Gewerkschaft nicht erwünscht: Arbeiter einer Honda-Fabrik in der Provinz Guangdong streiken im Mai 2010 – und treffen vor der Fabrik auf Männer, die angeblich ihre Gewerkschaft repräsentieren. Von denen wollen sie sich aber nicht vertreten lassen.

Es gärt in Chinas Fabriken

Arbeitskämpfe sind in Chinas Industriesektor an der Tagesordnung. Immer wieder wehren sich etwa Wanderarbeiter gegen mieses Kantinenessen, niedrige Löhne oder gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen. Auf die Gewerkschaften, die in China im Dienste der Partei stehen, können sie bisher aber nicht zählen.

Gewerkschaften in China? Das sind doch die staatlichen Kader, die im Betrieb soziale Hilfestellungen geben, Unterhaltungsveranstaltungen organisieren und mit der Personalabteilung zusammenarbeiten. So oder ähnlich reagieren viele Arbeitende in China, wenn man sie danach fragt. Meist wissen nur die älteren Beschäftigten in Großbetrieben, dass es überhaupt solch eine Organisation gibt. Junge Männer und Frauen, die seit den 1990er Jahren vom Land zum Arbeiten in die Fabriken kommen, kennen sie häufig gar nicht. Gewerkschaften gelten als verlängerter Arm von Partei und Regierung im Betrieb und inzwischen auch meist der Betriebsleitung.

Autor

Peter Franke

ist Sozialwissenschaftler und Initiator des Forums Arbeitswelten – China und Deutschland (www.forumarbeits­welten.de), das sich für Begegnungen und Austausch zwischen Arbeits­­aktivisten und Gewerkschaftern in China und Deutschland einsetzt.

Auch in China gehen Gewerkschaften aber auf eigenständige Verbände von Arbeitern zurück. Die ersten Vereinigungen gegenseitiger Hilfe von Lohnabhängigen entstanden unter den Seeleuten in Shanghai und Hongkong vor knapp hundert Jahren. 1918 wurde die erste Buchdruckergewerkschaft in der Provinz Hunan gegründet. Die junge kommunistische Partei rief 1921 das Chinesische Gewerkschaftssekretariat ins Leben. Im Jahr darauf waren auf dem ersten Gesamtchinesischen Arbeiterkongress hundert gewerkschaftliche Organisationen vertreten. 1925 wurde der Allchinesische Gewerkschaftsbund ACGB gegründet.

Als die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) 1949 die Macht übernahm, änderte das auch die Rolle der Gewerkschaften. Die Partei führte eine sozialistische Planwirtschaft ein, in der alle Produktionsmittel – Fabriken, Banken und der Boden – praktisch verstaatlicht wurden. Damit verloren nach der Lesart der KP die Gewerkschaften ihren ursprünglichen Gegner, den kapitalistischen Unternehmer, der Arbeitskraft für privaten Gewinn ausbeutete. Nun kam der Gewinn dem Staat und somit laut der KPCh der gesamten Bevölkerung zugute. Arbeitsbedingungen und Löhne wurden von Partei und Regierung, die ja die „Arbeitermacht“ darstellte, festgelegt. Eine Vertretung der Arbeiterinteressen durch Gewerkschaften erübrigte sich. Diese waren nur noch zuständig für soziale Hilfen, Kultur- und Freizeitveranstaltungen und die Produktivitätsentwicklung des Betriebs.

Privatisierungen führten zu Millionen Arbeitslosen

Als eines der drei wichtigsten Massenorganisationen neben dem Chinesischen Frauenverband und der Kommunistischen Jugendliga waren der ACGB „Transmissionsriemen“ zwischen Partei und Bevölkerung im Kampf um die Macht. Er wurde mit der Machtübernahme der KPCh zu einem ihr unterstellten, staatlichen Vollstreckungsorgane. Seine Gewerkschaften haben in ihren Provinz-, Kreis- und Stadtverbänden über 200 Millionen Mitglieder, von denen allerdings viele nichts von ihrer Mitgliedschaft wissen.

Die Auffassungen über die Rolle von Gewerkschaften im Verhältnis zur KPCh waren schon immer strittig. Mit den wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen seit den 1980er-Jahren wurde sie in China noch fraglicher. Nach dem Tod des KP-Vorsitzenden Mao Zedong 1975 begann 1978 die Öffnung der rigiden Planwirtschaft zu einer „sozialistischen Marktwirtschaft“. Das führte ab Ende der 1980er-Jahre auch zur Privatisierung der meisten Staatsbetriebe oder deren Umstellung auf markt- und gewinnorientierte Produktion. Dabei verloren bis 2002 über 40 Millionen Beschäftigte ihre Arbeit, weil ihr Betrieb geschlossen, verkleinert oder nach Gesichtspunkten der Gewinnmaximierung umstrukturiert wurde. Die Zahl der Beschäftigten in der verarbeitenden Industrie schrumpfte in der Zeit von 1992 bis 2002 von 55 auf 29 Millionen (und wuchs erst danach wieder dank der exportorientierten Betriebe).

Viele, die mindestens 50 Jahre alt waren, gingen mit einer Betriebsrente in den vorzeitigen Ruhestand; die Jüngeren wurden arbeitslos oder mussten neue Stellen suchen. Arbeiteten 1992 mit  52,7 Millionen Beschäftigten der verarbeitenden Industrie noch 95,7 Prozent in Betrieben in staatlichem oder kollektivem Besitz, so waren es zehn Jahre später nur noch 13,3 Millionen – das waren 45,6 Prozent, also weniger als die Hälfte der in dem Sektor Beschäftigten. Zudem waren im Rahmen der Arbeitseinheiten (Danwei) jedem Stadtbewohner bis in die 1990er-Jahre eine Arbeitsstelle, Wohnraum, Bildung der Kinder, Gesundheitsversorgung und eine zumindest minimale Altersversorgung garantiert. Dieses System musste aufgelöst werden, um eine auf Konkurrenz aufbauende Wirtschaft durchsetzen zu können.

Zusatzinformationen: 

Literatur

G. Egger, D. Fuchs, T. Immervoll und L. Steinmassl (Hg.), Arbeitskämpfe in China – Berichte von der Werkbank der Welt, ProMedia, Wien 2013

Pun Ngai, Chin Kwan Lee u.a., Aufbruch der Zweiten Generation – Wander­arbeit, Gender und Klassen­zusammensetzung in China, Assoziation A, Berlin/Hamburg 2010

Tim Pringel, Trade Unions in China. The Challenge of Labour Unrest, London: Routledge 2011

erschienen in Ausgabe 2 / 2014: Neue Helden der Arbeit

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