Den Nachbarn helfen – und den Fremden

Spenden oder streiken: Solidarität hat viele verschiedene Formen. Ihre Wurzeln lassen sich in allen Religionen wiederfinden. Sie geht über Ländergrenzen hinweg. Doch was ist entscheidend dafür, zu wem ein Mensch sich solidarisch verhält?

Das klassenkämpferische Erbe der Anfangsjahre ging jedoch nicht ganz verloren. Es floss in die Ausgestaltung des realen Sozialismus auf deutschen Boden nach 1945 ein: sichtbar in der Namensgebung des nationalen Wohlfahrtsverbandes „Volkssolidarität“ und im steten Rekurs der DDR-Führung auf die „internationale Solidarität“ als Grundprinzip ihrer Außenpolitik. Im Solidaritätsbegriff der undogmatischen Linken und der Dritte-Welt-Solidaritätsgruppen der 1960er und 1970er Jahre fand diese Tradition auf andere Weise ihren Widerhall: Die Solidarität galt nicht mehr als Handlungsmaxime einer Klasse, sondern suggerierte – im Sinne von Che Guevaras „Zärtlichkeit der Völker“ –  gemeinsame Bestrebungen nach Freiheit und Unabhängigkeit auf der Süd- und der Nordhalbkugel.

Doch in dem Maße, in dem soziale Milieus an Bindekraft verloren haben, bröckelt auch das Fundament für einen Begriff von Solidarität, der auf gemeinsamen sozioökonomischen Interessen fußt. So konnten etwa Arbeitsloseninitiativen bislang nirgendwo dauerhaft Interessenvertretungen oder übergreifende Organisationen der Selbsthilfe etablieren – von rudimentären Ansätzen abgesehen. Zur Recht wird dies als Zeichen einer fortschreitenden „Entsolidarisierung“ der Gesellschaft in Folge der neoliberalen Politik der vergangenen Jahrzehnte gedeutet.

Ein Blick in das Jahr 1914 zeigt allerdings, dass Konflikte um den Zusammenhalt der Solidargemeinschaft in der internationalen Arbeiterschaft nicht neu sind: Die meisten Arbeiterparteien Europas ordneten zu Beginn des Ersten Weltkriegs den internationalen Anspruch den nationalen Kriegsanstrengungen unter. Ein weiterer Grundkonflikt lässt sich seit mehr als 90 Jahren in den Sitzungssälen der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf beobachten. Bei der Suche nach international gültigen Arbeitsnormen prallen nicht nur die Interessen von Arbeitgebern und Gewerkschaften aufeinander. Darüber hinaus müssen Interessenskonflikte zwischen Arbeitnehmern in „Hoch-“ und „Niedriglohnländern“ verhandelt werden. Wechselseitige Forderungen nach Solidarität stoßen schnell an ihre Grenzen, nicht erst im globalen Wettbewerb der Gegenwart.

Die Geburtsstunde säkularer Hilfstätigkeit schlug im 19. Jahrhundert

Beim Humanitarismus, einem weiteren Feld praktizierter Solidarität, scheinen andere Gesetze wirksam. Hier kann von „Entsolidarisierung“ kaum die Rede sein. In den meisten westlichen Ländern ist das Aufkommen an Spenden sowie ehrenamtliches Engagement zugunsten der Armen, Notleidenden und Unterdrückten der Welt gleichbleibend hoch. Der faire Handel boomt, westliche Konzerne werden wegen ausbeuterischen Produktionsbedingungen in den Ländern des globalen Südens zunehmend erfolgreich an den Pranger gestellt. Sind das Zeichen für neue „weltbürgerliche“ Formen des Gemeinsinns?

Erneut liefert ein Blick in die Geschichte Aufschluss: Ideelle Grundlagen von Philanthropie und humanitärer Hilfe finden sich früh. In nahezu allen Religionen und Denksystemen lassen sich Anknüpfungspunkte ausmachen. Das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter, der jenseits aller religiösen und ethnischen Schranken, allein aus Mitmenschlichkeit hilft, liefert hierfür nur ein Beispiel – freilich eines, das sich besonders anschlussfähig an das moderne Verständnis von den Grundprinzipien humanitärer Hilfe erweist. Auch der Islam, der Buddhismus oder der Konfuzianismus enthalten Elemente, die Ausgangspunkte für ein mehr oder weniger universelles, die Menschheit als Ganze einschließendes Konzept der Solidarität stützen.

erschienen in Ausgabe 9 / 2013: Solidarität: Was Menschen verbindet

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