Den Nachbarn helfen – und den Fremden

Spenden oder streiken: Solidarität hat viele verschiedene Formen. Ihre Wurzeln lassen sich in allen Religionen wiederfinden. Sie geht über Ländergrenzen hinweg. Doch was ist entscheidend dafür, zu wem ein Mensch sich solidarisch verhält?

Zu Beginn der heißen Phase des Bundestagswahlkampfs ist der fast schon vergessene „Solidaritätszuschlag“ zurück auf der Tagesordnung. Seinen ursprünglichen Zweck als Transferleistung zwischen Ost und West hat er zwar weitgehend verloren. Doch die Diskussion bietet Gelegenheit, über die Grundlagen des Zusammenlebens in Deutschland rund 20 Jahre nach der Wiedervereinigung nachzudenken. An Aufrufen zur Solidarität mangelt es aber auch jenseits deutscher Grenzen nicht. Nahezu täglich appellieren  Hilfsorganisationen daran zugunsten der Opfer humanitärer Krisen. Aufgebrachte griechische Demonstranten fordern sie ebenso ein wie jüngst die Betroffenen der Flutkatastrophe zwischen Donau und Elbe.

Autor

Daniel Maul

ist Historiker an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er leitet ein von der Volkswagen-Stiftung gefördertes Forschungsprojekt zur humanitären Auslandshilfe im 19. und 20.Jahrhundert.

Solidarität ist ein vielschichtiger Begriff, dessen leicht schwammiger Bedeutungsgehalt seinen Gebrauchswert nicht zu beeinträchtigen scheint. Er beschreibt ein soziales Phänomen, dient gleichzeitig als moralische Maxime und politischer Kampfbegriff. Was bedeutet Solidarität? Mit wem bilden wir Solidargemeinschaften? Was entscheidet darüber, wem gegenüber und in welcher Form wir uns solidarisch verhalten?

Solidarität (von lateinisch „solidus“: gediegen, fest, beständig) beschreibt laut Brockhaus eine „Vorstellung politisch-sozialer Brüderlichkeit“, verbunden mit der Bereitschaft, an der Beseitigung von Ungerechtigkeit, Elend oder Unterdrückung mitzuwirken. Sie bezeichnet gleichzeitig eine Haltung und das daraus folgende Handeln. Mit ihrem Wesen setzt sich seit fast zwei Jahrhunderten eine Vielzahl von wissenschaftlichen Disziplinen auseinander. Der französische Soziologe Emile Durkheim erhob zu Beginn des 20. Jahrhunderts Solidarität zu einem gesellschaftlichen Kernprinzip. Er ging davon aus, dass der Zusammenhalt moderner, industrialisierter, arbeitsteiliger Gesellschaften im Wesentlichen von der Solidarität ihrer Mitglieder untereinander abhängt.

Durkheim benutzte den Begriff im Sinne einer grundsätzlichen Anerkennung wechselseitiger Abhängigkeit. Mittels Erziehung, Rechtsetzung und weiterer Faktoren entsteht der Kitt sozialer Verbindlichkeit, der ein gesellschaftliches Zusammenleben erst möglich macht. Durkheims reichlich abstrakter Begriff der „organischen Solidarität“ lässt sich recht mühelos in die global verflochtene Welt der Gegenwart übertragen, um Formen der Solidarität über nationale Grenzen hinweg zu erklären.

Doch zunächst ein weiterer Blick zurück: Folgenreich war hierzulande die Aneignung des Solidaritätsbegriffs durch die Arbeiterbewegung. Solidarität ergab sich nach dem Verständnis der frühen deutschen Sozialdemokratie aus dem gemeinsamen Interesse der Arbeiterinnen und Arbeiter, „das Kapital“ zu bekämpfen. Erst allmählich lockerte sich dieses konfrontative Verständnis. Mit der Zeit wurde Solidarität zu einem Anspruch, der sich an die gesamte Gesellschaft richtet. Ziel war nicht allein die Emanzipation der Arbeiterklasse, sondern ein allgemeiner Zustand sozialer Gerechtigkeit. Damit gab es zunehmend Überschneidungen mit dem Solidaritätsverständnis der christlichen Soziallehre, das eine allgemeine Gültigkeit beansprucht und sich an Ideen sozialer Harmonie orientiert. Beide Traditionen fanden ihren Niederschlag in Institutionen solidarischen Wirtschaftens, in Kooperativen und Genossenschaften sowie in der Gestaltung des deutschen Sozialstaats. 

