Armut in einem reichen Land: Ein Obdachloser in der Berliner U-Bahn.

Papiertiger oder Wegweiser?

2015 endet die Laufzeit der Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. Die Debatte um ihre Nachfolge hat begonnen – auch auf der Landeskonferenz des Eine Welt Netzes Nordrhein-Westfalen im März in Münster. Hilfsorganisationen wie „terre des hommes“ drängen darauf, die Industrieländer künftig stärker in die Pflicht zu nehmen.

Für das Eine Welt Netz, den Dachverband von rund 1000 Gruppen, Organisationen und Einzelmitglieder im Bundesland, diente die Landeskonferenz vor allem der Positionsfindung zu einem Thema, das die entwicklungspolitische Debatte in den kommenden zwei Jahren  bestimmen wird. „Die Entwicklungsziele geben einen wichtigen Rahmen für unsere Arbeit ab“,  sagt Jens Elmer vom Eine Welt Netz, „und sie sind wichtig für die Vermittlung unserer Themen in die Öffentlichkeit“. 

Autorin

Claudia Mende

ist freie Journalistin in München und ständige Korrespondentin von „welt-sichten“. www.claudia-mende.de

Den im Jahr 2000 von den UN verabschiedeten Entwicklungszielen liegt noch die Vorstellung eines „entwickelten“ Nordens und eines „unterentwickelten“ Südens zugrunde. Sie richten sich in ihrem wichtigsten Anliegen, dem Abbau der extremen Armut, vor allem an die Regierungen der Entwicklungsländer. Die Armutsbekämpfung dort war nicht zuletzt für viele Hilfswerke aber auch gut in der Öffentlichkeit vermittelbar. Diese Vorstellung ist durch den wirtschaftlichen Erfolg der Schwellenländer, aber auch durch steigende Ressourcenknappheit und den Klimawandel  längst überholt. Es wird immer deutlicher, dass der Entwicklungsweg der Industrieländer kein Vorbild sein kann. Dem sollen die neuen Ziele Rechnung tragen – sie werden unter der Bezeichnung „Sustainable Development Goals“ (Nachhaltigkeitsziele) diskutiert. In der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit spielen Fragen nach Lebensstilen und Konsummustern schon seit geraumer Zeit eine zentrale Rolle.

 „Ihr könnt uns nicht sagen, ihr dürft jetzt nicht mehr wachsen“

Organisationen der Zivilgesellschaft wollen ihre Anliegen in den Entwicklungszielen nach 2015 verankert sehen.  Für Danuta Sacher vom  Kinderhilfswerk „terre des hommes“ knüpft die Debatte an eine Grundsatzdiskussion an, die die Organisation schon seit Längerem führt. Es ist die Frage nach  dem Ziel von Entwicklung. „Die Scheidelinie verläuft nicht mehr zwischen Nord und Süd“, sagt Sacher. Sie verlaufe mitten durch die einzelnen Länder. „Heute lautet die entscheidende Frage: Wer lebt auf wessen Kosten?“ Bei Spendern und in der Öffentlichkeit sieht Sacher ein Interesse an globaler Gerechtigkeit jenseits der klassischen Hilfe für Bedürftige.

Die Debatte um die  neuen Entwicklungsziele vermischt sich mit der zunehmenden Kritik am westlichen Wachstumsmodell, die von der Finanzkrise befeuert wird. Für Jens Elmer ist wichtig, dass sich das Drängen nach einem globalen Umsteuern in künftigen Zielen niederschlägt. „Wir wollen die Verantwortung des Nordens stärker betonen“, unterstreicht er.  

Allerdings stehen Wachstumskritik und Nachhaltigkeit in einer Spannung zur Armutsbekämpfung, die nach wie vor für viele Projektpartner  im Süden oberste Priorität hat. Partner vor allem in Lateinamerika befürchteten eine neue Bevormundung, berichtet Danuta Sacher von „terre des hommes“. „Ihr könnt uns nicht sagen, ihr dürft jetzt nicht mehr wachsen“, zitiert sie diese Besorgnis. Im Gegensatz zu den Indus­trienationen müssen in weiten Teilen Afrikas,  Lateinamerikas und sogar in einigen Ländern Asiens erst einmal die Grundbedürfnisse einer breiten Bevölkerungsschicht erfüllt werden.

„Sie werden Wachstum brauchen für eine bessere Infrastruktur, für Schulen und ein gute Gesundheitsvorsorge“, sagt Danuta Sacher. Die Lösung könne deshalb nur in einer Bekämpfung der Armut „in Respekt vor den Grenzen der Natur“ liegen.

erschienen in Ausgabe 4 / 2013: Wasser

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