Islamische Bildung: Zwischen Tradition und Moderne

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Was tut sich in ... Indonesien?
Zwei Schüler der Internatsschule Lirboyo in Java sitzen auf einem Dach und lesen in islamischen Schriften; vor ihnen sitzt eine Katze.
Ulet Ifansasti/Getty Images
Auf dem Dach der 1910 gegründeten Internatsschule (Pesantren) Lirboyo in Kediri in Zentral-Java studieren Schüler islamische Schriften. 
Internatsschulen in Indonesien
Indonesien unterhält das weltweit größte islamische Bildungswesen, dessen Herzstück die Internatsschulen (Pesantren) bilden. Es ist teilweise in das nationale Bildungssystem eingebunden und hat zur Entstehung einer selbstbewussten islamischen Mittelschicht beigetragen.

Ein zentraler Pfeiler des islamischen Bildungswesens in Indonesien sind die Internatsschulen, die von großen muslimischen Organisationen geführt werden, sogenannte Pesantren. Deren Lehrpläne sind äußerst divers. Ihr Fokus liegt auf dem islamischen Glauben und der arabischen Sprache, aber auch Natur- und Sozialwissenschaften werden gelehrt – je nach Orientierung der Einrichtung. 

Syamsul Hadi leitet das Mandarin-Sprachprogramm am islamischen Internat Nurul Jadid in Probolinggo im Osten der indonesischen Insel Java. Diese Schule gehört zu der islamischen Zivilorganisation Nahdlatul Ulama, die mit geschätzt 90 Millionen Anhängern die größte ihrer Art auf der Welt ist. 

Mandarin am Pesantren: Syamsul Hadi schlägt Brücken nach China

Syamsul Hadi vom Mandarin-Sprachprogramm am Pesantren Nurul Jadid (links) und sein Kollege Ahmad Sahida, der Philosophie unterrichtet.

„Unser Bildungsangebot muss mit der Zeit gehen und offen für die globalen Entwicklungen sein“, sagt Hadi. Der junge Mann trägt einen javanischen bodenlangen Wickelrock mit buntem Batikmuster und einen schwarzen indonesischen Hut, der als nationales Symbol gilt. Er erläutert, dass die Schule neben dem obligatorischen Arabisch auch Englisch und Französisch anbietet, die Nachfrage nach Mandarin-Unterricht in den letzten Jahren jedoch besonders stark zugenommen hat. Die chinesische Hochsprache wird in der Oberstufe (10. bis 12. Klasse) gelehrt, ab der elften Klasse intensiv mit sechs Unterrichtsstunden pro Woche und einem täglichen Tutorium. 

Kein Wunder: War das Verhältnis zwischen den beiden Ländern über Jahrzehnte angespannt und chinesische Sprache und Kultur im Land verpönt, so ist China heute Indonesiens stärkster Wirtschaftspartner. Die indonesische Regierung kooperiert beim Ausbau von Chinas „Neuer Seidenstraße“ und drückt bei Pekings Konfrontationen mit den südostasiatischen Staaten im Südchinesischen Meer häufig beide Augen zu. 

Dieser pragmatische Umgang mit China spiegelt sich auch im islamischen Bildungswesen wieder. Dort pflegte man lange einen kritischen Ton gegenüber Peking, insbesondere wegen der Menschenrechtsverletzungen gegenüber der muslimischen Minderheit der Uiguren in Westchina. Diese kritischen Stimmen sind nun leiser geworden. Jetzt setzt man auch im islamischen Bildungswesen auf konstruktive Partnerschaft mit China, in der Bildung ein grundlegendes Element für eine gemeinsame Zukunft ist. 

Jahrtausendealte kulturelle Verflechtungen mit China 

So klären viele islamische Bildungseinrichtungen heute über die jahrtausendealten kulturellen Verflechtungen zwischen Indonesien und China auf, das war früher tabu. Gern wird plakativ auf Zheng He verwiesen, den ruhmreichen chinesischen Seefahrer des 14./15. Jahrhunderts, der Muslim war. Unter den „neun Heiligen“, die laut der Tradition den Islam damals auf Java verbreiteten, sollen chinesische Muslime gewesen sein.

Syamsul Hadi, der Koordinator des Mandarin-Programms, ist selbst Absolvent der Internatsschule Nurul Jadid und hat im Anschluss mit einem Stipendium der chinesischen Regierung in Hangzhou studiert. Er ist sich sicher: „Wir als Schule müssen uns öffnen und internationalisieren. Wir haben hier die Chance, unseren Beitrag zu einer globalen Gesellschaft zu leisten.“

Pesantren Kaliopak und die javanische Kultur

Autorin

Amanda tho Seeth

ist promovierte Politik- und Islamwissenschaftlerin und lehrt am Seminar für Südostasienstudien der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist Expertin für Indonesien und forscht unter anderem zu islamischer Bildung und Wissenschaftsdiplomatie.