Das klassenkämpferische Erbe der Anfangsjahre ging jedoch nicht ganz verloren. Es floss in die Ausgestaltung des realen Sozialismus auf deutschen Boden nach 1945 ein: sichtbar in der Namensgebung des nationalen Wohlfahrtsverbandes „Volkssolidarität“ und im steten Rekurs der DDR-Führung auf die „internationale Solidarität“ als Grundprinzip ihrer Außenpolitik. Im Solidaritätsbegriff der undogmatischen Linken und der Dritte-Welt-Solidaritätsgruppen der 1960er und 1970er Jahre fand diese Tradition auf andere Weise ihren Widerhall: Die Solidarität galt nicht mehr als Handlungsmaxime einer Klasse, sondern suggerierte – im Sinne von Che Guevaras „Zärtlichkeit der Völker“ –  gemeinsame Bestrebungen nach Freiheit und Unabhängigkeit auf der Süd- und der Nordhalbkugel.

Doch in dem Maße, in dem soziale Milieus an Bindekraft verloren haben, bröckelt auch das Fundament für einen Begriff von Solidarität, der auf gemeinsamen sozioökonomischen Interessen fußt. So konnten etwa Arbeitsloseninitiativen bislang nirgendwo dauerhaft Interessenvertretungen oder übergreifende Organisationen der Selbsthilfe etablieren – von rudimentären Ansätzen abgesehen. Zur Recht wird dies als Zeichen einer fortschreitenden „Entsolidarisierung“ der Gesellschaft in Folge der neoliberalen Politik der vergangenen Jahrzehnte gedeutet.

Ein Blick in das Jahr 1914 zeigt allerdings, dass Konflikte um den Zusammenhalt der Solidargemeinschaft in der internationalen Arbeiterschaft nicht neu sind: Die meisten Arbeiterparteien Europas ordneten zu Beginn des Ersten Weltkriegs den internationalen Anspruch den nationalen Kriegsanstrengungen unter. Ein weiterer Grundkonflikt lässt sich seit mehr als 90 Jahren in den Sitzungssälen der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf beobachten. Bei der Suche nach international gültigen Arbeitsnormen prallen nicht nur die Interessen von Arbeitgebern und Gewerkschaften aufeinander. Darüber hinaus müssen Interessenskonflikte zwischen Arbeitnehmern in „Hoch-“ und „Niedriglohnländern“ verhandelt werden. Wechselseitige Forderungen nach Solidarität stoßen schnell an ihre Grenzen, nicht erst im globalen Wettbewerb der Gegenwart.

Die Geburtsstunde säkularer Hilfstätigkeit schlug im 19. Jahrhundert

Beim Humanitarismus, einem weiteren Feld praktizierter Solidarität, scheinen andere Gesetze wirksam. Hier kann von „Entsolidarisierung“ kaum die Rede sein. In den meisten westlichen Ländern ist das Aufkommen an Spenden sowie ehrenamtliches Engagement zugunsten der Armen, Notleidenden und Unterdrückten der Welt gleichbleibend hoch. Der faire Handel boomt, westliche Konzerne werden wegen ausbeuterischen Produktionsbedingungen in den Ländern des globalen Südens zunehmend erfolgreich an den Pranger gestellt. Sind das Zeichen für neue „weltbürgerliche“ Formen des Gemeinsinns?

