Krieg und Gewalt erschweren überall auf der Welt den Alltag und auch den Schulbesuch. In Teilen Nordnigerias jedoch werden Schulen und Lernende seit 2010 gezielt von der dschihadistischen Terrororganisation Boko Haram angegriffen. Bei ihrem letzten großen Überfall im Jahr 2020 auf eine weiterführende Schule in Kankara (Bundesstaat Katsina) wurden mehr als 300 Schulkinder entführt. In jüngerer Zeit verüben Banditen und andere bewaffnete Gruppen Massenentführungen weiter im Nordwesten des Landes. Schulen und die Regierung versuchen, die Sicherheit zumindest so weit zu verbessern, dass ein Unterricht weitergehen kann.
Viele, die Angriffe auf ihre Schulen miterlebt haben, sind bis heute traumatisiert. Adamu Usman und seine Mitschüler am staatlichen College von Buni Yadi (Bundesstaat Yobe) wurden am 24. Februar 2014 aus dem Schlaf gerissen, als kurz nach Mitternacht eine Kolonne bewaffneter Männer in Lastwagen auf das Internatsgelände fuhr. „Wir fragten uns noch, was draußen vorging, als wir plötzlich Schüsse und Explosionen hörten“, erinnert sich Usman. Er und einige andere rannten aus ihren Zimmern, um Schutz zu suchen. „Als ich das Wohnheim verließ, standen manche Gebäude bereits in Flammen“, berichtet er. Die Angreifer töteten 59 Kinder; fünf weitere werden bis heute vermisst. Alle 24 Schulgebäude und über 40 Personalunterkünfte wurden damals zerstört.
Gezielte Angriffe auf Lehrkräfte und Schulen
Der Anschlag wird Boko Haram zugeschrieben. Ein Kernziel der Organisation ist, den Zugang zu westlicher Bildung zu verhindern. Sie hat auch Lehrkräfte angegriffen. Yamani Muktar, Lehrer an einer Grundschule in Maiduguri, erhielt 2013 einen Drohbrief. „Sie warnten mich, dass sie mich töten würden, wenn ich nicht aufhörte zu unterrichten“, erzählt er. Wenige Tage später drangen Kämpfer von Boko Haram in sein Haus ein, während er abwesend war, und verbrannten seine Qualifikationsnachweise und Bücher. Kurz darauf wurde seine Schule niedergebrannt.
Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef wurden in Nigeria zwischen 2014 und 2018 mehr als 2300 Lehrkräfte getötet und 19.000 vertrieben, die meisten von Boko Haram. Seitdem sind mehrere hundert weitere Lehrkräfte ums Leben gekommen. Etwa 1400 Schulen wurden zerstört; viele können aufgrund der schweren Schäden oder ihrer Lage in Terrorgebieten noch immer nicht wieder eröffnet werden. Epizentrum der Aufstände im Nordosten ist der Bundesstaat Borno, aber auch in Yobe und Adamawa kam es seit 2015 immer wieder zu konfliktbedingten Schulschließungen. In den Hochrisikogebieten sind viele Schulen bis heute geschlossen.
Der Nordwesten und das nördliche Zentrum des Landes sind seit einigen Jahren ebenfalls unsicher. Dort ist das Leben von bewaffneten Gruppen bedroht, die lokal als „Banditen“ bezeichnet werden. Sie bestehen vornehmlich aus Viehzüchtern der Fulani-Ethnie, die indigene Bauerngemeinschaften gewaltsam vertreiben wollen. Mehr als zwei Millionen Menschen wurden bereits vertrieben, Hunderttausende getötet. Diese Gruppen greifen ebenfalls zu Massenentführungen von Schulkindern; im November 2025 wurden im Bundesstaat Kebbi 25 Schüler und im Bundesstaat Niger etwa 300 verschleppt.
Anpassung an die ständige Bedrohung: Unterricht im Krisenmodus
Die Lage im Norden Nigerias gilt als eines der schlimmsten Beispiele dafür, wie Konflikte das Bildungswesen beeinträchtigen. Über die Jahre hat sich das System jedoch an die Bedrohung angepasst. Viele Schulen in Borno und anderen Teilen des Nordostens gleichen heute Festungen: Sie sind mit befestigten Toren, Stacheldraht, Umzäunungen und Wachtürmen gesichert. Solarbetriebene Beleuchtung, Überwachungskameras und Warnsysteme helfen, Bedrohungen früh zu erkennen und Lehrer sowie Schüler zu alarmieren.
