das dramaturgisch überzogene Finale.  

In das einfühlsame Filmporträt einer Teenagerin auf Emanzipationskurs sind hin und wieder metaphorische Szenen eingebaut, in denen Nafisa sich an die abgebrochene Beschneidungszeremonie erinnert oder von einer Hochzeit mit Nadir träumt. Mehrmals taucht die Figur eines Engels auf, der einmal sogar in einer Theateraufführung vor Kindern den beschönigenden Thesen der Beschneidungsbefürworter entgegentritt. Mit solchen Einschüben setzt Mirghani poetische Akzente in der Tradition des Magischen Realismus. 

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