Erneut liefert ein Blick in die Geschichte Aufschluss: Ideelle Grundlagen von Philanthropie und humanitärer Hilfe finden sich früh. In nahezu allen Religionen und Denksystemen lassen sich Anknüpfungspunkte ausmachen. Das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter, der jenseits aller religiösen und ethnischen Schranken, allein aus Mitmenschlichkeit hilft, liefert hierfür nur ein Beispiel – freilich eines, das sich besonders anschlussfähig an das moderne Verständnis von den Grundprinzipien humanitärer Hilfe erweist. Auch der Islam, der Buddhismus oder der Konfuzianismus enthalten Elemente, die Ausgangspunkte für ein mehr oder weniger universelles, die Menschheit als Ganze einschließendes Konzept der Solidarität stützen.

Die Geburtsstunde säkularer Hilfstätigkeit, die unter dem Schlagwort des „Humanitarismus“ die Menschheit erstmals explizit zur Solidargemeinschaft erhob, schlug im 19. Jahrhundert. Die europäische Aufklärung stellte der feudalen Ordnung eine alle Menschen einbeziehende „Kultur des Mitgefühls“ entgegen. Sie diente als Ausgangspunkt für die Definition unveräußerlicher Menschenrechte. Zugleich lieferte sie den Hauptimpuls für humanitäre und reformerische Initiativen; von der Anti-Sklaverei-Bewegung bis zur Volksbildung. Daneben ließen die wachsende wirtschaftliche Verflechtung sowie revolutionäre Entwicklungen beim Transport und der Kommunikation die Welt zum „globalen Dorf“ schrumpfen.

Damit rückte auch das Leid der Opfer von Hungersnöten sowie der Soldaten auf den Schlachtfeldern näher an die Lebenswirklichkeit der Bürger heran. Laut dem amerikanischen Historiker Thomas Haskell ließ die neue Fähigkeit zum Mitgefühl, gepaart mit der von wirtschaftlichem Selbstbewusstsein getragenen Zuversicht, die Welt verändern zu können, viele Menschen über die „humanitäre Schwelle“ treten. Unzählige Institutionen sind aus diesem Geist entstanden: vom Roten Kreuz bis zu Oxfam, von der Caritas bis zu den Ärzten ohne Grenzen. Sie alle eröffneten Wege, Solidarität mit Notleidenden und Unterdrückten vor der eigenen Haustür oder im globalen Maßstab zu praktizieren. Mehr Menschen als je zuvor sind gegenwärtig in solche Solidaritätsbeziehungen integriert. Zugleich eignet sich die organisierte Wohltätigkeit besser als jeder andere Bereich, um  die vielfältigen Begrenzungen von Solidarität aufzuzeigen. Nicht allen Menschen fühlen wir uns gleich stark verbunden. Niemand kann sich gleichzeitig allen gegenüber gleich solidarisch zeigen. Identität spielt eine wichtige Rolle. Menschen nutzen Filter aller Art, religiöse, ethnische, politische, um zu entscheiden, wem gegenüber sie sich solidarisch verhalten wollen. Menschen in unmittelbarer Reichweite stehen den meisten näher als Notleidende in der Ferne.

Der Akt der Solidarität verweist zurück auf den „Geber“ und seine Motive

„Charity starts at home“ lautet ein klassischer Ruf, der Hilfsorganisationen vor allem in Krisenzeiten entgegenschallt. Einige Organisationen tragen diesem Umstand Rechnung, indem sie sich bewusst um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Hilfsprojekten auf nationaler und internationaler Ebene bemühen. Viele weitere Indizien belegen die Thesen der US-amerikanischen „Kommunitaristen“, die davon ausgehen, dass sich Vorstellungen von Moral und Gerechtigkeit am ehesten innerhalb kulturell annähernd homogener Gemeinschaften verbindlich definieren lassen. Sie alleine bilden nach diesem Verständnis Räume „dichter Moral“ und entsprechend verdichteter Solidaritätsbeziehungen. Diese Funktion kann in internationalen Beziehungen nur in Ausnahmefällen und meist nur für kurze Zeit ausgefüllt werden.

