Verordnete Harmonie

In der westchinesischen Provinz Xinjiang schwelt ein Konflikt zwischen Peking und der nationalen Minderheit der Uiguren. Gegen deren Proteste geht die Regierung mit Härte vor und setzt zugleich, um die abgelegene Region zu befrieden, auf wirtschaftliche Entwicklung. Genau die aber erleben viele Uiguren als Kolonialisierung.

Ein paar Kilometer außerhalb von Kaschgar steht das „Mausoleum der duftenden Konkubine“. Ein Muss für jeden Seidenstraßenreisenden und ein Beispiel für Chinas Umgang mit seiner uigurischen Minderheit. Der Legende nach ist hier Iparhan begraben, die Enkeltochter eines muslimischen Herrschers, die der chinesische Kaiser Qianlong im 18. Jahrhundert in seinen Harem aufnahm. Eine symbolträchtige Verbindung. „Die Liebe zwischen diesem uigurischen Mädchen und dem Kaiser ist Beweis für die große Einheit zwischen verschiedenen Volksgruppen in China“, heißt es auf einer Tafel vor dem imposanten Grabmal. Um die wohlriechende Dame ranken sich in China viele erotisch-exotische Sagen, die laut Inschrift allesamt „Ausdruck des Wunsches nach Einheit und gegenseitiger Liebe zwischen verschiedenen Nationalitäten“ seien. Verordnete Harmonie also.

Unter Uiguren kursiert dagegen eine andere Überlieferung, die viel über das Selbstverständnis der turksprachigen Minderheit in der Grenzprovinz Xinjiang verrät. Demnach soll Iparhan ihrem Ehemann gewaltsam entrissen worden sein, nachdem dieser im Krieg gegen die Armee des Kaisers unterlegen war. Es heißt, sie habe sich den Annäherungsversuchen Qianlongs heroisch verweigert und sei daraufhin von dessen Mutter ermordet worden. „Die chinesischen Touristen sind ganz wild auf dieses Mausoleum, weil es sie an die Eroberung Xinjiangs erinnert“, brummt der uigurische Taxifahrer auf dem Rückweg.

Autorin

Friederike Böge

ist freie Journalistin und lebt in Berlin.

So geteilt wie die Sicht auf die Geschichte ist auch die Stadt Kaschgar selbst, die die Uiguren als ihr kulturelles Zentrum betrachten. Auf der einen Seite liegt die verwinkelte Altstadt mit ihren niedrigen Lehmhäusern, Kebab-Restaurants und verschleierten Frauen. Hier wohnen und arbeiten fast ausschließlich Uiguren. Läden und Restaurants öffnen und schließen nach der inoffiziellen Xinjiang-Zeit. Auf der anderen Seite der Stadt ist es zwei Stunden später, Peking- Zeit. Hier bestimmen Hochhäuser das Bild, ein künstlich angelegter See und ein blinkendes Riesenrad. In den Parks spielen ältere Han-Chinesen Mah- Jongg. Das Misstrauen zwischen beiden Seiten ist mit Händen zu greifen. „Die hohen Häuser, das ist nicht Kaschgar“, sagt der Taxifahrer.

Der seit Jahrzehnten schwelende Konflikt im äußersten Westen Chinas blieb international lange unbeachtet. Erst vor knapp drei Jahren, als es in der Provinzhauptstadt Urumqi zu blutigen Unruhen kam, machte die Region weltweit Schlagzeilen. Nach offiziellen Angaben wurden im Juli 2009 mindestens 197 Menschen getötet, als eine Demonstration von Uiguren eskalierte und in Gewalt gegen han-chinesische Passanten umschlug. Anschließend kam es zu Racheakten gegen Uiguren.

