Schutz für das Leben?

Tausende Frauen sterben in Lateinamerika jährlich an den Folgen einer heimlichen Abtreibung. Ein legaler Abbruch unter hygienischen Bedingungen könnte das Sterberisiko senken. Doch die meisten Länder der Region halten an strengen Verboten der Abtreibung fest.

Die Mitte-Links-Regierung in Uruguay segelt weit voran auf einem progressiven Kurs. Seit dem vergangenen Jahr hat das Land die liberalsten Abtreibungsgesetze in Lateinamerika: Ein Schwangerschaftsabbruch ist bis zur zwölften Woche straffrei, lediglich eine Beratung und eine Bedenkzeit sind vorgeschrieben. Auch Mexiko-Stadt hat vor sechs Jahren einen großen Schritt getan: Die Hauptstadt legalisierte den Abbruch von Schwangerschaften. Sie reagierte damit auf Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO), nach denen die Folgen heimlicher Abtreibungen zu den häufigsten Todesursachen bei Frauen in Lateinamerika zählen. Seitdem ließen dort rund 60.000 Frauen in Mexiko-Stadt eine Schwangerschaft abbrechen – das ist verglichen mit geschätzt knapp 900.000 überwiegend illegalen Abtreibungen jährlich im gesamten Land eine überschaubare Zahl.

Doch diese Beispiele haben keineswegs Schule gemacht. El Salvador, Chile und Nicaragua halten eisern an ihren rigiden Verboten fest. Auch konservativ regierte mexikanische Bundesstaaten wie Guanajuato und 15 weitere haben in der Folge ihre Abtreibungsgesetze verschärft und so den Druck auf die Frauen erhöht. Viele müssen sich wegen eines Schwangerschaftsabbruchs vor Gericht verantworten – auch wenn gar keiner stattgefunden hat.

Autor

Markus Plate

veröffentlicht seit mehr als zehn Jahren Reportagen und Radiobeiträge zu Lateinamerika. Zurzeit arbeitet er als Fachkraft für Brot für die Welt im Kommunikationszentrum Voces Nuestras in San José, Costa Rica.

Wie die heute 28-jährige Yolanda. Vor acht Jahren ging sie in ein Krankenhaus, weil sich in ihrer Brust Zysten entwickelt hatten. Die behandelnde Ärztin kümmerte sich nicht um die Beschwerden, sondern sagte zu ihr: „Du warst das also. Du hast Deine Tochter umgebracht, Du wirst viele Jahre im Gefängnis schmoren.“ Tags zuvor war in einem Rinnstein ein toter Fötus gefunden worden. Für Yolanda und ihre Familie begann ein Martyrium. Sie wurde im Krankenhaus stundenlang festgehalten, angeschrien und durfte weder mit ihrer Familie noch mit Anwälten reden. Yolanda verstand die Welt nicht mehr: „Wie können sie mir so etwas vorwerfen? Ich habe gar nichts getan!“ Der folgende Gerichtsprozess basierte vor allem auf einem Geständnis, das die Polizei erzwungen hatte. Yolanda bekam 30 Jahre aufgebrummt, ohne die Möglichkeit, vorzeitig entlassen zu werden. Nach sieben Jahren gelang es der Frauenorganisation „Asociación de las Libres“, Yolanda frei zu bekommen. Sie hatte gemeinsam mit den Medien so lange auf diesen Justizskandal aufmerksam gemacht, bis an einer Freilassung kein Weg mehr vorbeiführte.

Laut Verónica Cruz Sánchez von den „Libres“, die Yolanda in all den Jahren betreut hat, gab es seit 2000 in Guanajuato 165 Ermittlungen wegen Abtreibung. In insgesamt 13 mexikanischen Bundesstaaten müssten sich Frauen deshalb vor Gericht verantworten. Die meisten hätten mit schweren Koliken oder Blutungen ein Krankenhaus aufgesucht und seien dort vom medizinischen Personal angezeigt worden. Rund zwei Drittel der Anzeigen richten sich gegen junge Frauen zwischen 18 und 22 Jahren, die überwiegend kein oder ein sehr geringes Einkommen haben und wenig gebildet sind. Verónica Cruz Sánchez ist überzeugt davon, dass der Staat arme Frauen kriminalisiert: „Ärzte in öffentlichen Einrichtungen denunzieren, anstatt zu helfen. Frauen sehen sich ohne guten Anwalt Ermittlern ausgesetzt, die eine Straftat konstruieren, und Richtern, die diese Vorwürfe nur abnicken.“