Geografische Nähe ist freilich nicht das einzige und oft nicht das entscheidende Kriterium für Solidarität. Hilfseinsätze wie nach dem Tsunami in Südostasien 2004 oder dem Erdbeben in Haiti 2010 sind Beispiele dafür, ebenso wie weitere internationaler Hilfseinsätze von der Berliner Luftbrücke bis nach Biafra, von Bangladesch bis Äthiopien. Hier stellt sich die Frage, wer unter welchen Umständen Solidarität verdient. Zwei Aspekte erscheinen besonders wichtig: Zum einen lässt sich Solidarität, wie die Erfahrungen vielfach zeigen,  am ehesten mobilisieren, wenn Menschen ohne eigenes Verschulden in Not geraten sind. Nach Naturkatastrophen ist die Hilfsbereitschaft in der Regel ungleich größer als bei kriegerischen Konflikten.

Auch die Strategie, Kinder in den Mittelpunkt von Spendenkampagnen zu rücken, ist vor diesem Hintergrund zu verstehen: Kinder repräsentieren Unschuld und Unparteilichkeit und erleichtern auf diese Weise den Akt der Solidarität. Die Bildsprache von Hilfskampagnen, die gleichzeitig versuchen, Nähe (über Identifikationsmöglichkeiten)  und Distanz (über die Darstellung von Leid oder Bedürftigkeit) zwischen Spendern und Hilfsempfängern zu erzeugen, enthüllt vieles über die psychologischen Grundlagen von Solidarität.

Ebenso wichtig ist zum anderen das Bedürfnis, für praktizierte Solidarität Anerkennung zu erfahren. Der Akt der Solidarität beinhaltet stets einen sozialen Aspekt und verweist zurück auf den „Geber“ und seine Motive. Diese Anerkennung kann dabei losgelöst von der messbaren Wirksamkeit des solidarischen Verhaltens erfolgen: Während der reiche Wohltäter à la Bill Gates sein Prestige steigert, kann sich der anonyme Spender als Teil einer national, religiös oder anders bestimmten Gebergemeinschaft fühlen. 

Durkheims Verständnis von der Solidarität als Grundvoraussetzung für das Funktionieren komplexer Gesellschaften hat nichts an Relevanz eingebüßt; sein Bezugsrahmen hat sich jedoch weiter auf die globale Ebene verschoben. Möglicherweise verhalten wir uns auch deshalb solidarisch gegenüber den Armen und Hungernden der Welt, weil wir instinktiv begreifen, dass wir mit diesen in ein Netz gegenseitiger Abhängigkeit verwoben sind. Die Vorteile liegen allerdings im Wesentlichen weiter auf unserer Seite. Solidarität wäre damit auch als Ausdruck eines Schuldgefühls zu werten. Gruppenspezifische, dezidiert interessengeleitete Formen der Solidarität haben heute einen schweren Stand. Solidarität funktioniert in der Gegenwart situationsbezogen und repräsentiert eher latente Stimmungen als ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit. Hinzu kommt eine Unsicherheit, auf welche Weise Solidarität in der Praxis geübt werden kann. Ein Grund, warum die Rufe nach Solidarität seitens der Leidtragenden der europäischen Finanzkrise kaum Gehör finden, besteht darin, dass selbst manchem wohlwollenden Beobachter angesichts der undurchsichtigen Problemlage kaum unmittelbare Handlungsoptionen vor Augen treten. Gruppen wie attac und die Occupy-Bewegung repräsentieren vor diesem Hintergrund nicht zuletzt den Versuch, Solidarität in einer komplexen Welt neu zu denken – mit ungewissen Aussichten auf Erfolg.

Schließlich darf nicht übersehen werden, dass auf vielen Feldern, etwa beim Umgang mit Armut in unserer Gesellschaft, Deutungskämpfe anhalten, in denen sehr unterschiedliche Konzepte von Solidarität aufeinanderprallen: Den einen etwa gilt der Ausbau der „Tafeln“ zur Versorgung von Bedürftigen mit Lebensmitteln als Ausdruck einer lebendigen zivilgesellschaftlichen Solidarkultur. Andere sehen darin ein Symptom schleichender Entsolidarisierung – einen weiteren Schritt zur Erosion des sozialstaatlichen Prinzips als einer Form institutionalisierter Solidarität, die auf der Anerkennung von Rechtsansprüchen beruht. 

erschienen in Ausgabe 9 / 2013: Solidarität: Was Menschen verbindet

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