Jemen: Lernen trotz Kämpfen und Krieg

Amal Mamoon
In der Grundschule nahe Taiz sitzen Schülerinnen und Schüler gedrängt auf dem Boden. Die meisten haben im Krieg schon Kämpfe erlebt.
Unterricht zwischen Trümmern
Im Jemen sind über 3400 Schulen teilweise oder vollständig zerstört. In den Ruinen einer dörflichen Grundschule nahe Taiz im Südwesten des Landes kommen jeden Morgen Kinder aus der Umgebung zum Unterricht zusammen. Es ist ihre einzige Chance zu lernen.

Die eine Hälfte des Schulgebäudes ist komplett zerstört, die andere Hälfte schwer beschädigt: ohne Fenster, mit bröckelnden Wänden und ungesicherten, stark lädierten Treppen. Statt auf Stühlen und an Tischen sitzen die Kinder auf dem kalten Boden. Die Umgebung ist alles andere als geeignet zum Lernen, aber es ist die einzige Möglichkeit, die sie haben. 

„Die Kinder sind lernbegierig. Einige laufen drei Kilometer, um hierher zu kommen“, sagt Safwan Abduljaleel, Lehrer an der Al-Wafa-Millat-Schule. „Aber sie erhalten keine angemessene Bildung, weil es unmöglich ist, sechs Stunden am Tag auf dem Boden zu sitzen.“ Zudem säßen in einigen Klassenzimmern über 80 Kinder, berichtet Abduljaleel. „Es ist kaum möglich, sie alle zu unterrichten, aber wir nehmen sie auf, weil wir wissen, dass sie keine Alternative haben.“ Einige Kinder hätten allerdings bereits die Schule abgebrochen, weil sie in dem überfüllten, auseinanderfallenden Gebäude nicht lernen könnten. 

Laut dem Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) sind in ganz Jemen über 3400 Schulen teilweise oder vollständig zerstört oder werden für unterrichtsfremde Zwecke genutzt, beispielsweise als Unterkünfte für vertriebene Familien. Insgesamt gehen etwa 4,5 Millionen Kinder nicht zur Schule. 

Selbst die Spiele drehen sich um Krieg

Die Schäden betreffen nicht nur die Gebäude. „Der psychische Zustand der Schüler ist sehr schlecht“, beobachtet Safwan Abduljaleel. „Sie sprechen meist über Kämpfe, und auch ihre Spiele drehen sich um Krieg. Sie bräuchten dringend psychologische Unterstützung.“ Einige seiner Schülerinnen und Schüler sind Vertriebene, andere stammen aus der örtlichen Gemeinde, aber alle haben auf die eine oder andere Weise Kämpfe miterlebt.

„Ich komme nicht jeden Tag zur Schule, weil mir vom Sitzen und Schreiben auf dem Boden Rücken und Knie wehtun“, sagt der Viertklässler Khalid. Auch erinnert er sich daran, wie ein Klassenkamerad von der kaputten Treppe gestürzt ist. „Die Klassenzimmer sind voller Schüler, und wir versuchen, alle gleichzeitig zu gehen. Inzwischen warte ich, bis die Schule leer ist, bevor ich gehe.“ Trotz allem träumt er davon, einmal Lehrer zu werden. 

Ein Mitarbeiter des Bildungsamtes in der Provinz Taiz, der ano­nym bleiben möchte, erklärt, dass aufgrund des Krieges das Budget für die Sanierung beschädigter Schulen fehle. „Aber wir arbeiten mit humanitären Organisationen und anderen Gebern daran. Einige Schulen wurden bereits wiederhergestellt, weitere gehen wir an“, sagt er. Die Sanierungsbemühungen konzentrierten sich dabei auf Schulen in sicheren Gebieten, nicht auf solche in der Nähe der Front wie etwa die Al-Wafa-Millat-Schule.

Täglich hören die Kinder Bombenlärm

Mohammed Ali, der Vater von zwei Kindern, die die Schule besuchen, erzählt: „Sie hören fast täglich Bombenangriffe. Es gibt eine neue Schule in der Nähe, aber die ist nur für Schüler der Sekundarstufe. Ich hoffe, dass unsere jüngeren Kinder bald eine bessere Schule bekommen. Noch wichtiger ist, dass wir eine Schule brauchen, die sich auch um die psychische Gesundheit der Kinder kümmert.“

Während des Besuchs ist aus der Nähe Bombenlärm zu hören. Die Kinder zucken kaum zusammen, sie haben sich daran gewöhnt. „Wenn der Krieg endet, wird sich alles verbessern, auch die Bildung“, sagt Mohammed Ali. „Wir träumen davon, dass wir dann endlich Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen haben.“

Wenigstens bräuchte es einen Psychologen in der Schule

Sayun Saeed, Psychologe in Taiz, bestätigt, dass das Lernen in beschädigten Schulen in der Nähe der Front langfristige schädliche Folgen hat. „Es hält sie in Gedanken an die Kämpfe und die schlimmsten Momente des Krieges gefangen. Wenn Eltern ihre Kinder nicht in eine bessere Umgebung bringen können, muss zumindest ein Psychologe vor Ort sein.“

In Al-Wafa Millat allerdings gibt es keinen Psychologen. Die Lehrer tun ihr Bestes, um diese Generation vor Analphabetismus zu bewahren, aber sie sind besorgt. „Andere Länder legen Wert auf Bildung, um der nächsten Generation zu helfen, etwas zu leisten und zu arbeiten, aber unseren Kindern ist die Welt um sie herum kaum bewusst“, sagt Lehrer Abduljaleel. „Ich fordere die Regierung und internationale Organisationen auf, zu helfen. Diese Kinder sind unsere Zukunft; wir müssen ihnen helfen, eine bessere Zukunft aufzubauen.“

Aus dem Englischen von Barbara Erbe.

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erschienen in Ausgabe 1 / 2026: Ab in die Schule
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