In der Hilfe für die Tsunami-Opfer Anfang 2005 wie hier in Sri Lanka ist vieles falsch gelaufen. Fünf Jahre später in Haiti haben die Helfer viele Fehler wiederholt.

„Wir haben nur hochkarätige Berater, die alles wissen“

Wer Entwicklungshilfe leistet, muss ständig abwägen, etwa zwischen lokalen Rechtsvorstellungen und universellen Menschenrechten. Oder zwischen kurzfristigen Entwicklungszielen und langfristigen Anliegen wie dem Klimaschutz. Die Arbeitsgemeinschaft Entwicklungsethnologie hat ein Papier vorgelegt, das solche Dilemmata anspricht und ethische Prinzipien formuliert, die bei Entscheidungen helfen können. Der Berater und Gutachter Frank Bliss sagt, Entwicklungshelfer werden heute zu wenig auf solche Zielkonflikte vorbereitet.

Herr Bliss, in Ihrem Papier betonen Sie unter anderem das sogenannte „Do no harm“-Prinzip. Demnach sollen Entwicklungsprojekte niemandem schaden, auch nicht unbeabsichtigt. Geht das überhaupt? Das heißt doch im Grunde: Am besten gar keine Entwicklungszusammenarbeit.
Der Einwand ist vielleicht in Deutschland berechtigt, wo es üblich ist, dass Leute protestieren, wenn in 300 Metern Entfernung eine Windmühle oder ein Strommast hingestellt werden. Aber in der Entwicklungszusammenarbeit geht es im extremen Fall um Menschenleben. Ein Beispiel aus Sri Lanka: Da wurde für einen Staudamm der Lebensraum von 15.000 Menschen überflutet. Die Leute wurden auf Lastwagen gesetzt, in ein malariaverseuchtes Gebiet transportiert und haben dort Barracken bekommen. Dort sind sie dann wie die Fliegen gestorben. „Do no harm“ heißt nicht, dass man nichts macht, sondern dass man die Leute, die von einem Projekt beeinträchtigt werden, nicht schlechter stellt als vorher.

Entwicklungszusammenarbeit bedeutet immer, dass man sich einmischt, und mein Eindruck ist, dass Ihre Suche nach ethischen Prinzipien ein wenig den Zweck hat, das zu verschleiern. Man will sich möglichst nach allen Seiten absichern, so dass nichts Schlechtes dabei herauskommt.
Nein, wir wollen gar nichts verschleiern. Wir bekennen uns in dem Papier zur Einmischung mittels Entwicklungszusammenarbeit. Aber es muss Grenzen geben, nämlich dort, wo die Leute Nachteile erleiden. Und in dem Papier geht es uns ja nicht nur um die Frage nach der Wirkung von Projekten, sondern auch um individuelles Verhalten: Wenn man mit anderen interagiert, dann muss man bestimmte universell gültige Konventionen achten.

Sie nennen solche Dinge wie Respekt, Empathie, Menschenrechte. Das ist doch alles selbstverständlich ...
Es geht darum, alle Aspekte einmal gebündelt zu präsentieren und nicht verteilt auf ein Dutzend Papiere. Und das mit der Empathie ist durchaus etwas Neues. Sowohl bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit als auch bei der KfW-Entwicklungsbank wurde uns gesagt, mit dem Begriff hätten sie sich so noch nicht im Detail befasst; das nähmen sie gern auf.

Frank Bliss arbeitet als entwicklungspolitischer Gutachter und lehrt Entwicklungsethnologie an der Universität Hamburg.privat

Eigentlich sollte es üblich sein, dass man in der Entwicklungszusammenarbeit versucht, sich in die Partner hineinzuversetzen.
Naja, das ist ja praktisch auf null zurückgefahren worden. Früher gab es die dreimonatige Ausbildung für alle, die in der Technischen Zusammenarbeit tätig sind. Mittlerweile sind es nur noch anderthalb Tage Landeskunde. Da bleibt keine Zeit für tiefgründige, kulturelle Erfahrungen.

Gilt das nur für staatliche oder auch für nichtstaatliche Hilfsorganisationen?
Leider auch für nichtstaatliche. Die Vorbereitungszeit für Mitarbeiter vor der Ausreise ist häufig zu kurz, und sie wird im Land auch nicht so intensiv fortgesetzt, wie es wünschenswert wäre. Viele Leute müssen ins kalte Wasser springen. Das ist bei nichtstaatlichen Organisationen auch eine Frage der finanziellen Ausstattung. Aber es fehlt heute manchmal ein Bewusstsein dafür, wie wichtig diese Aspekte sind.

Erklärt das auch, dass der Gedanke eines partnerschaftlichen Entwicklungsdienstes zunehmend an Bedeutung verliert?
Ja. Ich beobachte das in der Technischen Zusammenarbeit: Wir haben heute die tollen Fachleute, diese Managertypen. Wir unterstützen eigentlich keine Projekte mehr, wir haben nur noch hochkarätige Berater. Und die wissen alles. Ich übertreibe etwas.

