Gerade findet in ganz Indien so etwas wie eine kleine Bildungsrevolution statt – in stundenweise privat zur Verfügung gestellten Zimmern, schmalen Innenhöfen und auf spärlich überdachten Terrassen. Dort eröffnen kleine Gemeindebibliotheken Kindern und jungen Erwachsenen Bildungsperspektiven, die ihnen früher verschlossen blieben. In Orten wie Bhopal, einer Großstadt im zentralindischen Madhya Pradesh, und Bansa, einem kleinen Bauerndorf im Bezirk Sitapur im nordindischen Uttar Pradesh, entwickeln sich diese Bibliotheken zu Lernzentren, Beratungsstellen, sicheren Orten und vor allem Einrichtungen, die Chancengleichheit schaffen. Schülerinnen und Schüler, die zuvor keine Bücher zum Lesen und keinen Platz zum Lernen hatten, erlangen jetzt einen Platz an einer Universität und bestehen Auswahlprüfungen, die normalerweise für sie zu teuren Nachhilfeunterricht erfordern.
Die 20-jährige Sanya, heute Bachelor-Studentin am Institut für Exzellenz in der höheren Bildung in Bhopal, erinnert sich: „Ich bin in der zweiten Klasse zum ersten Mal in die Bibliothek gegangen, nur um Geschichten zu hören oder Bilderbücher mit nach Hause zu nehmen.“ Als sie älter wurde, sei die Bibliothek dann zu ihrem wichtigsten Lernort geworden: „Es ist ruhig dort, es gibt Platz zum Sitzen und es gibt Bücher.“
Ihr Weg zum College verlief nicht reibungslos. Sie bekam keinen Platz an einer staatlich finanzierten medizinischen Hochschule und schrieb sich dann an einer privaten Einrichtung ein, die hohe Gebühren verlangte. Ihre Familie unterstützte sie finanziell nicht, weil sie einer unteren Kaste angehört, in der die Bildung von Mädchen keine Priorität hat. Doch die von Freiwilligen und Gemeindemitgliedern betriebene und mit Spenden finanzierte Bibliothek sprang ein. „Sie half mir mit Geld, Büchern, Uniform und Berufsberatung – die Leute dort sammelten Spenden, um meine Gebühren zu bezahlen.“
Zukunftsträume jenseits gesellschaftlicher Barrieren
Die Gemeindebibliothek ist Teil des Netzwerks Freier Bibliotheken. Das ist ein landesweiter Zusammenschluss von Basisbibliotheken, Aktivisten und Pädagogen, das zum Ziel hat, allen Menschen gleichen Zugang zu Büchern und Informationen zu garantieren – unabhängig von Kaste, Klasse, Geschlecht, Religion, Behinderung oder sozialem Hintergrund.
Die Unterstützung, die Sanya bekam, hat nicht nur ihre akademischen Chancen verbessert, sondern auch ihr Selbstbewusstsein. „Heute kann ich selbst entscheiden, ob und wann ich heiraten möchte. Ich weiß, wie ich allein zu akademischen Veranstaltungen, Workshops und Beratungsgesprächen in und außerhalb der Stadt gelange, und kann für mich selbst sprechen.“
Vielen jungen Frauen geben Bibliotheken Privatsphäre, Sicherheit und Platz für Zukunftsträume jenseits gesellschaftlicher Erwartungen. Zum Beispiel in den nordindischen Bundesstaaten Uttar Pradesh und Madhya Pradesh, in denen die Alphabetisierungsrate bei etwa 68,5 Prozent liegt, deutlich unter dem indischen Durchschnitt von 77,7 Prozent. Allerdings gibt es hier in Landgebieten nicht viele Gemeindebibliotheken – in Uttar Pradesh nur etwa 200 für fast 98.000 Dörfer.
Saba organisiert Bildung im einkommensschwachen Viertel
Die 30-jährige Saba leitet eine Gemeindebibliothek in ihrem einkommensschwachen Viertel in Bhopal. Sie hat mit 14 Jahren begonnen, Kinder informell in ihrem Hof zu unterrichten. Sie weiß aus eigener Erfahrung um die Probleme. „Ich habe selbst die Schule in der achten Klasse abgebrochen“, sagt sie. „Als ich dann anfing, Geld für den Unterricht für Kinder in meiner Gegend zu nehmen, kamen sie nach kurzer Zeit nicht mehr, weil ihre Familien sich das nicht leisten konnten. Da wurde mir klar, dass Bildung völlig kostenlos sein muss.“
Zwar ist der Schulbesuch nach dem indischen Gesetz über das Recht auf Bildung tatsächlich kostenlos. Aber staatliche Schulen haben oft viel zu wenig Lehrkräfte und die Klassen sind sehr groß, so dass, wer es sich leisten kann, Nachhilfe in Anspruch nimmt. Und die kostet Geld, auch für Grundschüler.
