Philippinen: Ein Vertrag ist noch kein Frieden

Für die muslimischen Moros auf den Philippinen ist nach jahrzehntelangen Kämpfen Autonomie in greifbare Nähe gerückt. Doch ob ein Friedensschluss die Gewalt in Mindanao beenden wird, ist fraglich. Denn sie hat noch ganz andere Ursachen als den Bürgerkrieg.

Eine zweite, die Abu Sayyaf, ist vor allem berüchtigt für ihre Entführungen. Auch Kommandeure von MNLF und MILF folgen nicht unbedingt den Anweisungen ihrer Führung, sondern setzen Gewalt auch für eigene Interessen ein. Die MNLF ist zudem gespalten; einzelne Teile fordern eine Rückkehr zum bewaffneten Kampf. Dazu gehören der Gründer der MNLF, Nur Misuari, und der ihm gegenüber loyale Kommandeur Habier Malik. Er überfiel im September 2013 mit mehr als hundert Mann die Stadt Zamboanga und lieferte sich dort beinahe drei Wochen dauernde Kämpfe mit den philippinischen Streitkräften.

Eine politische Einbindung derartiger Gruppierungen scheint kaum möglich. Eher ist zu erwarten, dass sie auch nach einer Friedenslösung weiter Gewalt ausüben. Ihre politische Zielsetzung aber könnte – ähnlich wie im Fall der Abu Sayyaf – zunehmend zum Feigenblatt für kriminelle Gewalt werden, die darauf gerichtet ist, die für das Überleben der Gruppe notwendigen Ressourcen zu beschaffen.

Solche Gruppierungen sind jedoch bei weitem nicht das einzige Hindernis für gesellschaftlichen Frieden nach einer Autonomielösung. Zumindest genauso bedrohlich sind Gruppen und Führer, die bereit sind, Gewalt zur Durchsetzung ihrer politischen und wirtschaftlichen Interessen oder aber im Kontext von Blutfehden einzusetzen.

Zur ersten Kategorie gehört eine große Zahl quasi-staatlicher, aber privat kontrollierter Gewaltakteure – von der lokalen Polizei und Bürgerwehren über privat finanzierte Milizen bis hin zu kriminellen Organisationen mit politischen Verbindungen. Auch etablierte Politiker, von Dorfvorstehern bis hin zu Kongressabgeordneten und Provinzgouverneuren, greifen zu Gewalt, um politische und wirtschaftliche Interessen durchzusetzen. Das spielt sich vor allem zwischen den lokalen Eliten ab, die um politische Posten und die damit verbundene Kontrolle über Staatsfinanzen konkurrieren. Es führt aber immer wieder zu Toten und zu Vertreibungen größerer Bevölkerungsgruppen.
 
Regelmäßig kommt es zu Attentaten und gezielten Tötungen politischer Gegner; besonders im Vorfeld von Wahlen gibt es oft mehrere Dutzend Opfer. Dabei handelt es sich in der Regel um gewählte Politiker und Kandidaten der lokalen Ebene wie Dorfvorsteher, Stadträte oder Bürgermeister. Zugleich wird die Wählerschaft von bewaffneten Gefolgsleuten der lokalen Eliten eingeschüchtert.

Gewalt wird auch in Auseinandersetzungen um die Kontrolle über Land und die darauf lebenden Menschen eingesetzt. Darum konkurrieren mächtige Familien, aber auch Kommandeure der bewaffneten Rebellengruppierungen. Zwar ist die Zahl der Toten in solchen Konflikten relativ gering – normalerweise sind es nicht mehr als wenige Dutzend pro Jahr. Doch die manchmal über Tage und Wochen dauernden Feuergefechte treiben Menschen in die Flucht und zerstören die private und öffentliche Infrastruktur.

erschienen in Ausgabe 3 / 2014: Medizin: Auf die Dosis kommt es an

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