Die chinesische Regierung beschuldigte „Extremisten, Separatisten und Terroristen“ im In- und Ausland. Sie reagierte mit Härte, so wie es die schockierten Han-Bewohner Xinjiangs forderten. Es gab Massenverhaftungen und mehr als 20 Todesurteile. Die Sicherheitskräfte, die demonstrativ in den Straßen aufmarschierten, wurden verstärkt und das Internet für elf Monate abgeschaltet. Vieles spricht dafür, dass diese Maßnahmen eher zu einer Eskalation der Spannungen beigetragen haben, die sich zuletzt im Juli 2011 in neuer Gewalt entluden.

Viele Uiguren empfinden den wirtschaftlichen Aufschwung als Kolonialisierung

Doch in einem indirekten Eingeständnis, dass soziale Probleme die Ursache der Gewalt sind, kündigte Peking zugleich eine neue Wirtschaftspolitik für die westliche Grenzprovinz an. In den Parteimedien war fortan von arbeitslosen Jugendlichen als Stabilitätsrisiko die Rede. Die Pläne der Regierung sehen vor, dass der besonders arme Süden der Provinz, in dem die meisten Uiguren leben, zu einer Drehscheibe für den Handel mit Zentral- und Südasien und sogar Europa aufgebaut werden soll. Kaschgar ist zur Sonderwirtschaftszone deklariert worden: Steuervorteile, günstige Kredite und die kostenlose Vergabe von Grundstücken sollen Investoren anlocken. „Kaschgar ist das neue Shenzhen“,verkünden Plakate in der Stadt. Ein kühner Vergleich, denn Shenzhen ist eine der reichsten Städte Chinas mit direktem Zugang zum Meer, während die ehemalige Oasenstadt Kaschgar inmitten der trostlosen Taklamakan-Wüste liegt, umgeben von krisengeschüttelten Nachbarländern. Die Regierung gibt sich dennoch ambitioniert: Nach einem Bericht der staatlichen Zeitung „Xinjiang Economic Daily” sollen hier in den nächsten zehn Jahren 600.000 neue Jobs entstehen.

Kritiker bezweifeln allerdings, dass das Wachstumsprogramm sozialen Frieden bringen wird. In den vergangen Jahrzehnten hat gerade die rasante wirtschaftliche Entwicklung die ethnischen Spannungen angeheizt. „Xinjiang lehrt uns, dass es nicht funktioniert, soziale Probleme allein mit wirtschaftlichem Wachstum lösen zu wollen“, sagt Nicholas Bequelin, China-Experte bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Die Erschließung der Grenzregion ging mit einem massiven Zuzug von Han-Chinesen aus dem Landesinneren einher. Während Han 1950 nur fünf Prozent der Bewohner Xinjiangs ausmachten, sind es heute nach offiziellen Angaben bereits 45 Prozent. Sie konnten sich im Verwaltungsapparat und bei den großen staatlichen Unternehmen einen Großteil der Arbeitsplätze sichern, während in der uigurischen Bevölkerung die Armuts- und Arbeitslosenraten noch immer hoch sind. Die Gründe dafür sind vielfältig: Weil Xinjiang über erhebliche Öl- und Gasvorkommen verfügt und an der strategisch wichtigen Westgrenze liegt, betreibt die Regierung seit langem eine gezielte Ansiedlungspolitik von Han. Chancen auf einen Arbeitsplatz haben Uiguren nur dann, wenn sie fließend Chinesisch sprechen und religiösen Praktiken wie dem Beten in der Moschee oder dem Fasten während des Ramadan abschwören. Zudem gibt es Klagen über ethnische Diskriminierung durch Arbeitgeber. So empfinden viele Uiguren den wirtschaftlichen Aufschwung der Region als Kolonialisierung.

Der uigurische Wirtschaftswissenschaftler Ilham Tohti hält die Rede vom neuen Shenzhen größtenteils für Rhetorik, die von den Problemen Xinjiangs ablenken solle. Gleichzeitig fürchtet er, dass auch diesmal vor allem Han-Chinesen profitieren werden. So sei etwa die Vergabe von Land in neuen Industrieparks an eine Mindestinvestitionssumme gebunden, die für uigurische Betriebe unerreichbar sei, sagt Tohti, der an der Minderheiten-Universität in Peking lehrt.

