Zweifel an der vermeintlichen Wunderwaffe

Anfang März hat die Regierung von Bangladesch den Chef der Grameen-Bank, Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, von seinem Posten gefeuert. Ein stärkeres Symbol für die gegenwärtige Krise der Mikrokreditindustrie, die im Nachbarland Indien ihren Ursprung hat, ist kaum denkbar.

Die Entlassung des 70-jährigen Yunus hat wahrscheinlich weniger mit dem Geschäft der von ihm gegründeten Grameen-Bank zu tun, sondern mehr mit der politischen Feindschaft zwischen ihm und der Regierungschefin von Bangladesch, Sheikh Hasina. Aber ohne die gegenwärtige Krise der Mikrokreditbranche wäre die Entlassung von Yunus nicht denkbar gewesen, glaubt Reinhard H. Schmidt, Wirtschaftsprofessor an der Universität Frankfurt und langjähriger Experte für Mikrofinanz. „Da wurde ein Denkmal vom Sockel gestoßen.“

Autor

Tillmann Elliesen

ist Redakteur bei "welt-sichten".

Die Krise begann vor einem halben Jahr im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh. Damals häuften sich Berichte über überschuldete Kreditnehmer, Selbstmorde und Mikrokreditanbieter, die ihrerseits bei Banken in der Kreide standen. Seitdem ist die gesamte Branche in Misskredit geraten, obwohl Experten betonen, dass die Situation in Südindien einmalig sei. Andhra Pradesh hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Eldorado der Mikrofinanz entwickelt. Nirgendwo auf der Welt ist die Dichte von Kunden höher, nirgends wollen mehr Anbieter von diesem Markt profitieren. Sie verliehen zunehmend leichtfertig Geld, ohne ausreichend auf die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden zu achten.

Strittig ist, inwieweit die Krise eine Folge der Kommerzialisierung von Mikrokrediten ist. Symbol für den Wandel in der Branche zu einem Geschäft, mit dem sich viel Geld verdienen lässt, ist der Börsengang des indischen Anbieters SKS im vergangenen Jahr. Bei der KfW-Entwicklungsbank, die zu den weltweit größten Förderern von Mikrofinanzinstituten zählt, sieht man das zunächst einmal nicht nur negativ: „Börsengänge sind nicht per se schlecht“, sagt Matthias Adler vom Kompetenzzentrum Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung. Sie seien ein Beleg für das Vertrauen privater Anleger in die Branche. Und ohne privates Kapital sei die weltweite Nachfrage nach Mikrokrediten nicht zu befriedigen. Mikrofinanzierung sei insgesamt ein großer Erfolg, auch wenn es in einigen Teilmärkten „Überhitzungstendenzen und sicherlich auch schwarze Schafe gegeben hat“.

Debatte über die Folgen der Kommerzialisierung

Für Christa Wichterich hingegen hat eine Schwerpunktverschiebung „von Bedürfnis- zu Marktorientierung“ stattgefunden. Mikrokredite hätten sich als „neoliberale Herrschaftsinstrumente“ entpuppt, mit denen Frauen in die Finanzmärkte integriert werden, schreibt die Journalistin und Indienkennerin in einem Zeitschriftenaufsatz. Auch für Wirtschaftsprofessor Schmidt sind seit dem Börsengang des mexikanischen Mikrokreditanbieters Compartamos vor vier Jahren die „Dinge völlig aus der Bahn geraten“. SKS habe diese Entwicklung fortgesetzt; mit 350 Millionen US-Dollar habe die Börse das indische Unternehmen maßlos überbewertet. Um diese Bewertung zu bestätigen, musste SKS auf ein „überzogenes Wachstum“ setzen, sagt Schmidt. Dennoch hält er es für richtig, dass Mikrokreditanbieter anstreben, unabhängig von Zuschüssen der Entwicklungshilfe zu werden und sich selbst zu tragen. Anders als für Wichterich ist für Schmidt die Krise in Südindien keine zwangsläufige Folge der Kommerzialisierung.

Florian Grohs, der Geschäftsführer Deutschland der internationalen Genossenschaft Oikocredit, sieht die Branche gegenwärtig in einer neuen Phase: Im Vordergrund stehe die Frage, wie weit die Kommerzialisierung gehen dürfe. Grohs glaubt nicht, dass die Branche in Zukunft nur noch vom Renditedenken geprägt sein wird. Bislang gebe es nur eine Handvoll Anbieter, an denen private Investoren in großem Stil beteiligt seien. Die meisten versprächen auch in Zukunft keine großen Renditen, prognostiziert Grohs.

Nötig sind Kreditbüros nach dem Vorbild der Schufa

Weitgehend einig ist sich die Fachwelt darin, dass Mikrokreditanbieter auch Spareinlagen annehmen sollten, aus denen sie ihre Kredite finanzieren können. In Andhra Pradesh dürfen viele das bislang nicht, so dass sie sich selbst bei Banken verschuldet haben. Um ins Spargeschäft einzusteigen, müssen Mikrofinanzinstitute allerdings entsprechend qualifiziert sein – und penibel kontrolliert werden. Nötig sei zudem die Einrichtung von Kreditbüros nach dem Modell der deutschen Schufa, um die Überschuldung von Kreditnehmern zu vermeiden, erklärt Oikocredit-Geschäftsführer Grohs.

Laut den Experten greifen Selbstverpflichtungen der Mikrokreditanbieter allein zu kurz. Die „Prinzipien zum Kundenschutz“, die gut 500 Institute weltweit unterschrieben haben, konnten die Krise in Indien nicht verhindern. Die Prinzipien gehen auf ein 2008 von der Deutschen Bank initiiertes Treffen von Vertretern großer Anbieter zurück. Schon damals hieß es im Abschlusspapier, man sei besorgt über den Mangel an Transparenz in der Branche und die Gefahr der Überschuldung auf vielen Märkten. Strittig blieb aber, wie viel Profit ein Mikrokreditanbieter machen dürfe und wofür die Gewinne verwendet werden sollten.

 

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