Bangladesch: Ein schäbiger Preis für ein Leben

Im April stürzte in Dhaka das achtstöckige Fabrikgebäude Rana Plaza ein und riss 1100 Menschen in den Tod. Doch die Textilfirmen in Bangladesch werden nach wie vor nur lasch kontrolliert. Und viele Familien der Opfer warten bis heute auf eine Entschädigung.

Unmittelbar nach der Katastrophe von Rana Plaza waren die Aussichten noch besser. Dutzende europäischer und amerikanischer Firmen unterzeichneten spezielle Sicherheitsabkommen. Damit sollten umfassende Renovierungen, Weiterbildung in Brandschutz und die Veröffentlichung der Ergebnisse von Betriebskontrollen finanziert werden. Zudem sollte das Verbot, Subunternehmer einzuschalten, endlich durchgesetzt werden. Zwar sind die Absichtserklärungen der Unternehmen nicht verbindlich; dennoch sahen engagierte Arbeitnehmervertreter darin einen „Wendepunkt“ für Millionen von Textilarbeiterinnen und Textilarbeitern in Bangladesch.

Zum ersten Mal reiste ich im Februar nach Bangladesch um herauszufinden, was sich nach dem Brand bei Tazreen mit 117 Toten verändert hatte. Damals war man sich einig, dass so etwas nie wieder geschehen dürfe. Doch es blieb alles beim Alten. Delwar Hossain, der Eigentümer von Tazreen, darf zwar das Land nicht mehr verlassen, aber er ist auf freiem Fuß. Laut der gemeinnützigen Organisation Solidarity Center hat es inzwischen zwei bis drei Mal pro Woche irgendwo gebrannt und auch Tote gegeben. In der Fabrik eines Subunternehmers über einer Bäckerei am Stadtrand sah ich die Spuren eines solchen Brandes. Verbrannte Nähmaschinen und Unterhemden für den Winter lagen auf dem Fußboden herum. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, die schwarzen Handabdrücke auf den Wänden wegzuwischen. Sie führten zu einer verschlossenen Eingangstür, wo acht Menschen im Gedränge starben.

Bei meinem nächsten Besuch im Sommer hatte ich große Erwartungen: Behörden und ausländische Abnehmer würden der Öffentlichkeit zeigen wollen, dass sie ihre Versprechen einlösen und die Arbeitssicherheit verbessern. Doch das war ein Irrtum. Ich bemühte mich einen Monat lang um die Genehmigung, bei einer amtlichen Fabrikinspektion zuzuschauen. Schließlich musste ich mich mit den Informationen eines einheimischen Journalisten zufrieden geben, der an einer Betriebskontrolle teilnehmen durfte.

Die staatlichen Inspektoren lassen sich leicht bestechen

Die Al-Muslim-Textilfabrik, die er besuchte, liegt nur ein paar Fahrminuten von Rana Plaza entfernt. Die moderne Anlage beherbergt die Fertigungsräume eines eingetragenen Herstellers, der für renommierte internationale Firmen arbeitet. Ein Schild an seinem schmiedeeisernen Eingangstor verkündet: Keine Kinderarbeit. Im Gebäude stellten die Inspektoren jedoch fest, dass es nicht genügend Notausgänge gab. Das rechtfertigt die sofortige Schließung eines Betriebs. Die Inspektoren dürfen jedoch nichts entscheiden, sondern nur Empfehlungen aussprechen. So bekam die Fabrik schließlich eine Bewertung mit zwölf von 26 möglichen Punkten – ausreichend für die Sicherheitsstufe „A“. Damit darf sie weiter produzieren.

Der stellvertretende Vorsitzende der BGMEA räumt ein, dass die Kontrollen in einem so armen und chaotischen Land wie Bangladesch unzureichend sind – die BGMEA selbst beschäftigt nur zehn Inspektoren. Die Brandschutzbehörde verfügt über 80, braucht aber eigentlich zehn Mal so viel. Inspektionsteams, die mit Dozenten für das Bauwesen besetzt sind, klagen über mangelnde Ausrüstung. Das Arbeitsministerium will in den kommenden Monaten 200 weitere Inspektoren anwerben und ausbilden. Dabei gibt es keine zentrale Stelle, die die Aktivitäten der verschiedenen Institutionen überblicken und koordinieren könnte. Die Fabrikbetreiber beschweren sich, weil manche Anlagen bereits mehrfach überprüft wurden und andere gar nicht.

Manche Produzenten würden lieber selbst für bessere Sicherheitskontrollen sorgen, als sie den unzuverlässigen Regierungsbehörden zu überlassen. Einer der zehn erfolgreichsten Exporteure sagt: „Die Inspektoren wollen nur die offiziellen Papiere sehen; die Einzelheiten sind ihnen egal.“ Seinen Namen möchte er nicht genannt wissen, um seinen guten Ruf bei den ausländischen Kunden nicht zu gefährden. Ein anderer führender Textilhersteller erzählt, dass er beim Kauf einer älteren Fabrik auf Ablehnung stieß, als er die Baupläne sehen wollte. „Wahrscheinlich hatte der frühere Besitzer etwas zu verbergen – schlechten Zement, schwachen Armierungsstahl“, sagte er. „Mindestens drei Viertel der Gebäude in diesem Land entsprechen nicht den Vorschriften. Sie wurden von Leuten gebaut, die nichts davon verstehen.“ Die staatlichen Inspektoren zu bestechen, damit sie nicht so genau hinschauen, sei kein Problem, sagt er. Rana Plaza habe 14 Kontrollen überstanden, bevor das Gebäude einstürzte. Er ließ die Fabrik, die er erworben hatte, gründlich untersuchen und schloss sie dann, um sie zu sanieren. „Wir machen das nicht, um unsere Käufer zu beeindrucken“, sagt er nüchtern. „Wir tun es für uns.“ Unfälle würden noch viel teurer.  

Zusatzinformationen: 

Der Beitrag ist zuerst in der US-amerikanischen Wochenzeitschrift „The Nation“ erschienen.

erschienen in Ausgabe 12 / 2013: Unser täglich Fleisch

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