Ortswechsel. Am Stadtrand von Yogyakarta in Zentral-Java befindet sich das Pesantren Kaliopak, das ebenfalls zu Nahdlatul Ulama gehört. Ihr Gründer, der Islamgelehrte Jadul Maulana, hat seine Schule am Ufer des Flusses Opak errichtet und sie nach ihm benannt. Im vorislamischen javanischen Animismus wird dem Fluss mit seiner verbindenden Wirkung – er entspringt am heiligen Vulkan Merapi und mündet in den von einer Meeresgöttin bewohnten Indischen Ozean – spirituelle Kraft zugesprochen. Jadul Maulana vertritt eine islamische Strömung, die solche indigenen javanischen Vorstellungen in den Islam integriert. Er will den lokalen mystischen Islam (Sufismus) leben, der vom Zusammenspiel zwischen Islam, Animismus, Hindu-Buddhismus und javanischer Kultur gekennzeichnet ist. 

Diese Internatsschule fördert daher nicht nur eine klassische islamische Ausbildung, die etwa Arabisch, islamische Theologie und islamisches Recht beinhaltet, sondern auch explizit die Bewahrung lokaler kultureller Traditionen. Dazu gehört etwa ­Wa­yang Kulit, das Schattenspiel, oder Shalawat Jawi Emprak, eine Tanz- und Gesangsdarbietung zu Ehren des Propheten Muhammad. 

Auch der Erhalt der javanischen Sprache ist zentral für das Selbstverständnis der Schule. Anders als im Pesantren Nurul Jadid besinnt man sich im Kaliopak auf den kulturellen, teilweise vorislamischen, Reichtum der lokalen Vergangenheit und ihre spirituelle Bedeutung für die Gegenwart. Aber auch Humanismus und Kosmopolitismus gehören zum Selbstverständnis von Kaliopak. Mit den Worten Maulanas: „Wir sind alle Teil der Menschheit, Gottes und des Kosmos. Der Kosmos ist in uns.

Umweltbewusstsein und Transgender im Pesantren

Die Pesantren Nurul Jadid und Kaliopak sind zwei Beispiele für das breite Spektrum an inhaltlichen Profilen im indonesischen islamischen Bildungssektor. Ein neuer Trend ist die Gründung von Pesantren mit Fokus auf die Vermittlung von Umweltbewusstsein gegenüber der göttlichen Schöpfung. In diesen Öko-Pesantren werden Solarzellen installiert, Bio-Gemüse und -Früchte angebaut und das Wasser, das für die Waschungen vor den täglichen fünf Gebeten benötigt wird, wird wiederaufbereitet. In dem eher autonomen Pesantren Waria al-Fatah in Yogyakarta, das lose mit Nahdlatul Ulama verbunden ist, leben und arbeiten Transgender-Personen, praktizieren ihren islamischen Glauben und erweitern ihr Wissen über den Islam. Daneben gibt es im indonesischen Archipel auch Pesantren, in denen intolerante Interpretationen des Islam gelehrt werden. 

In der Internatsschule Al-Fatah Temboro in Ost-Java lesen Schüler 2023 ­während des Ramadan im Koran. Hier lernen auch Kinder aus anderen Ländern Südostasiens.

Bildung für alle: Islamische Internate sind keine Eliteeinrichtung

Was alle Pesantren eint, ist ihr Internatscharakter: Schüler und Schülerinnen wohnen hier und pflegen ein enges Verhältnis zum jeweiligen Pesantren-Führer, einem islamischen Gelehrten, der die spezifische Bildungsausrichtung der Institution beeinflusst. Meist verfügen Pesantren über umliegende Ländereien, aus deren Bewirtschaftung sie sich teils finanzieren. 

Anders als die Bezeichnung „islamisches Internat“ nahelegt, handelt es sich nicht um eine Eliteeinrichtung. Auch wenn es heute anerkannte Pesantren für wohlhabende Gesellschaftsschichten gibt, richten sie sich zum Großteil an sozial schwächere und besonders fromme Bevölkerungsschichten. Sie werden privat geführt und hauptsächlich von islamischen Stiftungen finanziert, wobei der indonesische Staat meist auch Zuwendungen gibt. Die privaten Gelder der Stiftungen stammen aus Spenden, Schulgeld sowie aus Wirtschaftstätigkeiten, an denen sich die Schüler und Schülerinnen beteiligen. Dazu gehören etwa landwirtschaftliche Arbeit, Handwerk oder der Einsatz als Bildungsvermittler in abgelegenen Regionen. 

