Ein Überzeugungstäter, der sich durch nichts entmutigen ließ

APA/AFP via Getty Images/HERBERT NEUBAUER
Jean Ziegler im April 2019
Zum Tod von Jean Ziegler
Jean Ziegler, der bekannteste Schweizer Marxist, ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und radikale Streiter für eine bessere Welt, ist gestorben.

Es war ein Schlüsselmoment in Jean Zieglers Leben: Anfang der 1950er Jahre, Ziegler war 18 Jahre alt, fuhr er in seiner Heimatstadt Thun mit seinem Fahrrad am Viehmarkt vorbei. Gleichaltrige schufteten dort, unterernährt und in zerrissenen Kleidern. Als er seinen Vater fragte, warum Kinder wie er selbst so behandelt würden, antwortete dieser: „Das kannst du nicht ändern.“

Hans, wie Jean Ziegler mit bürgerlichem Namen damals noch hieß, machte diese Aussage so wütend, dass er von zu Hause weg und nach Paris ging, wo er sich der Kommunistischen Partei anschloss und sich mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir anfreundete. Sie hatten prägenden Einfluss auf ihn: Auf ihren Rat hin änderte er seinen Vornamen in Jean.

Die Szene in Thun ist bezeichnend für den „Aufstand des Gewissens“, den Ziegler danach ein Leben lang predigen würde: Es sei nur eine Frage der Zeit, war er überzeugt, bis das Unrecht in der Welt die Menschen aufrütteln und die Zivilgesellschaft die „kannibalische Weltordnung“, wie er es nannte, des Kapitalismus stürzen würde. Darin sah er das wichtigste Ziel. Er wurde nicht müde, immer wieder die großen Ungerechtigkeiten auf der Welt zu benennen – etwa die, dass alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger stirbt, während die Landwirtschaft weltweit genug Essen produziere, um zwölf Milliarden Menschen zu ernähren. Zieglers Schlussfolgerung: „Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.“ Am 10. Juni ist Jean Ziegler mit 92 Jahren gestorben.

Anders als viele andere Linke blieb Ziegler sich treu

Anders als viele andere Linke seiner Generation, die sich im Laufe ihres Lebens vom Marxismus verabschiedeten, blieb Ziegler seiner Ideologie und seinen Prinzipien treu. Ob als Abgeordneter des Schweizer Nationalrats, dem er drei Jahrzehnte lang angehörte, oder als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung: Er sah sich in subversiver Mission, um im Kampf gegen Hunger und Ungerechtigkeit „die Institutionen zu unterwandern“, wie es ihm einst der kubanische Revolutionsführer Che Guevara aufgetragen hatte.

Ziegler war ein Überzeugungstäter, der sich durch nichts entmutigen ließ, weder durch den Zusammenbruch der Sowjetunion noch durch das weltweite Wiedererstarken der Rechten, auch nicht durch die zahlreichen Verleumdungsklagen, deren Schadensersatzforderungen ihn zeitweise in den Ruin trieben. Mit revolutionärer Verve prangerte er bis zu seinem Tod die Ungerechtigkeiten weltweit und die schändliche Rolle der Schweiz als globaler Banken- und Handelsumschlagplatz an.

Seine harte, teils polemische Sprache brachte ihm neben Verleumdungsklagen auch den Vorwurf ein, zu sehr in Schwarzweiß zu denken und die Komplexität mancher Sachverhalte zu wenig anzuerkennen. Auf die Frage, welche Rolle die Entwicklungspolitik im Kampf für eine bessere Welt spiele, antwortete er in einem Interview mit „welt-sichten“: „Die ist wirklich absolut nebensächlich. Ein schwerer Lastwagen rast in eine Kinderschar hinein, tötet und verwundet. Dann steigt der Fahrer aus und verbindet ein paar Wunden. Das ist Entwicklungshilfe.“ Dass er wiederum in seiner Begeisterung für den Sozialismus auch so manchen Diktator wie etwa Pol Pot in Kambodscha zu lange verteidigte, bezeichnete er später als Fehler.

Ziegler gab zu, Angst vor dem Tod zu haben. Doch als konvertierter Katholik glaubte er daran, dass ihn seine Liebsten nach dem Ende seines Lebens erwarten würden, wie er anlässlich seines 90. Geburtstags dem Schweizer Radio SRF sagte: seine Eltern und Freunde – und natürlich Che. Als Stimme des Gewissens im Diesseits jedoch wird Jean Ziegler fehlen.
 

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