Heute hilft Saba beim Betrieb eines Netzwerks von elf Gemeindebibliotheken. Dort nehmen Jugendliche an täglichen Lesestunden, Geschichtenerzählen, Gruppenunterricht und Berufsberatung teil, erhalten Hilfe bei den Hausaufgaben, haben Zugang zu Büchern. Einige Bibliotheken bieten extra Brückenkurse für Mädchen an, die die Schule abgebrochen haben, um sie wieder zum Lernen zu bringen.
Der größte Erfolg dieser Bibliotheken sei, dass sie Mädchen wieder zur Schule brächten, erklärt Saba. „Über 2000 Mädchen, die die Schule abgebrochen hatten, sind durch unsere Arbeit wieder eingeschult worden.“ Dann zählt sie die Namen von Schülerinnen auf, die von ihren Bibliotheken aufs College gegangen sind: Zeba, Suhani Vishwakarma, Saniya, Muskan Shah, Muskan Mansuri.
Gemeindebibliotheken: Orte ohne Diskriminierung
Viele von ihnen sind Lernende der ersten Generation, deren Eltern keine Schule besucht oder die Grundschule nicht abgeschlossen hatten. Andere Kinder werden in der Schule diskriminiert, etwa wenn Lehrkräfte Dalits oder Muslime auffordern, getrennt von den anderen zu sitzen. Mädchen werden auch dafür verspottet, dass sie zur Schule gehen, statt früh zu heiraten, oder während der Menstruation stigmatisiert. Auch werden immer wieder Kinder dafür bestraft, dass sie ohne Uniform, Schultasche oder Lehrbuch in die Schule kommen, weil sie sich diese Dinge nicht leisten können. Für sie werden Bibliotheken zu Orten, an denen diese Diskriminierung nicht existiert; sie bieten ihnen eine Gemeinschaft, die ihre Bildung als Grundrecht betrachtet.
Das Community Library Project in Delhi, das 2009 als bescheidener Buchclub begann, ist mittlerweile auf vier Zweigstellen angewachsen, die rund 4000 Kindern kostenloses Lesematerial zur Verfügung stellen. Weiter südlich in Karnataka hat die nichtstaatliche Organisation Hasiru Dala im Jahr 2017 die Buguri-Gemeindebibliotheken ins Leben gerufen, um den Kindern von Müllsammlerfamilien zu helfen. Im selben Bundesstaat gibt es 17 sogenannte „Buchnest“-Minibibliotheken, die in Bushaltestellen untergebracht sind. Und in Mumbai hat der städtische Verkehrsbetrieb seit 2022 sogar mobile Bibliotheken in Bussen auf längeren Strecken eingeführt, die den täglichen Weg zur Arbeit in Lesezeit verwandeln.
Vorbereitung auf Auswahlprüfungen: Akashs Erfolg in der Bibliothek
Der 23-jährige Akash hat dank des Bibliotheksnetzwerks die Aufnahmeprüfung der „Staff Selection Commission“ bestanden, also der staatlichen Prüfungskommission, die Arbeitsplätze in Ministerien, Ämtern, Behörden und anderen öffentlichen Einrichtungen vergibt. Sie führt landesweite Prüfungen durch, an denen Jahr für Jahr Millionen junger Bewerber teilnehmen.
„Ich musste zwar nur drei bis vier Stunden am Tag arbeiten, aber zu Hause gab es immer etwas zu tun, oder es war laut“, erinnert sich Akash. „Ich konnte nicht richtig lernen. Als ich von der Bibliothek hörte und dorthin ging, fand ich viele Bücher für Auswahlprüfungen. Deshalb ging ich nach der Arbeit jeden Tag in die Bibliothek. Dort machte ich Probeprüfungen und lernte ohne Störungen.“ Für ihn war besonders diese Routine sehr wichtig: „Durch die Bibliothek bekam mein Leben einen Zeitplan. Ich konnte jeden Tag zu einer festen Zeit lernen. Ohne die Bibliothek hätte ich es wohl nicht bis hierher geschafft.“
Tausende Schüler machen ähnliche Erfahrungen. Eine Umfrage unter öffentlichen Bibliotheken in Bundesstaat Karnataka hat ergeben, dass fast drei Viertel ihrer Nutzer Schüler waren, von denen viele mehr als vier Stunden täglich lernten – ein Muster, das sich in der Gestaltung der Gemeinschaftsräume widerspiegelt.
