Der haitianische Schriftsteller
Lyonel Trouillot im Oktober 2009 auf einem internationalen Treffen von Autoren in Paris.

Haiti: Die Pflicht, zu staunen

Haitis zeitgenössische Literatur ist humorvoll, phantasiereich und gesellschaftskritisch. Scharfe Kritik äußern Schriftsteller und Autoren an den Zuständen nach dem Erdbeben vom Januar 2010. Sie sind die literarischen Wegbereiter eines Haiti, das kein Spielball des Westens sein möchte.

Die Kultur wird uns retten“, hatte der Schriftsteller Dany Laferrière kurz nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 verkündet, das weite Teile Haitis verwüstete und rund 300.000 Tote forderte. Mit Lyonel Trouillot, Kettly Mars, Yanick Lahens und anderen Autoren hatte er damals die internationale Berichterstattung ergänzt und korrigiert und mit „Tout bouge autour de moi“ (Um mich herum ist alles in Bewegung) eine Art literarische Chronik des Erdbebens vorgelegt. Mittlerweile gibt es eine Fülle von Romanen, Erzählungen, Gedichten und Filmen, die sich mit der Naturkatastrophe auseinandersetzen.

Autorin

Margrit Klingler-Clavijo

arbeitet als freie Hörfunkjournalistin und Übersetzerin in Frankfurt am Main. Ihre Schwerpunkte sind Lateinamerika und die Karibik.

Zwei Romane wurden auch ins Deutsche übersetzt: „Und plötzlich tut sich der Boden auf“ von Yanick Lahens sowie „Vor dem Verdursten“ von Kettly Mars. Yanick Lahens schildert die ersten Tage und Wochen nach dem Erdbeben in Port-au-Prince. Die Naturkatastrophe versteht sie als Herausforderung, ein neues Haiti zu erschaffen: „Wenn wir das Leben nicht feiern, trotz alledem, es nicht durch die Kunst oder die Literatur verändern, so lassen wir uns von der Katastrophe ein zweites Mal in die Knie zwingen.“

Kettly Mars erzählt in ihrem Roman, wie ein Architekt und Städteplaner in dem Zeltlager Kanaan, das in Port-au-Prince für obdachlose Erdbebenopfer errichtet wurde, käuflichen Sex mit jungen Mädchen hat. Erst auf der Reise in ein kleines Fischerdorf, dem Gegenpol zur bedrückenden Lagerwelt, kann er sich aus seinen emotionalen Verstrickungen befreien.

Kritik am Heer der Helfer

Vier Jahre nach dem Erdbeben hält die Kritik am Heer der ausländischen Helfer und den hoch dotierten Entwicklungsexperten an. In Lyonel Trouillots „Objectif K.“, autobiographischen Reflektionen über die Entstehung seines Werkes und dessen engem Bezug zur haitianischen Geschichte, kommen sie nicht gut weg. In einer von wohlhabenden Weißen frequentierten Bar in Port-au-Prince wirken sie wie „als Helfer getarnte Geier“, die vor allem am eigenen Fortkommen interessiert sind.

Aber es liegt auch an der haitianischen Politik, an Vetternwirtschaft und Straflosigkeit, dass der Wiederaufbau nur schleppend vorankommt und weit hinter den Erwartungen vieler Haitianer zurückbleibt. Dass Anfang Januar 2014 der Jahrestag der Unabhängigkeit im Beisein von Jean-Claude Duvalier gefeiert wurde, erzürnte alle, die für einen funktionierenden Rechtsstaat kämpfen. Dazu zählen auch zahlreiche Kulturschaffende, die in Büchern und Filmen mit dem Terrorregime der Duvaliers ins Gericht gegangen sind..

erschienen in Ausgabe 3 / 2014: Medizin: Auf die Dosis kommt es an

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