Freier Zugang zum Präsidentenpalast

In einem armen Land wie El Salvador haben es Menschen mit Behinderungen noch schwerer als in den reichen Industrienationen. Maritza Melara leidet an Kinderlähmung und hat sich trotzdem durchgekämpft. Heute leitet sie die Abteilung für Behinderte im Sozialministerium und konzentriert sich vor allem darauf, in öffentlichen Gebäuden und Institutionen Barrieren zu beseitigen.
Maritza Melara mag keine Rollstühle. Sie wollte nie einen haben. Mit ihren viel zu kurzen Armen und deformierten Händen wäre sie mit einem Standard-Modell ohnehin nicht zurecht gekommen. Lieber hat sie sich mit einem Rollator oder mit Krücken abgemüht, auch wenn das anstrengend war. Aber sie konnte allein stehen und gehen. Erst vor drei Jahren hat sie sich einen Elektrorollstuhl gekauft. Doch als sie vor eineinhalb Jahren zur Direktorin der Abteilung für Behinderte im Sozialministerium von El Salvador berufen wurde, war sie trotz ihres neuen Gefährtes wieder auf Hilfe angewiesen. „Zu Sitzungen im Präsidentenpalast musste ich immer zwei Helfer mitnehmen“, erzählt sie. Es gab viel zu viele für sie unüberwindbare Treppen und Schwellen. Maritza Melara hat Kinderlähmung.

Autorin

Cecibel Romero

ist freie Journalistin in San Salvador. Sie schreibt unter anderem für die „tageszeitung“.

Die Abteilung, der sie vorsteht, ist neu. Sie wurde von der ersten linken Regierung des zentralamerikanischen Landes eingerichtet, die seit Juni vergangenen Jahres im Amt ist. Maritza Melara soll mit ihrem Team dafür sorgen, dass sich der Staat an die UN-Konvention über die Rechte der Behinderten hält, die er 2008 ratifiziert hat. Unter anderem soll sie darüber wachen, dass Behinderte nicht diskriminiert werden und sie dieselben Chancen haben wie alle anderen. Ihr erstes Problem: Sie weiß nicht einmal, für wie viele Menschen sie zuständig ist. Eine verlässliche Statistik über behinderte Menschen in El Salvador gibt es nicht.

Nach der letzten Volkszählung von 2007 sind von den gut 5,7 Millionen Salvadorianern 235.302 behindert – 4,1 Prozent der Bevölkerung. Im nationalen Personenregister dagegen ist festgehalten, dass 248.211 Personalausweise an über 18-Jährige mit einer Behinderung ausgegeben wurden. Drei Viertel von ihnen sind nach dieser Zählung gehbehindert. Zweithäufigste Behinderung sind Verstümmelungen der Arme als Folge von Unfällen oder Kriegsverletzungen, gefolgt von Seh- und Sprachbehinderungen. Eine Studie des Menschenrechtsinstitutes der Zentralamerikanischen Universität von 2009 stellt fest, dass man aufgrund der schlampigen Statistik die hauptsächlichen Ursachen für Behinderungen nicht kenne und sie also auch nicht bekämpfen könne. „In El Salvador hat man Behinderte schon immer als Menschen zweiter oder dritter Kategorie betrachtet“, sagt Melara, „als Objekte des Mitleids und Empfänger von Almosen.“

Sie wurde 1968 als gesundes und aufgewecktes Kind geboren. Schon lange vor der Schule lernte sie lesen und schreiben, beim Spielen mit ihren älteren Geschwistern. Mit fünf Jahren bekam sie Kinderlähmung. Als ihre Mutter sie an der Grundschule von Mejicanos anmelden wollte, einem Vorort der Hauptstadt San Salvador, sagte man ihr, so ein Kind müsse in die Sonderschule. Trotzdem musste das Mädchen routinemäßig einen Lese- und Schreibtest absolvieren. Maritza bestand ihn ohne Probleme. Damit war der Weg zur Schule aber noch nicht frei. Ihre Mutter, eine einfache Schneiderin, musste auf eigene Kosten eine spezielle Schulbank kaufen und sich um eine Betreuungsperson kümmern, die während des Unterrichts auf die Kleine aufpassen sollte. Am Sport durfte Maritza nie teilnehmen. Auch nicht am Kunstunterricht.

