Vom Duft der Vanille und der Gier nach ihr

Gaëlle Bélem: Die seltenste Frucht. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2026, 224 Seiten, 25 Euro

Gaëlle Bélem zeigt in ihrem Roman, wie die Geschichte des Vanillegewürzes mit französischer Kolonialherrschaft und Sklaverei auf der Insel La Réunion verwoben ist.

Im Mittelpunkt des Romans der französischen, auf La Réunion geborenen und lebenden Autorin Gaëlle Bélem stehen tropische Pflanzen und einige Männer, die während der Kolonialzeit deren Geheimnisse erforschten. Ihnen folgt die Autorin in üppige Gärten und Gewächshäuser. 

Dreh- und Angelpunkt ihrer Erzählung sind detaillierte botanische Beschreibungen vor allem der Vanillepflanze. Sie zählt zu den Orchideengewächsen Zentralamerikas. Spanische Eroberer brachten die kostbaren Schoten im 16. Jahrhundert von Mexiko nach Westeuropa und kon­trollierten die dortige Produktion und den Handel. Ab 1810 experimentierten Niederländer und Franzosen in ihren Kolonien mit Stecklingen, doch ohne Erfolg. Erst der junge Sklave Edmond Albius erfand 1841 auf La Réunion eine Methode zur manuellen Bestäubung der empfindlichen Blüten, was die Zucht dieser Kletterpflanze und den lukrativen Export ihrer Früchte in großem Stil ermöglichte. Deshalb ist er der Protagonist dieses Romans, einer weitgehend fiktiven Biografie. 

Die Autorin hat in Frankreich unter anderem Geschichte und Geografie studiert. Auf La Réunion arbeitet sie heute als Lehrerin und schreibt preisgekrönte Belletristik über ihre Heimat. In ihrem Roman veranschaulicht sie drastisch, wie französische Siedler dort im 18. und 19. Jahrhundert Sklaven misshandelten. Unter menschenunwürdigen Zuständen lebt auch Bélems Protagonist Edmond Albius, dessen Mutter – eine Sklavin – nach seiner Geburt verblutete. Sein Vater, ein schwarzer Sklave, bleibt verschollen. 

Gewächsshaus statt Zuckerrohrfeld

Das Privileg des Waisenkindes ist es, von Kindheit an seinem „Besitzer“ Ferréol Beaumont in Gärten und Gewächshäusern zur Hand gehen zu können und so von der Schinderei auf dessen Zuckerrohrfeldern verschont zu werden. Zudem erhält der Junge mehr und besseres Essen. Gleichzeitig stellt der Landbesitzer und Botaniker Beaumont gegenüber dem Kind und Heranwachsenden Edmond immer wieder klar, dass dieser zu den Sklaven zählt.

Solch spannungsgeladene Hierarchien durchziehen den Roman. Einerseits bleiben die Rechtlosen auf Distanz zu Edmond, da er klar bevorzugt wird, andererseits brauchen sie seine Hilfe, um willkürliche Auspeitschungen zu vermeiden. Edmonds Eifer für botanische Experimente erschließt sich ihnen nicht, dennoch ermutigen sie ihn dazu, weil sie an ihn glauben. Mit der offiziellen Abschaffung der Sklaverei 1848 wählt Edmond einen eigenen Familiennamen, nämlich Albius (angelehnt an: weiß, Weißer). Armut und Abhängigkeit dauern an, nach einem Diebstahl landet er sogar für Jahre im Gefängnis. Eine glückliche Ehe am Ende seines Lebens ist wegen des Todes seiner schwangeren Frau nur von kurzer Dauer.

Der Roman ist trotz dieser bitteren Geschichte immer wieder poetisch, vor allem weil die Autorin sehr sinnlich die überbordende Pflanzenwelt beschreibt – ihren Duft, ihre Farben und Formenvielfalt. Im Kontrast dazu stehen die Gier der weißen Siedler und die Misere der Versklavten.

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