Der Handel mit Elfenbein ist stark eingeschränkt, doch der Schmuggel blüht – hier beschlagnahmen Beamte in Kenia 2012 Elefantenzähne und Waffen von Wilderern.

Keine Angst vor dunklen Mächten

Mit der Globalisierung breitet sich das organisierte Verbrechen weltweit aus und untergräbt die Kontrolle der Staaten – diesen Eindruck erwecken Fachleute, Medien und Politiker gerne. Doch er ist irreführend. Erst strengere Verbote machen mehr Geschäfte illegal, und an manchen davon wirken Staaten selbst mit.

Unter der Überschrift „Die Globalisierung des Verbrechens“ stellten die Vereinten Nationen (UN) 2010 ihren ersten Bericht über die Gefahr der internationalen organisierten Kriminalität vor. Dabei erklärte der Direktor des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung: „Das organisierte Verbrechen hat sich globalisiert und ist zu einer der größten wirtschaftlichen und bewaffneten Mächte der Welt geworden.“ Er folgerte daraus: „Die transnationale Kriminalität bedroht Frieden und Entwicklung, ja sogar die Souveränität der Nationen.“ Derart düstere Einschätzungen kommen seit den 1990er Jahre aus Politikerkreisen immer wieder.

Obwohl in diesem vorherrschenden Bild der illegalen Globalisierung manches Wahre steckt, trübt es den Blick auf das Phänomen, statt ihn zu klären. Die populären Klagen über den Verlust an staatlicher Kontrolle sind überzogen und geschichtsblind. Entgegen den allgemeinen Annahmen ist die illegale Globalisierung nichts Neues und ihr Verhältnis zum Staat ist nicht einfach Gegnerschaft, sondern Symbiose.

Das globale Verbrechen boomt wie nie zuvor

Zur illegalen Seite der globalen Wirtschaft gehören der Handel mit verbotenen Waren (wie Heroin und Kokain); der Schmuggel legaler Waren (wie Zigaretten), um Sanktionen zu umgehen oder Steuern zu vermeiden; der Schwarzmarkt für gestohlene Waren (besonders beim Diebstahls von geistigem Eigentum); der Menschenhandel; der Handel mit bedrohten Arten und Teilen von Tieren (wie Elfenbein); sowie Geldwäsche für Erlösen aus illegalen Geschäften. Einige dieser transnationalen verbotenen Geschäfte sind kaum mehr als ein Ärgernis für die Strafverfolger – zum  Beispiel grenzüberschreitender Autodiebstahl. Andere jedoch sind im Visier der Politik und den Medien (wie Drogenhandel und die Schleusung von Migranten) oder haben schwere Folgen für die Umwelt (Handel mit giftigen Abfällen) oder die internationale Sicherheit (Waffenschmuggel, Umgehung von Sanktionen).

Autor

Peter Andreas

ist Professor für Politikwissenschaften und internationale Studien an der Brown University in den USA. Zu seinen Büchern gehört „Policing the Globe: Criminalization and Crime Control in International Relations“ (Oxford 2006).

Meist wird gesagt, das Ausmaß der illegalen transnationalen Geschäfte habe in den vergangenen Jahrzehnten erheblich zugenommen. Selbst wenn das stimmt, heißt das nicht unbedingt, dass diese Geschäfte im Verhältnis zur globalen Ökonomie gewachsen sind, denn diese wächst selbst. Und Berichte über das Ausmaß der transnationalen Kriminalität machen oft kühne Zahlenangaben auf der Basis zweifelhafter Daten. Die Zahlen von Regierungsbehörden und internationalen Organisationen sind hoch problematisch, werden aber kaum hinterfragt. In aller Regel macht man sich nur wenig Mühe, ihre Herkunft zu erklären oder zu begründen, warum sie auch nur im Entferntesten glaubhaft sein sollen.

Das lässt sich am Beispiel des Drogenhandels aufzeigen, dem weitaus wichtigsten Teilbereich der illegalen globalen Ökonomie. Jahr für Jahr veröffentlicht das US-Außenministerium den International Narcotics Control Strategy Report, in dem die illegale Drogenproduktion im Ausland geschätzt wird. Der Ökonom Peter Reuter hebt hervor: „Nie wurde ein Detail bekannt gegeben zur Methode, nach der diese Schätzungen zustande kommen – außer dass sie auf Schätzungen über Anbaugebiete, Ertrag je Hektar und Ausbeute pro Tonne Rohprodukt bei der Raffination beruhen.“ Die Schätzungen enthalten für ihn „rätselhafte Ungereimtheiten über die Zeit und zwischen verschiedenen Zweigen der Drogenbranche. Manche Zahlen sind schlichtweg nicht plausibel.“ UN-Statistiken über das Ausmaß des globalen Drogenhandels sind ähnlich suspekt und beruhen oft auf Vermutungen und Übertreibungen.

Trotzdem haben solche Zahlen einer umfangreichen Buchproduktion zum globalen Verbrechen Nahrung gegeben. Alle erzählen im Grunde die gleiche Geschichte: Das globale Verbrechen boomt wie nie zuvor und ist eine ernste Bedrohung. Außen vor bleibt, dass die Zahlen von den Interessen der Behörden und Organisationen beeinflusst sein könnten, die sie erstellen, weil man Aufmerksamkeit wecken und politische Aktionen bewirken will.

Zusatzinformationen: 

Der Artikel beruht auf einem längeren Text, der 2011 in "Political Science Quarterly" erschienen ist.

erschienen in Ausgabe 11 / 2013: Kriminalität

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