María Elena Coj hat es geschafft. „Ich bin die erste Frau aus meinem Dorf, die eine private Universität besucht“, sagt die 19-Jährige vom Volk der Maya Kaqchikel. Sie stammt aus Peña Blanca, einem Dorf rund 15 Kilometer entfernt von Sololá, der Hauptstadt des gleichnamigen Departments im Süden Guatemalas. Die quirlige Stadt befindet sich über dem berühmten Atitlán-See – mit Blick auf den gleichnamigen Vulkan. Hier geht María Coj am Wochenende und manchmal auch abends an der Universidad Del Valle studieren. Die renommierte Privatuniversität liegt direkt gegenüber der MAIA Impact School, an der María Elena Coj ihr Abitur gemacht hat.
Die Schule war für sie so etwas wie ein Sprungbrett in eine bessere Zukunft. „Ich will Koordinatorin einer sozialen Organisation werden und studiere Management und Verwaltungswesen – neben meiner Arbeit für Puente de Amistad, einer Mikrokredite an Frauen vergebenden Organisation“, sagt Coj. Entspannt sitzt die zierliche Frau in indigener Tracht auf der geräumigen Terrasse im ersten Stock des modernen Schulgebäudes. Hin und wieder kommt sie dort vorbei, um ihre jüngere Schwester Yojana abzuholen oder sich bei einer ihrer ehemaligen Lehrerinnen einen Tipp zu holen. Die helfen ihren früheren Schülerinnen bei der Suche nach Jobs oder einem Stipendium für den Universitätsbesuch, vermitteln aber auch Praktika.
Bei María Elena Coj war das der Start in ihr Berufsleben. „Ich habe 2024 hier in Sololá zwei Praktika bei Puente de Amistad absolviert, für die ich nun seit April 2025 als Beraterin arbeite“, sagt sie mit einem zufriedenen Lächeln und blickt auf die markante Wandmalerei auf einer Wand in der Auffahrt zur Schule. Sie zeigt das Bild einer Gruppe junger Frauen, über denen der Slogan „Starke Wurzeln, tüchtige Frau“ zu lesen ist.
Wie ein Stern am Himmel zu Anführerinnen aufsteigen
Sololá, eine Stadt mit gut 20.000 Einwohnern, ist indigen geprägt. Deutlich über 90 Prozent der Menschen in dem Verwaltungsbezirk gehören einem der drei Maya-Völker Kaqchikel, Quiché oder Tzutuhil an und pflegen ihre indigene Identität und Sprache. Das ist auch in der MAIA Impact School nicht zu übersehen, an der sämtliche Lehrerinnen, Erzieherinnen und Schülerinnen in traditioneller Tracht unterwegs sind.
Auch die ehemalige Direktorin Vilma Saloj, die sich derzeit um Schulkooperationen auf nationaler und internationaler Ebene kümmert, bildet da keine Ausnahme. „Wir engagieren uns seit 19 Jahren für eine bessere Bildung indigener Mädchen und Frauen: erst über begleitende Stipendien an öffentlichen Schulen und seit 2017 an unserer eigenen Schule, der MAIA Impact School“, erklärt sie. MAIA ist der Name eines Sterns, und wie ein Stern am Himmel sollen die Mädchen zu indigenen Anführerinnen aufsteigen, so Anspruch und Idee hinter dem Namen der Schule.
Die ehemalige Schuldirektorin stammt aus einem Maya-Dorf
Als zweitälteste von insgesamt sechs Kindern ist Saloj in einer Maya-Kaqchikel-Familie in einem der rund 80 Dörfer, die zum MAIA-Einzugsgebiet gehören, groß geworden. Sie hatte Glück, durfte genauso wie ihre ältere Schwester die weiterführende Schule besuchen – ihre Eltern konnten, anders als viele andere Eltern, das Geld für den Bus, die Schulsachen und andere Dinge aufbringen.
2010, nach dem Abitur, wurde Saloj auf das MAIA-Bildungsprojekt aufmerksam, weil sie ein Stipendium suchte, um in Kuba Medizin zu studieren. Ein Auslandsstipendium konnte das seit 2007 laufende Projekt der wissbegierigen Saloj nicht anbieten – aber einen Job als Mentorin. Die begleiten MAIA-Schülerinnen im Alter von sechs bis sechszehn, maximal achtzehn Jahren und beraten sie und ihre Eltern. Sie schauen bei den Schülerinnen regelmäßig zu Hause vorbei und fragen nach, wenn eins der Mädchen zum Beispiel in Mathe oder Englisch nicht mitkommt oder morgens immer so schrecklich müde ist, erklärt Saloj.