Kaum einer traut sich, die Regierung zu kritisieren

Unklar ist auch, ob Vertreter der Minderheit diesmal bessere Chancen auf dem umkämpften Arbeitsmarkt haben werden. Staatliche Medien berichten zwar, dass uigurische Bauern zu Fabrikarbeitern umgeschult und arbeitslose uigurische Studienabgänger zu Fortbildungen in andere Teile des Landes geschickt werden sollen. Zugleich heißt es aber in der„Xinjiang Economic Daily”, dass Soldaten und Wanderarbeiter aus anderen Landesteilen angeworben werden könnten.

Wang Ning, die Direktorin des Wirtschaftsforschungsinstituts an der Xinjiang Academy of Social Sciences, hält den Kritikern entgegen, dass der Zuzug kapitalstarker Unternehmen und auswärtiger Fachkräfte auch für kleine lokale Betriebe eine Chance biete. Sie könnten als Zulieferbetriebe neue Aufträge bekommen und zugleich neues Fachwissen erlangen.„Die Regierung ist bemüht, Arbeitsplätze zu schaffen, um Harmonie zu fördern“, sagt sie. In zehn Jahren werde Kaschgar „ein Leuchturm des internationalen Handels“ sein. Von hier könnten Waren über den pakistanischen Tiefseehafen Gwadar und über den Landweg bis nach Europa gelangen, sagt die Ökonomin.

Die Pläne wecken durchaus Hoffnungen in Kaschgar. In einem schicken Restaurant am See sitzt ein junger uigurischer Unternehmer, der in der Boomstadt Guangzhou in Südchina mit Porzellan handelt, weil seine zentralasiatischen Kunden bislang lieber in den chinesischen Metropolen einkaufen. „In fünf Jahren werde ich mein Unternehmen zurück nach Kaschgar verlegen“, sagt er optimistisch. Der junge Mann spricht fließend chinesisch und ist auch sonst im modernen China angekommen. Während viele Uiguren den fortschreitenden Abriss der Altstadt als gezielten Angriff auf die eigene Identität beklagen, sagt er, er wolle lieber in einem Hochhaus wohnen. In einem Punkt allerdings fühlt er sich diskriminiert: Als Uigure bekomme er keinen Reisepass und könne deshalb keine neuen Kunden im Ausland werben.

Am Rande von Kaschgar ragen Kräne in den Himmel. Hier wird ein neuer Stadtteil aus dem Boden gestampft, getrieben von Immobilienspekulation. Direkt neben der Baustelle stehen ein paar kleine Bauernhäuser. Eine alte Frau sitzt am Straßenrand. Zweimal sei sie mit ihrer Familie bereits umgesiedelt worden, sagt sie. Sie seien zwar entschädigt worden, hätten aber ihr Ackerland verloren, und die Söhne, vorher Bauern, seien nun arbeitslos. Solche Landkonflikte gibt es überall in China, wo korrupte lokale Kader mit Grundstücksspekulanten gemeinsame Sache machen. Doch in Xinjiang werden sie von ethnischen Spannungen verschärft.

„Den Bauern wird eine andere Lebensweise aufgezwungen“,sagt Wissenschaftler Ilham Tothi, einer der wenigen Uiguren, die sich trauen, die Minderheitenpolitik der Regierung offen zu kritisieren. Das hat ihm den Zorn des Regimes eingebracht. Nach den Unruhen 2009 verschwand er sechs Wochen lang in Polizeigewahrsam, seither werden er und seine Familie überwacht und gegängelt. Seinen Kindern wurde zwischenzeitlich der Zugang zu Kindergarten, Gymnasium und Universität verwehrt. Die Minderheitenpolitik werde ohne Teilhabe der Betroffenen gemacht, legitimer Protest werde kriminalisiert, beklagt Tohti. Bislang hätten viele Aktivisten mit juristischen Mitteln um mehr Autonomie und religiöse Rechte gekämpft. „Aber die Regierung hört den Uiguren nicht zu“, sagt Tohti. „Statt zu reden, wird einfach geschossen.“ Das habe zu einer Radikalisierung geführt.