Wenigstens zu Hause bei der allein erziehenden Mutter gab es keine Barrieren. El Salvador ist Erdbebengebiet. Die meisten Häuser sind deshalb ebenerdig und haben nur ein Geschoss, keine Treppen und auch keine Schwellen. Ihre Mutter hat ihr sogar einen kleinen Übungsraum eingerichtet mit Geräten zur Stärkung ihrer geschwächten Arme und Beine.„Du bist genauso viel wert wie alle anderen“, hat sie ihr immer wieder gesagt. Nachmittags musste sie wie ihre Geschwister in der Schneiderei helfen. Knöpfe annähen konnte sie auch mit ihren zu kurzen Armen. Draußen aber stieß sie nur auf Hindernisse.

Noch heute bekommt Maritza Melara Tränen in die Augen, wenn sie an ihre Kindheit und Jugend denkt. „Es gab vieles, was ich damals gerne getan hätte“, sagt sie. „Aber ich konnte es nicht, weil ich einfach nicht hinkam.“ Wenn ihre Freundinnen ins Kino gingen oder in einen Park, blieb sie zu Hause. Ihr Studium der Betriebswirtschaft an der Nationaluniversität von El Salvador, mit dem sie 1988 begann, war ein einziger Kampf. Viele Vorlesungen und Seminare konnte sie nicht besuchen, weil sie schlicht nicht in die Hörsäle kam. Sie kopierte stattdessen die Mitschriften ihrer Kommilitonen und ließ sich nur zu den Prüfungen tragen. Noch immer sind die meisten Schulen und Universitäten für Rollstuhlfahrer unzugänglich. Aber im Bildungsministerium arbeitet man an einem Gesetz, nach dem die Gebäude von Bildungseinrichtungen behindertengerecht sein müssen, egal, ob sie öffentlich sind oder privat. Auch die Lehrpläne sollen an die Bedürfnisse behinderter Schüler und Studenten angepasst werden.

In der privaten Wirtschaft dagegen ist man von solchen Überlegungen noch weit entfernt. Maritza Melara kommt mit ihrem roten Elektrorollstuhl nicht einmal in das modernste Bürogebäude der Hauptstadt. Das gläserne Hochhaus mit dem Namen „Turm der Zukunft“ wurde erst kürzlich eröffnet. Im vergangenen Dezember war sie dort zu einem Interview bei einem lokalen Radio eingeladen, dessen Studio im zwölften Stock residiert. Maritza kam durch die Tiefgarage bis vor den Aufzug. Dann wurde ihr Rollstuhl von einer 15 Zentimeter hohen Schwelle blockiert. Sie musste zwei Helfer rufen, um ins Studio zu kommen. „Das ist typisch für unsere Gesellschaft“, sagt sie. „Man geht einfach davon aus, dass behinderte Menschen in so einem Geschäftsgebäude nichts zu suchen haben.“

Dabei hat das Parlament schon im Jahr 2000 ein Gesetz zur Chancengleichheit verabschiedet, das Menschen mit Behinderung verspricht, sie hätten das selbe Recht auf Gesundheitsversorgung, Bildung und Arbeit. Barrieren, die ihre Bewegungsfreiheit einschränken, dürfe es nicht mehr geben. Bis heute aber können Rollstuhlfahrer in keinen einzigen Bus des öffentlichen Personennahverkehrs einsteigen. Über Chancengleichheit am Arbeitsplatz braucht man sich da gar keine Gedanken mehr machen: Wie sollten behinderte Menschen zur Arbeit kommen? Der Artikel 24 dieses Gesetzes schreibt fest, dass öffentliche und private Arbeitgeber pro 25 Beschäftigte einen Behinderten einstellen müssen. Aber nur 37 Prozent der privaten Betriebe haben überhaupt einen Mitarbeiter mit Behinderungen. „Das größte Problem ist die Infrastruktur an den Arbeitsplätzen“, sagt Arbeitsministerin Victoria Marina de Avilés. Es gibt dort viel zu viele Barrieren.

Statt ihre Betriebe behindertengerecht auszubauen, bezahlen die meisten Unternehmer lieber für jeden nicht eingestellten Behinderten 57 US-Dollar Strafe im Monat. Auch in El Salvador ist das ein lächerlicher Betrag. Beim Staat sieht es da kaum besser aus als in der Privatwirtschaft. Nur die Armee hält sich an das Gesetz. Nicht, dass das Militär besonders behindertenfreundlich wäre: Seit dem langen Bürgerkrieg von 1980 bis 1992 arbeiten in den Schreibstuben der Kasernen aber genug kriegsversehrte Soldaten, um die Pflichtquote zu erfüllen.