Was die Religionen von Abtreibung halten

Die Haltung der Kirchen und Religionen zum Schwangerschaftsabbruch ist unterschiedlich: In der anglikanischen Kirche sind Abtreibungen und Embryonen-Entnahmen unter Umständen erlaubt, zumal die Kirche…

Wohlhabende Frauen haben dagegen vergleichsweise wenig zu befürchten. Denn in privaten Kliniken wird im Zweifelsfall auch in Ländern mit restriktiven Gesetzen unbemerkt und straffrei abgetrieben. Und sollte das nicht gelingen, bleiben Kuba oder Kanada, Staaten, in denen Abtreibung legal ist. Oder eben Mexiko-Stadt. Fast die Hälfte der Frauen, die in den vergangenen drei Jahren hier abgetrieben haben, leben nicht in der mexikanischen Hauptstadt.

In El Salvador, Chile und Nicaragua sind die Gesetze noch rigider. Hier müssen im Fall eines Schwangerschaftsabbruchs die Frauen, aber auch die Person, die den Eingriff vornimmt, mit einer Gefängnisstrafe rechnen. Das gilt auch für Fälle, in denen der Fötus nicht lebensfähig wäre oder die Fortführung der Schwangerschaft das Leben der Mutter gefährden würde. Bis 2006 war es in Nicaragua immerhin noch erlaubt, eine Schwangerschaft zu beenden, um das Leben der Mutter zu schützen. Doch in jenem Jahr musste sich der ehemalige sandinistische Revolutionsführer Daniel Ortega mit der katholischen Kirche verbünden, um endlich, im dritten Anlauf, Präsident zu werden. Der Deal: Die Kirche möge aufhören, gegen Ortega zu predigen, die Sandinistische Befreiungsfront FSLN würde dafür aus dem eingeschränkten Abtreibungsrecht ein absolutes Abtreibungsverbot machen. Der Plan ging für beide Seiten auf. Mónica Baltodano von der sandinistischen Erneuerungsbewegung (Movimiento Renovador Sandinista,  MRS) setzt sich seit vielen Jahren für ein liberaleres Abtreibungsrecht in Nicaragua ein. Das Verbot führe zu dramatischen Situationen in den Krankenhäusern – etwa wenn der Fötus von der Gebärmutter abgestoßen wird und im Geburtskanal hängenbleibt. Baltodano berichtet von einem Fall, in dem der Arzt sagte: „Wir können den Fötus erst raus nehmen, wenn es keine Lebenszeichen mehr gibt.“ Die Mutter bekam Fieber und starb an einer Blutvergiftung. „Es gibt Dutzende Fälle, in denen Frauen aufgrund solcher Komplikationen gestorben sind“, sagt Baltodano.

Tragische Folgen habe auch das Verbot, nach einer Vergewaltigung abzutreiben, berichtet die Politikerin. Ein Fünftel aller Vergewaltigungen führten zu Schwangerschaften, mehr als die Hälfte der Frauen, die nach einer Vergewaltigung schwanger wurden, seien jünger als 14 Jahre. „Wir sprechen hier von mehr als 1700 Schicksalen im Jahr.“ Baltodano erinnert an ein Mädchen, das 2003 als Neunjährige von ihrem Stiefvater vergewaltigt und schwanger wurde. Die Frauenbewegung setzte sich erfolgreich für eine Abtreibung ein. In der Folge wurde gegen neun Aktivistinnen Strafverfahren wegen Anstiftung zum Schwangerschaftsabbruch eingeleitet, die erst 2010, nach jahrelangem internationalem Druck, eingestellt wurden.

Aktivistinnen werfen dem Vatikan einen frauenfeindlichen Fundamentalismus vor

Für Mónica Baltodano ist das kein Grund zum Optimismus, denn die feministische Bewegung Nicaraguas sei in die Defensive geraten: „In den 1980er Jahren haben wir noch dafür gekämpft, dass die Abtreibung nach einer Vergewaltigung legalisiert wird.“ Heute bleibe nur, für die Frauen zu kämpfen, die ohne einen Schwangerschaftsabbruch sterben würden. „Das ist ein gewaltiger Rückschritt“, sagt sie.

