Erwartungen und verkorkste Beziehungen

Nincemon Fallé: Diese glühenden Sonnen. Roman, Gutkind Verlag, Berlin 2025, 224 Seiten, 24 Euro

Der junge Autor Nincemon Fallé aus Côte d‘Ivoire widmet sein lesenswertes Erstlingswerk „Diese glühenden Sonnen“ Studierenden beim alltäglichen Überlebenskampf in der ivorischen Metropole Abidjan.

Afrikas Jugend ist im Aufbruch; die Generation Z protestiert gegen Korruption und Patronage, gegen alte Cliquen und noch ältere Präsidenten, die an der Macht kleben. Über diese Strukturprobleme sind in den letzten Jahren viele Studien erschienen, teils von afrikanischen Experten. Umso interessanter ist es nun, dazu einen inhaltlich und sprachlich pulsierenden Coming- of-Age-Roman mit autobiografischen Zügen zu lesen. Denn Nincemon Fallé hat selbst in Abidjan Literaturwissenschaft und visuelle Kommunikation studiert und nebenher gejobbt, um das zu finanzieren – er kennt  die Sorgen seiner Altersgenossen.

Seine beiden jungen Protagonisten Iro und Thierry sprechen im Roman abwechselnd als Ich-Erzähler; der Autor verwebt ihre unterschiedlichen Biografien und Familiengeschichten. Beide brennen dafür, im Leben voranzukommen. Doch familiärer Ballast lähmt ihren Tatendrang und die Entfaltung ihrer intellektuellen Fähigkeiten. Iro kommt vom Land; seine Mutter ist verstorben, sein Vater gilt im Herkunftsdorf als Verlierer, der es zu nichts gebracht hat. Sein älterer Bruder ist auf dem Weg nach Europa verschollen.

Fallés Protagonisten: Von Existenznot und Zweifeln geplagt

Plötzlich stirbt auch der Vater, und Iro ist für seinen jüngeren Bruder allein verantwortlich. In vielen Dialogen und emotionalen, aber nicht rührseligen Rückblenden nähert sich der Autor diesem von Existenznot und persönlichen Zweifeln geplagten Protagonisten an. Man erfährt auch von Iros alltäglichen Beobachtungen an der Universität und im Großstadtmoloch, wo er als mobiler Straßenhändler in erbarmungsloser Hitze seinen Lebensunterhalt verdient.

Auch Thierry verkauft an einer Hauptverkehrsader T-Shirts; beide versuchen, Passanten ihre Second-hand-Ware aufzuschwätzen. Thierry hätte das eigentlich nicht nötig, doch er hat sich mit seinem wohlhabenden Vater überworfen und im Streit sein Elternhaus verlassen. Sein Vater ist ein gewaltbereiter Polizeichef, der Thierry sadistisch demütigt und körperlich misshandelt. Die Mutter, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, lässt ihren Mann gewähren. Thierry verweigert sich seinen skrupellosen und gefühlskalten Eltern, deren Geltungsdrang als wirtschaftliche Aufsteiger ihn anwidert. Denn damit geht herablassendes Verhalten gegenüber dem Hauspersonal und einer gehbehinderten Schwester der Mutter einher, die zeitweilig bei ihnen wohnt.

Webfehler in der ivorischen Stadtgesellschaft

Gerade diese hilfsbedürftige Frau bietet Thierry einen moralischen Kompass und praktische Zukunftsperspektiven, die aber das Männlichkeitsbild in seiner Gesellschaft konterkarieren. Schließlich muss Thierry auch das angespannte Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder klären. Der Vater der beiden endet letztlich als Krimineller und gebrochener Mann im Gefängnis.

Gesellschaftlicher Erwartungsdruck, dem perspektivlose Heranwachsende kaum standhalten können, verkorkste Vater-Sohn-Beziehungen, gewalttätige Patriarchen und junge Männer, die große Probleme mit sich selbst haben und es nicht wagen, wirkliche Freundschaft zuzulassen – das sind zentrale Themen in diesem Roman. Zugleich erfährt man, wie solche Webfehler in der ivorischen Stadtgesellschaft die Entfaltung des Einzelnen blockieren. Und es geht in diesem schwungvoll geschriebenen Buch um die Höhen und Tiefen einer Männerfreundschaft. 

Neuen Kommentar hinzufügen

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
Wählen Sie bitte aus den Symbolen die/den/das LKW aus.
Mit dieser Aufforderung versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt.
Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.
Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!
„welt-sichten“ schaut auf vernachlässigte Themen und bringt Sichtweisen aus dem globalen Süden. Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung. Warum denn das?
Ja, „welt-sichten“ ist mir etwas wert! Ich unterstütze es mit
Schon 3 Euro im Monat helfen
Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!