„Wie soll die Regierung Druck auf die Privatwirtschaft ausüben, wenn sie sich selbst nicht an die Gesetze hält?“ fragt Melara. Sie konzentriert sich in ihrer Arbeit deshalb zunächst auf den öffentlichen Bereich. Der müsse mit gutem Beispiel vorangehen. So hat sie beim Fonds des staatlichen Wohnungsbauprogramms für Geringverdiener erreicht, dass der Zugang zum Gebäude barrierefrei und die Toiletten behindertengerecht eingerichtet wurden. Dann wurden die ersten behinderten Mitarbeiter eingestellt: Einer in der Informatikabteilung und zwei in der Kundenbetreuung. „Monate lange Verhandlungen waren dafür nötig“, erinnert sie sich.

Daniel Barahona arbeitet jetzt in der Informatikabteilung des Fonds. Er ist an beiden Armen amputiert und hat statt der Hände zwei Haken. Er brauchte lange, um seine Arbeit am Computer zu erledigen. Die Personalchefin wollte ihn schon wieder entlassen, weil er viel zu langsam war. Erst als er eine Spezialtastatur bekam, war das Problem aus der Welt geschafft. Melara ist stolz darauf, einen behinderten Ingenieur untergebracht zu haben. „Es gibt hier das Vorurteil, dass behinderte Menschen allenfalls einfache Arbeiten verrichten können“, sagt sie. „Wir arbeiten daran, es aus der Welt zu schaffen.“

Laut der Studie des Menschenrechtsinstituts der Zentralamerikanischen Universität arbeiteten 2009 nur 13 Prozent der Frauen und Männer mit Behinderungen. Vielen bleibt nur das Betteln. Die neue Regierung denkt nun darüber nach, ein Gesetz zu erlassen, nach dem staatliche Einrichtungen nur noch Waren und Dienstleistungen von privaten Unternehmen beziehen dürfen, die die gesetzlich vorgeschriebenen Quoten für die Beschäftigung Behinderter erfüllen. So soll die Privatwirtschaft unter Druck gesetzt werden. Auch das ist ein kleiner Erfolg für Maritza Melara.

Mit ihrem eigenen Leben hat sie bewiesen, dass behinderte Menschen anspruchsvollen Aufgaben gewachsen sind. Sie war Dozentin an der Nationaluniversität und hat an einer privaten Universität mitgeholfen, einen Studiengang für Orthopädie-Techniker aufzubauen. Der ist heute führend in ganz Lateinamerika. Vor ihrer Arbeit beim Staat war sie Vorsitzende einer kleinen Organisation, die sich für die Rechte behinderter Menschen einsetzt. In einem langen Kampf hat sie damals durchgesetzt, dass bei Wahlen die Urnen barrierefrei zugänglich sein müssen. Sie selbst konnte zum ersten Mal 2003 wählen gehen. Da war sie schon 35 Jahre alt.

Und wie steht es mit geistig behinderten Menschen? „Sie werden völlig vergessen“, heißt es in der Studie der Zentralamerikanischen Universität. „Das Schulsystem ist überhaupt nicht auf sie eingerichtet. In der Praxis bedeutet das: Man verwehrt ihnen das Recht auf Bildung.“ Die wenigen Einrichtungen für geistig Behinderte sind eher Aufbewahrungsheime. Es gibt sie nur in den großen Städten. Auch Blinden und Tauben werden Rechte verwehrt: Sie können vor Gericht nicht als Zeugen auftreten, nicht einmal dann, wenn sie selbst Opfer eines Verbrechens geworden sind. Das Gesetz schreibt vor, dass Zeugen ein Verbrechen gesehen oder gehört haben müssen. Maritza Melara hat immerhin schon erreicht, dass Reden des Präsidenten im Fernsehen simultan in Gebärdensprache übersetzt werden. Auf den Internetseiten der Regierung können sich auch Blinde und Taube zurechtfinden. Und bei Wahlen gibt es Stimmzettel in Blindenschrift.

Bei Präsident Mauricio Funes findet Maritza Melara ein offenes Ohr. „Der Staat schenkt den Behinderten nichts“, sagte er, als er Ende Dezember vergangenen Jahres einen behindertengerechten Park eröffnete. „Wir bezahlen nur eine historische Schuld für ihre jahrelange Vernachlässigung.“ Es geht also voran, wenn auch für Maritza Melara manchmal viel zu langsam. Dann muss sie sich sagen: „Was will man erwarten in einem Land wie El Salvador, wo nicht nur für Behinderte viel mehr getan werden müsste?“ Immerhin: Wenn sie heute zu einer Besprechung in den Präsidentenpalast muss, braucht sie keine Helfer mehr. „Ich komme mit meinem Elektrorollstuhl überall hin“, sagt sie. „Selbst ins Büro des Präsidenten.“

erschienen in Ausgabe 2 / 2011: Behinderung: Das Recht auf Teilhabe

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