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Sicherheitskräfte des Militärs, der Polizei und des Nigeria Security and Civil Defence Corps, das eigentlich zum Schutz kritischer Infrastruktur wie Ölpipelines, Kraftwerke und Telekommunikationseinrichtungen gegründet wurde, bewachen nun Schulen. Mit Metalldetektoren wird kontrolliert, ob sich potenzielle Selbstmordattentäter unter Schülern, Lehrern oder Besuchern befinden – in der Region sind bereits viele solche Anschläge passiert. Wo der Staat keine Sicherheit garantieren kann, greifen Eltern und Gemeinden zur Selbsthilfe und finanzieren Bürgerwehren, um Schulen zu sichern und Schüler und Lehrer zu schützen – zum Beispiel in der staatlichen Sekundarschule in Shuwa (Bundesstaat Adamawa).
Mega-Schulen fangen vertriebene Schüler in großer Zahl auf
In sicheren Gebieten entstehen derzeit sehr große Bildungseinrichtungen, sogenannte Mega-Schulen. So versuchen die Behörden, die Aufnahme der enormen Anzahl an Schülern zu gewährleisten, die aus Konfliktzonen in sicherere Gebiete geflohen sind. Allein in die Hauptstadt des Bundesstaates Borno, Maiduguri, sind Hunderttausende vertriebene Schulkinder gekommen, viele ohne ihre Eltern.
Die Nordost-Entwicklungskommission (Northeast Development Commission), die am Bau solcher Mega-Schulen beteiligt ist, erklärt, sie ermöglichten Kindern, deren Bildungsweg von Boko Haram unterbrochen wurde, die Rückkehr in den Unterricht. Laut dem Gouverneur des Bundesstaats Borno, Babagana Zulum, konnten diese Schulen die großen Mengen an konfliktvertriebenen Schülern auffangen. Zudem hat die Landesregierung an vielen Grund- und Sekundarschulen ein System aus Vormittags- und Nachmittagsunterricht eingeführt, um doppelt so viele Kinder aufzunehmen.
Ein anderer Weg, den Schulbetrieb im Nordosten Nigerias aufrechtzuerhalten, ist, Schulen aus Hochrisikogebieten in sicherere Zonen zu verlegen. Wo der Schulweg zu weit ist, haben Organisationen wie UNICEF in unsicheren Gebieten sichere, temporäre Lernräume eingerichtet – allerdings vor allem in Lagern für Binnenflüchtlinge oder in informellen Siedlungen. So konnten zehntausende Kinder in Nordost-Nigeria in den Unterricht zurückkehren.
Anreize für den Schulbesuch zeigen Wirkung
Die Regierung in Borno setzt laut ihrem Sprecher Dauda Iliya gezielte Anreize, um Lehrkräfte und Schüler zu ermutigen, den Schulbetrieb trotz der dschihadistischen Bedrohung neu aufzunehmen. Schülerinnen und Schüler erhalten kostenlose Uniformen, Bücher, Schultaschen, Lernmaterial, Lebensmittel und Hijabs. Ein kostenloser Busdienst entlastet die Eltern finanziell, und in sicheren ländlichen Gebieten wurden tausende Fahrräder verteilt, um Kindern den Schulweg zu erleichtern.
Angesichts des hohen Verlusts an Lehrkräften wurde deren soziale Absicherung verbessert: Höhere Gehälter und die Bereitstellung von Wohnraum sollen helfen, neues Personal zu gewinnen. Die Menschen sollen bewogen werden, die Lager für Binnenflüchtlinge zu verlassen und in ihre Dörfer zurückzukehren. Dies ist allerdings umstritten, da weiterhin Bedenken bestehen, wie sicher es in den Dörfern ist. Nach der Rückkehr kommt es häufig zu Angriffen.
Laut der Regierung von Borno haben diese Maßnahmen die Schulbesuchszahlen trotz der anhaltenden Unruhen gesteigert und die Abbruchraten verringert. Iliya sagt, der Aufstand habe im Jahr 2019 noch 2,2 Millionen Kinder aus dem Bildungssystem gedrängt; diese Zahl sei inzwischen auf unter eine Million gesenkt worden.