Glaube und Wissenschaft: Die neue islamische Mittelschicht

Die etwa 42.000 Pesantren sind ein wichtiger Grundpfeiler des nationalen Bildungssystems. Ihre Träger sind Nahdlatul Ulama und die zweitgrößte islamische Zivilorganisation der Welt, die 1912 gegründete Muhammadiyah mit etwa 50 Millionen Anhängern. Diese bemüht sich um die Anschlussfähigkeit des Islam an die Gegenwart und lehnt als überkommen verstandene Traditionen und lokale kulturelle Praktiken sowie Mystik und Sufismus ab. Sie vertritt hauptsächlich eine urban geprägte, progressiv und pragmatisch eingestellte Mittelschicht, die im islamischen Glauben verankert ist und großen Wert auf säkulares Wissen legt, besonders in Medizin und Technik. Dies spiegelt sich in ihren Bildungseinrichtungen wider, die als sehr hochwertig gelten. Insbesondere ihre islamischen Universitäten werden auch gerne von der christlichen Minderheit besucht. 

Nahdlatul Ulama wurde 1926 als Gegenbewegung zu Muhammadiyah gegründet, um den Erhalt des lokalen indonesischen Islams und die Autorität der lokalen Glaubensgelehrten zu sichern. Sie hat ihre soziale Basis in der ländlichen, eher unterprivilegierten Bevölkerung Javas. Sie sieht sich zusehends unter Druck, ihr Bildungsangebot globalen Entwicklungen anzupassen und mehr Gewicht auf Technik und Wirtschaft zu legen, um attraktiv und relevant zu bleiben. Obwohl sie die größere und mächtigere islamische Organisation ist, nimmt sie sich zusehends Muhammadiyahs progressive Einstellung zu Bildung und globalem Wettbewerb als Vorbild.

Pesantren gab es schon vor der Unabhängigkeit Indonesiens 1945. Viele waren Orte des antikolonialen Widerstands gegen die Niederländer. Bis heute werden an Pesantren muslimische Intellektuelle ausgebildet, die die nationalen politischen und religiösen Diskurse prägen. Als besondere Kaderschmieden gelten zwei Pesantren in Ost-Java: das 1899 vom späteren Nahdlatul-Ulama-Gründer etablierte Tebuireng, für das Toleranz und Pluralismus im Zentrum der Ausbildung stehen, sowie das keiner bestimmten Strömung zugehörige Gontor, welches bereits zur Zeit seiner Gründung 1926 neben Arabisch den Englischunterricht verpflichtend machte.

Madrasah-Schulen im nationalen Bildungssystem

Trotz der zentralen Stellung von Pesantren in der indonesischen Gesellschaft war ihr Verhältnis zum Staat und seinem säkular ausgerichteten Bildungssystem häufig von Spannungen geprägt. Sukarno, der Unabhängigkeitsführer und erste Präsident des Landes von 1945 bis 1967, betrachtete islamische Bildungseinrichtungen als den säkularen Schulen unterlegen und fürchtete, sie würden den Nationalismus untergraben. 

Ab den 1950er Jahren wurde der säkular orientierten nationalen Elite jedoch klar, dass man auf die Kapazitäten islamischer Institutionen nicht verzichten konnte, war man doch auf gut Ausgebildete für den Aufbau des Staates angewiesen. So wurden viele islamische Bildungseinrichtungen nach und nach in das nationale Bildungssystem integriert und den säkularen staatlichen Schulen teilweise gleichgestellt – unter der Bedingung, den staatlichen Lehrplan zu integrieren. 

Diese Politik führte dazu, dass ab den 1970er Jahren eine wachsende Anzahl an Pesantren auf ihren Geländen sogenannte Madrasah etablierten, um den staatlichen Vorgaben nach genormter säkularer Bildung gerecht zu werden. Das sind islamische Tagesschulen, die seit 1975 staatliche Gleichstellung mit säkularen Schulen genießen, sobald 70 Prozent ihres Lehrangebots säkulare Bildung nach nationalem Lehrplan ausmachen. Wer eine solche Madrasah absolviert hat, dem oder der stehen die staatlichen Universitäten offen. Heute besuchen die meisten Pesantren-Schüler und -Schülerinnen tagsüber zusätzlich eine hauseigene Madrasah mit säkularen Inhalten und legen dort staatliche Prüfungen ab. 

Die Einrichtung von Madrasah in den Pesantren nutzte beiden Seiten: Dem Staat, weil er dadurch seine Kontrolle über die Lehrinhalte im islamischen Milieu ausbaute und sich Zustrom an fähigem Personal sicherte; und den an islamischer Bildung interessierten frommen Muslimen, weil es ihnen das gesamte Hochschulwesen und mehr Chancen auf dem nationalen Arbeitsmarkt öffnete. Letztlich hat die Einbindung islamischer Bildungsinstitutionen ins staatliche Bildungswesen auch zur größeren Sichtbarkeit des Islam in der Öffentlichkeit und zu einer wachsenden, selbstbewussten muslimischen Mittelklasse geführt. Syamsul Hadi und Jadul Maulana und ihre beiden Pesantren sind dafür Beispiele. 

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erschienen in Ausgabe 1 / 2026: Ab in die Schule
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