An einem schwülen Samstagmorgen Anfang Juni versammeln sich Hunderte junge Inderinnen und Inder am historischen Bauwerk Jantar Mantar in Neu Delhi. Sie schwenken die indische Nationalflagge, halten Schulbücher in die Höhe – und nicht wenige von ihnen tragen Kakerlakenmasken. Ihre Forderung: Bildungsminister Dharmendra Pradhan soll wegen einer Pannenserie bei nationalen Prüfungen zurücktreten, außerdem fordern sie bessere Jobperspektiven und dass die Nationale Testagentur (NTA) durch eine neue Behörde ersetzt wird. Die Protestierenden marschieren unter dem Namen „Cockroach Janta Party“ (deutsch „Kakerlakenpartei“, CJP).
Mit dieser erst am im Mai gegründeten Partei parodieren sie bewusst die Bharatiya Janata Party von Premierminister Narendra Modi. Die Partei reagierte damit auf eine Äußerung des Obersten Richters Surya Kant, der Berichten zufolge während einer Gerichtsverhandlung arbeitslose junge Regierungskritiker mit „Kakerlaken“ und „Parasiten“ verglichen hatte. Sie machten die abwertende Bemerkung kurzum zum Rekrutierungsplakat. Binnen weniger Tage sammelte die satirische Bewegung mehr als 350.000 Anmeldungen und über 22 Millionen Instagram-Follower und erklärte sich zur Stimme „der Faulen und Arbeitslosen“.
Proteste wegen manipulierter Prüfungen
Die Bewegung trifft einen Nerv. Denn dass die Prüfungsfragen für den National Eligibility Entrance Test (NEET), eine Art Aufnahmeprüfung im Bereich Medizin, durchgesickert waren – der jüngste Fall in einer Reihe manipulierter nationaler Prüfungen –, hatte bereits Studenten in Delhi und Chennai auf die Straße getrieben. Viele junge Leute bereiten sich teils jahrelang auf diese Prüfungen vor. Sickern dann Prüfungsunterlagen an die Öffentlichkeit durch, müssen sie die Prüfung wiederholen. Vielen fehlt aber das Geld, um noch einmal zum Prüfungszentrum zu reisen.
Angesichts einer geschätzten Arbeitslosenquote von knapp 40 Prozent unter jungen Hochschulabsolventen ist das Prüfungssystem zum Symbol dafür geworden, dass die Institutionen, die eigentlich Leistungsgerechtigkeit gewährleisten sollen, nicht mehr funktionieren. Im Zentrum der Bewegung steht Abhijeet Dipke, ein 30-jähriger Absolvent der Universität Boston, der zuvor in Indien sein Bachelorstudium im Fach Journalismus absolviert hat. Als ehemaliger Kommunikationsstratege der oppositionellen Aam-Aadmi-Partei ist er aus den Vereinigten Staaten zurückgekommen, um die Proteste anzuführen – trotz der von seiner eigenen Familie öffentlich geäußerten Befürchtungen, er könnte bei seiner Ankunft verhaftet werden. Er wurde in Delhi zwar von der Polizei empfangen, erhielt aber die Erlaubnis zu protestieren. „Kakerlaken haben keine Angst, sie sterben auch nie“, sagte er zur Menge und verwandelte damit die Beleidigung durch die Justiz in eine Metapher für das Überleben.
Zensur gegen Satire
Die Reaktion der Regierung lässt vermuten, dass sie den Witz nicht lustig findet. Der Account der CJP auf X wurde in Indien innerhalb einer Woche nach seiner Einrichtung gesperrt – woraufhin Dipke öffentlich fragte, warum der Staat solche Angst vor Satire habe.
Indes schreitet die Protestbewegung weiter voran: Nach Delhi und Pune, wo eine fünf Punkte umfassende „Roachmap“ mit Reformvorschlägen für Prüfungen vorgestellt wurde – darunter Entschädigungen für von Prüfungslecks betroffene Studierende und verpflichtende Ersatzprüfungstermine –, haben sich die Proteste auf Lucknow ausgeweitet; als Nächstes folgen Amritsar, Bengaluru, Jaipur und Hyderabad; für den 20. Juni wurde ein unbefristetes Sit-in angedroht.
Ob sich die CJP in eine dauerhafte Organisation verwandeln kann, muss sich noch zeigen. Sie ist nicht bei der Wahlkommission registriert, verfügt über keinen Apparat, und die Menschen, die sie tatsächlich auf die Straße bringen, sind zwar sehr leidenschaftlich dabei, aber im Vergleich zur Online-Anhängerschaft bescheiden in der Zahl. Doch in einem Land, in dem über die Hälfte der Bevölkerung unter 30 ist, könnte das tiefere Signal wichtiger sein als die Teilnehmerzahl: Indiens Jugend hat eine politische Sprache gefunden, und diese lacht über die Macht, anstatt sie anzuflehen.
Aus dem Englischen von Barbara Erbe.
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