Irakische Sunniten protestieren im Februar 2013 in Falludscha gegen den autoritären Regierungsstil von Ministerpräsident Nuri al-Maliki. Sie werfen ihm vor, sunnitische Politiker aus ihren Ämtern zu drängen.

Irak: Im Zangengriff der Konfessionen

Im Irak eskaliert seit Monaten die Gewalt. Das hat auch mit dem Krieg in Syrien zu tun. Vor allem aber mit der Politik der irakischen Regierung, die die Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten vertieft.

Seit April 2013 wird der Irak von einer Gewaltwelle heimgesucht, fast täglich gibt es seitdem Berichte über neue Anschläge und Tote. Im Oktober 2013 kamen bei terroristischen Anschlägen und Überfällen mit rund 900 Menschen so viele Menschen um wie zuletzt im April 2008.  Die Gewalt erinnert an den Bürgerkrieg zwischen 2005 und 2007, ohne jedoch bislang dessen Ausmaß erreicht zu haben.

Die Proteste begannen im Dezember 2012 in den sunnitisch besiedelten Gebieten im Westen und Nordwesten des Landes. Sie richteten sich vor allem gegen den zunehmend autoritären Regierungsstil des Ministerpräsidenten Maliki und dessen Versuche, führende sunnitische Politiker von ihren Positionen zu entfernen. Im Februar 2013 trieb die offenkundig politisch motivierte Verkündung eines Haftbefehls gegen den populären sunnitischen Finanzminister Rafi al-Isawi mehrere Zehntausend Menschen auf die Straßen. Die Regierung antwortete mit teils brutaler Repression. Zur Eskalation führte ein Massaker in der sunnitischen Stadt Hawidscha in der Provinz Kirkuk, wo Armeeangehörige beim Versuch, ein Protestcamp aufzulösen, im April 2013 fast 50 Menschen töteten.

Autor

Guido Steinberg

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin und befasst sich dort unter anderem mit irakischer Innen- und Außenpolitik.

In den folgenden Monaten weiteten sunnitische Aufständische ihre Aktionen aus und schlugen insbesondere in den Provinzen Anbar, Nainawa, Salah ad-Din, Kirkuk und Diyala zu. Gleichzeitig verübten die Rebellen unter der Führung der irakischen Al-Qaida immer mehr Autobombenanschläge in Bagdad und anderen großen Städten, die sich häufig gegen schiitische Zivilisten und Moscheen richteten. Im Unterschied zu den Vorjahren wurden ab 2012 auch schiitische Milizen wieder aktiv, so dass auch die Gewalt gegen sunnitische Moscheen und Viertel zunahm.

Anlass für die erneute Gewaltwelle im Irak ist der seit 2011 in Syrien tobende Bürgerkrieg. Der Aufstand der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit in Syrien machte den demoralisierten Sunniten im Irak Hoffnung, dass sie die Kräfteverhältnisse vielleicht doch wieder ändern könnten. Die sunnitischen Aufständischen waren zuvor aus dem irakischen Bürgerkrieg zwischen 2005 und 2007 als Verlierer hervorgegangen. Zwar sorgte die amerikanische Besatzungsmacht dafür, dass Sunniten und die mit ihnen verbündeten Säkularisten weiterhin eine politische Rolle spielten. Sie mussten jedoch akzeptieren, dass in der Regierung in Bagdad unter der Führung von Ministerpräsident Maliki die Schiiten den Ton angaben. Mit der Unterstützung weiter Teile der schiitischen Bevölkerungsmehrheit (rund 60 Prozent) im Rücken drängte die Regierung Sunniten und Säkularisten an den Rand des politischen Systems.

Syrische Sunniten unterstützen Aufständische im Irak

In Syrien wird der Aufstand gegen das Regime von Präsident Bashar al-Assad von der sunnitischen Mehrheit getragen, die bis zu 70 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Sollte das Regime in Damaskus fallen und sollten sunnitische Gruppen die Macht übernehmen, erwarten die irakischen Sunniten Unterstützung aus Syrien. Als das Assad-Regime 2012 und 2013 immer mehr unter Druck geriet, schöpften sie Hoffnung.

Die Sunniten im Norden und Osten Syriens unterhalten seit Jahrhunderten enge religiöse und wirtschaftliche Beziehungen zu den sunnitisch besiedelten Gebieten des Irak, mit denen sie einen zusammenhängenden arabisch-sunnitischen Kulturraum bilden. Bereits nach 2003 hatte das den syrischen Sunniten leichter gemacht, die Aufständischen im Irak zu unterstützen: Die Syrer stellten gemeinsam mit den Saudis die meisten ausländischen Kämpfer im Irak. Im Gegenzug hat heute die irakische Al-Qaida ihre Aktivitäten auf Syrien ausgedehnt; die sunnitischen Gebiete im Irak dienen als Rückzugsraum. Begünstigt wird dies dadurch, dass die staatlichen irakischen Sicherheitskräfte die Kontrolle über den Westen und Norden des Landes teilweise verloren haben.

erschienen in Ausgabe 12 / 2013: Unser täglich Fleisch

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