Mehr Sicherheit: Auch Mädchen kehren zurück
Musa Salisu, dessen Schule 2018 bombardiert wurde, berichtet, dass er sich 2023 zur Rückkehr in den Unterricht entschloss. Denn die regelmäßigen Notfallübungen gäben ihm ein Gefühl von größerer Sicherheit. „Die Übungen sind sehr hilfreich. Wenn wir Informationen über mögliche Gefahren erhalten, handeln wir strikt nach dem Evakuierungsplan: Wir verlassen das Schulgebäude schnell und suchen einen sicheren Ort auf“, erläutert er. Viele, die wie Musa Salisu lange Zeit dem Unterricht ferngeblieben sind, benötigen damit allerdings mehr Zeit für ihren Abschluss. Oft haben sie in der Zwischenzeit einfache Arbeiten verrichtet und kehren erst in einem höheren Alter in ihre Klassen zurück.
Bemerkenswert ist, dass auch Mädchen, die von Boko Haram am stärksten bedrohte Gruppe, wieder am Unterricht teilnehmen. Aster Isah, deren Schule in Maiduguri 2012 angegriffen wurde, entschloss sich 2021, ihren Bildungsweg fortzusetzen. Sie sagt, sie habe die Schule so lange gemieden, weil Boko Haram mit der Zwangsverheiratung von Schülerinnen gedroht hatte. „Ich habe jetzt keine Angst mehr, am Unterricht teilzunehmen“, erklärt Aster, die später Apothekerin werden möchte. Die Zuversicht teilt auch Bintu Mohammed. Die Drohungen gegen Mädchen hatten sie vor Jahren dazu gezwungen, die Schule in ihrem Dorf Konduga abzubrechen. „Dank der erhöhten Sicherheitsvorkehrungen setze ich meine Ausbildung nun fort“, sagt sie.
Trotz der verbesserten Sicherheitslage in Teilen des Nordostens haben sich aber manche Lernende und Lehrkräfte für einen Umzug in sicherere Landesteile entschieden. Adamu Usman berichtet, dass einige seiner Mitschüler vom College in Buni Yadi den Nordosten dauerhaft verlassen haben, um woanders zur Schule zu gehen, weil sie zu traumatisiert waren, im Nordosten zum Unterricht zu gehen. Der Lehrer Yamani Muktar beobachtet etwas Ähnliches: Kollegen, die miterleben mussten, wie andere Lehrkräfte von Boko Haram getötet wurden, haben der Region den Rücken gekehrt, um in sichereren Landesteilen zu arbeiten.
Safe Schools Initiative: Vom Pilotprojekt zum nationalen Plan
Wegen wachsender Sicherheitsbedrohungen für Schulen in ganz Nigeria hat die Regierung bereits 2014 die Initiative „Safe School“ ins Leben gerufen. Was als Pilotprojekt begann, wurde 2022 zu einem nationalen Rahmenplan ausgeweitet. Schulen im Nordosten mit bewaffneten Wachen zu schützen, orientiert sich an diesem Konzept. Zu den vorgesehenen Maßnahmen gehören auch die Installation von Umzäunungen, verstärkten Klassenzimmertüren, Alarmsystemen und ausgewiesenen Schutzräumen.
Um die Folgen von Schulschließungen abzumildern, setzt das Bildungsministerium auch verstärkt auf alternative Lernmethoden. Dazu zählt der Einsatz digitaler Onlineportale, deren Inhalte landesweit gestreamt werden. Das soll laut dem Ministerium trotz der prekären Sicherheitslage einen ununterbrochenen Bildungsbetrieb gewährleisten. Die öffentliche Stromversorgung ist zwar im Norden unzuverlässig, aber Generatoren und Solarenergie werden inzwischen weithin als Alternativen genutzt, und außer in sehr abgelegenen Gebieten ist fast überall ein Internetzugang verfügbar.
Landesweit bilden sich immer neue dschihadistische oder terroristische Gruppen – Nigeria bekommt die Sicherheitsbedrohung offenbar nicht in den Griff. Aber die Region des Nordostens kann als Vorbild dienen, wie das Bildungswesen selbst unter Bedingungen extremer Unsicherheit aufrechterhalten werden kann.
Aus dem Englischen von Anja Ruf.
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