Oft sind es die Mentorinnen, die dafür sorgen, dass die Eltern den Schulbesuch ihrer Töchter ernster nehmen und sie unterstützen, statt sie morgens noch zum Melken der Kühe zu verpflichten. „Für indigene Mädchen in Guatemala ist traditionell die Rolle am Herd, als Ehefrau und Mutter vorgesehen. Aus Perspektive der Eltern lohnt sich der Besuch einer weiterführenden Schule nicht für ihre Tochter“, sagt Saloj und verweist damit auf ein weit verbreitetes Problem.
Vom schüchternen Mädchen zur selbstbewussten Studentin
Diesen tradierten Ansichten tritt MAIA entgegen, wirbt bei Eltern und bei den indigenen Autoritäten in den Dörfern dafür, den Mädchen eine Chance zu geben, sie zu fördern und gemeinsam für eine bessere Bildung in den indigenen Gemeinden einzutreten. Das trägt auf unterschiedlicher Ebene Früchte. Ein Beispiel ist María Elena Coy, aber auch die Biografie von Vilma Saloj sähe ohne MAIA ganz anders aus. „Ich habe Pädagogik studiert, teilweise parallel zu meiner Arbeit als Mentorin, und an unserer Schule unterrichtet, und ich feile immer wieder mit dem Team an unserem Konzept und unserer Methodik.“
Das unterscheidet MAIA spürbar von dem Ansatz staatlicher Schulen, und die Mentorinnen und Mentoren sind dabei ein wesentliches Element. Englisch ist neben Spanisch und dem Maya-Kaqchikel Unterrichtssprache, Laptops sind Standard, so dass sich die 375 derzeit eingeschriebenen Schülerinnen mehrsprachig unterhalten können und moderne Technik beherrschen – das gibt ihnen Selbstvertrauen.
Das bestätigt auch María Elena Coj, die als Zwölfjährige extrem schüchtern war, heute aber selbstbewusst und lösungsorientiert auftritt. 2018 kam sie an die MAIA Impact School, die einzige weiterführende Schule nur für indigene Mädchen in Mittelamerika. „Bei uns in Peña Blanca gibt es keine einzige weiterführende Schule. Obendrein sind die Plätze eher den Jungen vorbehalten, MAIA war die einzige Option“, erklärt Coj. Sie musste damals ihre Schüchternheit überwinden, bekniete erst ihre Eltern, bat dann die Lehrer um Unterstützung und überzeugte schließlich die MAIA-Auswahlkommission, die bis 2016 die Stipendien vergab und heute die Schulplätze. Die Kommission war so beeindruckt, dass sie Cojs nicht ausreichend guten Grundschulnoten in Kauf nahm. Heute gehört die 19-Jährige zu den Vorbildern an der Schule, spricht ein gutes Englisch und blickt optimistisch in die Zukunft.
Perspektiven gegen die vierfache Diskriminierung aufzeigen
Indigenen Mädchen Perspektiven aufzeigen, sie motivieren und im Idealfall an den Universitäten des Landes unterbringen, das ist erklärtes Ziel der MAIA Impact School. Ihr Unterhalt von rund 2,8 Millionen US-Dollar im Jahr wird vor allem durch Spenden, meist von Einzelpersonen aus den USA aufgebracht, aber der Aufbau von Kontakten zu Unternehmen und Stiftungen wird ausgebaut. Für den Bau der Schule selbst konnten Saloj, damals Rektorin, und ihr Team Ende 2016 einen potenten Einzelspender aus den USA gewinnen, der anonym bleiben will, sich aber regelmäßig für die Rechte indigener Frauen engagiert.
Das ist überfällig, sagt Saloj: „Indigene Frauen werden in Guatemala gleich vierfach diskriminiert: Sie leben meist auf dem Land mit einer miesen Bildungsinfrastruktur, sind oft arm, Frauen und indigen.“ Die Fakten geben ihr recht: Von vier Millionen indigenen Frauen in Guatemala können 48 Prozent nicht lesen und schreiben. Gerade zwei Prozent der gesamten indigenen Bevölkerung und 1,5 Prozent von ihnen schaffen den Sprung an die Universität, noch weniger beenden das Studium mit einem Abschluss wie Vilma Saloj oder die Menschenrechtsanwältin Wendy López, die mit ihr befreundet ist und ebenfalls aus der Region Sololá stammt.