Die Position der katholischen Kirche in der Abtreibungsfrage richtet sich nach der päpstlichen Enzyklika „Evangelium Vitae“ von 1995, die von der Unantastbarkeit menschlichen Lebens spricht und die jede Form von Tötung menschlichen Lebens ablehnt, neben Mord und Selbstmord auch Euthanasie, die Todesstrafe und eben die Abtreibung. Der Erzbischof von San José (Costa Rica), Hugo Barrantes, folgt dieser Linie, wenn er betont, dass „die Kirche immer das Leben vom Moment der Empfängnis an schützen wird und jede Form der Abtreibung daher verurteilt“. Dass die Verzweiflung bei Gläubigen unter Umständen Überhand nimmt, weiß aber auch Barrantes. Um den Menschen die auf Abtreibung stehende Strafe einer „automatischen Exkommunikation“ zu ersparen, erlaubt der Erzbischof zu bestimmten Anlässen die Vergebung dieser Sünde, vor allem während der Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Karfreitag.

Heimlichkeit erhöht das Sterberisiko

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass weltweit pro Jahr 40 Millionen Schwangerschaften abgebrochen werden, mehr als die Hälfte davon unter unhygienischen und für die Frauen oft…

Wenn es um das Leben der Schwangeren geht, dann gibt es zumindest ein „Jein“ aus Rom, das sich etwa in den Gesetzen des laut Verfassung katholischen Staates Costa Rica wiederfindet. Hier sind zumindest theoretisch Schwangerschaftsabbrüche zum Schutz der Gesundheit und des Lebens der werdenden Mutter zulässig.

Aber laut Larissa Arroyo vom „Kollektiv für das Recht, selbst zu entscheiden“ bestehen unterhalb der Gesetzesebene keine Richtlinien für das medizinische Personal, wie im Falle eines solchen „therapeutischen Schwangerschaftsabbruchs“, vergleichbar mit der in Deutschland üblichen medizinischen Indikation, vorzugehen ist. Mutige und progressive Ärzte nehmen einen Abbruch vor, wenn das Leben einer werdenden Mutter gefährdet ist, unsichere und konservative Mediziner weigern sich.

Außerdem gewährt das Gesetz eine Art „Begnadigung“ für einen Abbruch, wenn die Schwangerschaft aus einer Vergewaltigung resultiert und somit „die Ehre der Frau verletzt wurde“. Begnadigung heißt:  Eine Abtreibung ist immer noch ein Verbrechen und darf nicht innerhalb des staatlichen Gesundheitssystems vorgenommen werden. Frauen werden jedoch nicht bestraft, wenn sie heimlich abtreiben und danach einen Gesundheitsposten aufsuchen. Beide Ausnahmen spielen in der Praxis allerdings so gut wie keine Rolle. Laut der staatlichen Gesundheitskasse wurden zwischen 2002 und 2006 gerade einmal 26 therapeutische Abbrüche verzeichnet und nach Gerichtsstatistiken lediglich eine Begnadigung wegen Schwangerschaftsabbruchs nach einer Vergewaltigung.

Dagegen stehen laut einer Studie von 2007 rund 27.000 illegale Abbrüche in dem vier Millionen Einwohner zählenden Land, in gut 8.000 Fällen mussten die Frauen wegen Komplikationen danach medizinische Betreuung in einem staatlichen Gesundheitszentrum in Anspruch nehmen. Die Tendenz ist, auch bei der Zahl von Schwangerschaften bei minderjährigen Mädchen, steigend. Das räumte auch die Regierung ein und führte verpflichtend Sexualkundeunterricht an den Schulen ein – gegen den massiven Protest christlicher Eltern beider Konfessionen.

Aktivistinnen wie Mónica Baltodano werfen insbesondere dem Vatikan einen frauenfeindlichen Fundamentalismus vor. Die katholische Kirche wehre sich gegen die Sexualerziehung an den Schulen und verdamme zugleich junge Frauen, die unverheiratet schwanger werden. Nicaragua habe die höchste Schwangerschaftsrate unter Heranwachsenden in Lateinamerika, viele Mädchen sind jünger als zwölf Jahre. Baltodano: „Und selbst wenn man Enthaltsamkeit predigt: Wie kann die Kirche denn Mädchen zu einem Kind zwingen, das aus einer Vergewaltigung entstanden ist?“

erschienen in Ausgabe 6 / 2013: Ungesunder Wohlstand

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