Einkaufszentrum im Walt-Disney-Stil - samt Moschee

Für zusätzlichen Frust sorgen die Einschränkungen religiöser Rechte, die den kommunistischen Kadern suspekt sind. So wurden muslimische Restaurantbesitzer gezwungen, auch während des Fastenmonats Ramadan Mittagessen anzubieten. Muslimische Studenten wurden von ihren Professoren in die Kantine begleitet, um sicherzustellen, dass sie essen. Behördenmitarbeitern ist ohnehin jegliche Ausübung religiöser Praktiken untersagt.

Der Islam hat in Xinjiang in den letzten Jahren eine Wiederkehr erlebt, ähnlich wie in den post-sowjetischen Nachbarländern, in denen viele Uiguren und andere turksprachige Gruppen leben. Die Unabhängigkeit der zentralasiatischen Staaten hat auch in Xinjiang den Wunsch nach Autonomie beflügelt. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA hat Peking den Kampf gegen derlei Bestrebungen zu einem Teil des internationalen Anti- Terrorkampfs deklariert. Immer wieder beschuldigt die Regierung die East Turkestan Islamic Movement (ETIM), die von den USA 2002 als terroristische Vereinigung eingestuft wurde, als Drahtzieher hinter Gewalttaten.

Doch Experten bezweifeln das, zumal Peking nie Beweise vorgelegt hat. „Ich glaube nicht, dass China die ETIM wirklich als ernste Gefahr ansieht“, sagt der Chinaforscher Andrew Small vom German Marshall Fund. „Natürlich werden sie immer versuchen, ausländische Elemente zu beschuldigen, um von eigenen Problemen abzulenken.“ Der Pekinger Journalist und Xinjiang-Experte Jiang Zhaoyong verweist darauf, dass die ETIM durch die Tötung ihrer Anführer 2003 und 2010 nachhaltig geschwächt worden sei.„Die Vorfälle der letzten Zeit waren nicht wirklich terroristische Angriffe, sondern Hassverbrechen wie zwischen Schwarzen und Weißen in den USA.“

Im Uiguren-Viertel von Urumqi, wo dieser Hass 2009 in Gewalt umschlug, liegt die „Xinjiang Minderheiten-Straße“. Das orientalisch anmutende Einkaufszentrum im Walt-Disney-Stil samt Moschee und Markthalle zeigt, wohin Minderheitenpolitik führen kann, wenn sie ohne die Betroffenen gemacht wird. Auf einer Plakette am Eingang wird stolz verkündet, dass der Komplex 2002 aus Mitteln für Religionsangelegenheiten und Armutsbekämpfung gebaut worden sei, damit Xinjiangs Minderheiten hier ihr Kunsthandwerk verkaufen können. Kosten: 160 Millionen Yuan (rund 22 Millionen Euro). Früher gab es hier einen belebten Markt, auf dem uigurische Handwerker ihre Waren feilboten, doch die Händler wurden in die Seitengassen verdrängt. Das neue Gebäude wird ausschließlich von chinesischen Reisegruppen frequentiert. Die Verkäufer sind Han-Chinesen– in bunten uigurischen Trachten.

 

erschienen in Ausgabe 4 / 2012: China: Alles unter Kontrolle?

Kommentare

Liebe Frau Böge,

ich habe mit Interesse Ihren Artikel über Xinjiang und die Uiguren gelesen - vielen Dank! Hier wissen nur sehr wenige über die Lage dort Bescheid, so dass ich vor kurzem auch eine Webseite eingerichtet habe: www.uigurkultur.com

Vielleicht mögen Sie mal rein schauen und evtl. auf Ihrer Seite einen Link einbauen.

Viele Grüße, Ingrid Widiarto

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