Die Hürden sind hoch für die indigene Bevölkerung, je nach Quelle zwischen 44 und 53 Prozent der 18 Millionen Guatemaltekinnen. Lange war in Guatemala an Initiativen wie MAIA kaum zu denken. Der blutige Bürgerkrieg von 1960 bis 1996 habe bis nach der Jahrtausendwende für ein Klima des bleiernen Schweigens gesorgt, sagt Wendy López. Erst 2005/2006 habe sich daran etwas geändert. Damals besuchte López die weiterführende Schule, machte ihr Abitur und ging zum Studium an die Universität San Carlos in der Hauptstadt. Als erste indigene Frau kam sie mit dem Jurastaatsexamen nach Hause und arbeitete wenig später als Juristin für die erste indigene Kanzlei Bufete para pueblos indígenas. Heute vertritt sie für die Menschenrechtsorganisation Udefegua verfolgte Menschenrechts- und Umweltaktivisten.
Für López sind Biografien wie ihre eigene überfällig. Im Dorf ihrer Eltern habe es weder Bildungsangebote noch Gesundheitsversorgung gegeben. Gemeinsam mit ihren Schwestern habe sie ihrer Mutter Lesen und Schreiben beigebracht. Die staatliche Infrastruktur habe das Dorf erst Anfang der 2000er Jahre erreicht – nicht ungewöhnlich für viele indigen geprägte Regionen Guatemalas.
Ein Signal der Hoffnung: Stipendien für Guatemalas Zukunft
Das will die Regierung des seit Januar 2024 amtierenden Präsidenten Bernardo Arévalo ändern. Dafür haben viele Indigenen Arévalo gewählt. Nun erwarten sie von ihm Investitionen und Reformen im Bildungssektor, aber auch bei Infrastruktur und Gesundheit. Das weiß die Regierung, und Bildungsministerin Anabella Giracca hat im März 2025 ein Stipendienprogramm aufgelegt, das „ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen und Regionen mit weniger Bildungsangeboten Vorrang“ geben soll.
„Stipendien für unsere Zukunft“ nennt sich das Programm, das über eine Summe von rund 600.000 Euro verfügt und nach und nach kontinuierlich auf rund 30 Millionen Euro jährlich aufgestockt werden soll. Ein Signal in die richtige Richtung, denn nur jeder dritte Jugendliche in Guatemala besucht nach der Grundschule eine weiterführende Schule. Besonders niedrig sind die Zahlen in mehrheitlich indigenen Verwaltungsbezirken wie Sololá, Chiché, Totonicapán oder Huehuetenango. Dürftig sind auch die Lernergebnisse. In Mathematik erreichten 2022 nur 16,2 Prozent der Schülerinnen und Schüler aller Jahrgangsstufen die pädagogischen Ziele der klassischen Pisa-Tests der OECD, bei Lesen und Schreiben waren es 24,2 Prozent.
Für Fachleute wie Vilma Saloj liegen die Gründe dafür unter anderen in den pädagogischen Strukturen. „Wir brauchen Lehrerinnen und Lehrer, die motiviert sind, sich fortbilden, ihre Konzepte anpassen“, benennt sie ein zentrales Defizit. In Sololá haben die lokalen Verantwortlichen vor ein paar Wochen die ersten Verträge mit der MAIA Impact School unterzeichnet, denn die Schule ist neuerdings beauftragt, Lehrerkräfte fortzubilden. „100 Pädagoginnen werden wir im ersten Halbjahr weiterbilden, weitere werden folgen“, sagt Saloj stolz. Sie ist froh, dass die Politik das Bildungsprojekt endlich entdeckt hat.
Das wartet seit Jahren mit beeindruckenden Zahlen auf: Fast die Hälfte, 46 Prozent der bisher etwa 3000 MAIA-Absolventinnen haben sich zum Studium eingeschrieben, 49 Prozent der Absolventinnen haben einen der in Guatemala knappen formalen Arbeitsplätze ergattert.
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