Von Jugendlichen betrieben: die Bansa-Gemeindebibliothek
Eine zentrale Rolle spielt das Bansa-Gemeindebibliothekszentrum. „Am wichtigsten ist es, die Gemeinschaft von Anfang an einzubeziehen“, erklärt dessen Mitbegründer Jatin Lalit. „Setz dich zu ihnen, sprich mit ihnen, verstehe ihre Bedürfnisse. Beziehe sie in die Entscheidungen ein, sogar in die über die Öffnungszeiten der Bibliothek.“ Die Bibliothek werde kostenlos von örtlichen Jugendlichen betrieben. „Unsere jüngeren Mitglieder, sogar Zweieinhalbjährige, haben eine Tageszeit, die sie Bibliothekszeit nennen“, sagt Lalit. „Sie ist zu einem festen Bestandteil ihres Lebens geworden.“
Das Bibliotheksteam vermeidet Zeichen von Hierarchie: Die Mitarbeitenden sitzen nicht auf erhöhten Stühlen, Schüler betreuen andere Schüler, und auch Mädchen und Mitglieder marginalisierter Gruppen übernehmen Führungsrollen. „Die Kinder können hier spielen, malen, tippen, vorlesen – Dinge, die sie in der Schule normalerweise nicht tun dürfen“, berichtet Lalit. Das Programm reicht von Bastel- und Sporttagen über Nachrichten-Lesekreise und Filmvorführungen bis hin zu Umweltaktivitäten. Diese förderten Selbstvertrauen und Neugier – oft die fehlenden Glieder in der Kette für Kinder aus einkommensschwachen Familien.
Die Bibliotheksdichte in Indien ist regional sehr unterschiedlich. Auf dem Papier gibt es Regierungsdaten zufolge Zehntausende öffentliche Bibliotheken. Viele davon sind aber nach wie vor unterfinanziert, unterbesetzt oder unzugänglich für die Bevölkerungsgruppen, die sie am dringendsten benötigen. Gleichzeitig sind die Abbruchquoten in der weiterführenden Schule unverändert hoch, insbesondere bei Mädchen, Dalit- und Adivasi-Schülern sowie Kindern aus Haushalten mit unregelmäßigem Einkommen. Das spiegeln Jahr für Jahr auch Lernstandserhebungen wider.
Revolutionen beginnen mit einem Raum voller Bücher
Gemeindebibliotheken können die Lücke zwischen Anspruch und Zugang schließen. Sie benötigen nur wenig Infrastruktur: einen Raum, ein Regal, gespendete Bücher, jemanden, der sich darum kümmert. Saba hat den einfachsten Rat für alle, die eine Bibliothek gründen möchten: „Lies zuerst selbst viel. Dann geh ins Dorf und erzähle anderen Geschichten. Die Bibliothek wird sich von selbst aufbauen.“
Solche Bibliotheken können keine strukturellen Probleme wie Arbeitslosigkeit oder geschlechtsspezifische Arbeitsnormen lösen und keine Ausgaben für Schulen, Lehrerausbildung oder digitalen Zugang ersetzen. Aber sie leisten etwas, was Institutionen oft nicht schaffen: Sie bieten einen Ort für Kinder und junge Erwachsene, die still und beharrlich versuchen, ihre Ausbildung fortzusetzen.
Wenn Sanya sagt, dass die Bibliothek ihr beigebracht hat, alleine zu reisen und an neuen Orten zu sprechen, oder wenn Akash sagt, dass er zum ersten Mal eine tägliche Lernroutine entwickelt hat, beschreiben sie Veränderungen, die jede Person einzeln durchlebt. Das ist langsame Arbeit. Aber sie ist auch nachhaltig. In der Regel beginnen Revolutionen an Orten wie den Armensiedlungen von Bhopal oder den Dörfern von Sitapur genau so: mit einem Raum voller Bücher, einem Plastikstuhl, einer Matte auf dem Boden und jemandem, der darauf wartet, dass du kommst.
Aus dem Englischen von Barbara Erbe.
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