Ein anderes ethisches Prinzip aus Ihrem Papier ist die Parteinahme zugunsten von Benachteiligten. Als Beispiel dienen Ihnen Kleinbauern in Indien, die davor geschützt werden müssen, dass ihnen große Agrarbetriebe ihr Land wegnehmen. Damit wird aus dem ethischen Prinzip eine politische Entscheidung für einen bestimmten Entwicklungspfad, nämlich den der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Ist das legitim?
Ja, denn wir sind nicht neutral, sondern folgen in unserem Papier einem bestimmten Entwicklungsbegriff: Die Armen sowie die Nachhaltigkeit stehen im Mittelpunkt. Wenn wir Ethik nur im Verhalten einzelner Personen fordern würden, dann wären wir unpolitisch.

In ihrem Diskussionspapier taucht der Begriff „ownership“ – also das Prinzip, dass die Partner sich die Entwicklungszusammenarbeit zu Eigen machen – an keiner Stelle auf. Warum?
Aus meiner Sicht dient der Begriff der Verschleierung. Immer wenn etwas schief läuft in der Zusammenarbeit, dann wird schnell von „ownership“ gesprochen und die Verantwortung auf die Partner abgewälzt. Aber bei der Planung von Projekten, bei der Frage, ob die Leute an der Basis das überhaupt wollen, wird nie von „ownership“ gesprochen. Deshalb haben wir den Begriff Partizipation gewählt.

Wenn man ein Prinzip wie Partizipation ernst nähme, dann müsste man in einem Land wie Äthiopien doch sagen: Hier können wir nicht arbeiten.
Das kann man vordergründig sicher so sagen, und mit Blick auf Tschad habe ich mich auch dafür ausgesprochen, die Zusammenarbeit zu beenden. Aber ich habe zum Beispiel für die Welthungerhilfe das Länderprogramm Äthiopien evaluiert und war begeistert: Ich kenne kein anderes Land, wo eine Regionalregierung Geld in Projekte von deutschen nichtstaatlichen Organisationen steckt. Das ist fantastisch, und da kann ich nicht sagen, weil mir die Gesamtlinie in dem Land nicht gefällt, mache ich da nichts. Die ethischen Prinzipien sind als Hilfe gedacht, woran man in schwierigen Situationen denken sollte, und nicht als Ausschlusskriterium. Im Tschad hingegen gibt es wirklich niemanden auf der Seite des Staates, der sich zugunsten der Bevölkerung für irgendetwas interessiert.

Nach dem Tsunami 2004 gab es viele Untersuchungen dazu, was bei der internationalen Hilfe alles falsch gemacht wurde. Alles das kann man jetzt wieder lesen, diesmal in Bezug auf die Hilfe für Haiti nach dem Erdbeben 2010. Wir wissen doch längst, was schief läuft. Wozu brauchen wir da noch ethische Prinzipien?
Es wäre in beiden Fällen doch gut gewesen, wenn etwa nichtstaatliche Hilfsorganisationen sich zu dem Prinzip bekannt hätten, dass sie den Leuten verpflichtet sind – und daraus den Schluss gezogen hätten, vielleicht auf ein paar Millionen Hilfsgelder zu verzichten und sich stattdessen mit anderen Organisationen abzustimmen ...

„Wir sind den Menschen verpflichtet“ – das steht bei jeder staatlichen und nichtstaatlichen Hilfsorganisation ganz oben.
Ja, aber viele fühlen sich zumindest auch ihrem Umsatz verpflichtet. Die nichtstaatlichen Organisationen sehen das selbst durchaus als Problem. Ich habe das lange mit dem Vorstand einer deutschen Hilfsorganisation diskutiert: Macht man nur das, was man selbst für richtig hält, und nimmt nur Spendengelder? Oder akquiriert man Projekte und macht das, was die Geber wollen, zum Beispiel die Europäische Union? Denen ist die Frage, ob die Arbeit der Hilfsorganisationen schlüssig ist, ja teilweise völlig egal, solange ihre Budgets vergeben werden.

Müssten ethische Prinzipien für die Entwicklungszusammenarbeit nicht gemeinsam mit den Partnern gefunden werden, wenn überhaupt?
Das ist eine gute Idee, vor allem für die erste von den drei Handlungsebenen, mit denen wir uns in dem Papier befassen. Die betrifft politische Institutionen, die Grundlinien für die Zusammenarbeit definieren. Da geht es um Prinzipien wie die Frage nach dem Entwicklungsbegriff, Partizipation, die Menschenrechte oder Fragen von Macht und Legitimität. Es wäre denkbar, dass man sich mit Partnerinstitutionen auf gemeinsame Prinzipien verständigt. Nur denken Sie an den Fall Äthiopien: Mit dem Zentralstaat geht das wahrscheinlich kaum, eher auf der Arbeitsebene.

Das Gespräch führte Tillmann Elliesen

erschienen in Ausgabe 4 / 2013: Wasser

Neuen Kommentar schreiben