Weniger nehmen, mehr geben

Trotz wohlmeinender Entwicklungsziele hat die Zahl der Hungernden in den ärmsten Ländern zugenommen. Das muss nicht so sein. Wir müssen nur einsehen, dass der Mangel dort und der Überfluss bei uns zwei Seiten derselben Medaille sind – und dieser Einsicht Taten folgen lassen.

2012 hat sich die Welternährungsorganisation FAO ein hohes Ziel gesetzt: Sie nahm sich vor, „Hunger, Ernährungsunsicherheit und Mangelernährung vollständig zu beseitigen“. Das war umso aufsehenerregender, als sich die Weltgemeinschaft zur Jahrtausendwende erst darauf festgelegt hatte, den Anteil der Hungernden bis 2015 zu halbieren.

Autor

Pirmin Spiegel

ist seit April 2012 Hauptgeschäftsführer des Bischöflichen Hilfswerks Misereor.

Doch nun wird selbst dieses schwächere Ziel voraussichtlich nicht erreicht. Mit rund 842 Millionen Menschen ohne ausreichende Nahrungsversorgung ist ihr Anteil an der Weltbevölkerung gegenüber 1990 zwar von 19 auf 12 Prozent gesunken. Allein vier Fünftel des Rückgangs entfallen jedoch auf nur zwei Länder: China und Vietnam. In den 45 ärmsten Ländern der Welt ist die Zahl der Hungernden dagegen um ein Viertel gewachsen.

Das globale Hungerproblem bleibt ein himmelschreiender Skandal, zumal rein rechnerisch genügend Nahrungsmittel zur Verfügung stehen, um alle Menschen satt zu machen. Seit seiner Gründung im Jahre 1958 kämpft Misereor für eine solidarische und gerechte Welt, in der es keinen Hunger mehr gibt. Auch bei der derzeit laufenden Fastenaktion unseres Hilfswerks steht das Thema wieder im Mittelpunkt. Deren Motto lautet in diesem Jahr: „Mut ist, zu geben, wenn alle nehmen.“

Hunger und Ernährungsun­sicherheit haben viele Ursachen: Vernachlässigung der bäuerlichen Landwirtschaft, Landraub, industrielle Landwirtschaft, Kli­ma­­wandel, Nahrungsmittel­spe­­ku­la­tion, Überkonsum und Verschwendung. Gerade die beiden letztgenannten Aspekte zeigen, dass nicht allein Politik und Unternehmen für die Gesamtproblematik Verantwortung tragen. Der globale Hunger hat mit uns zu tun, mit unserer Art zu leben, zu konsumieren, zu wirtschaften.

Das Problem des Zuviel

Wir wissen um das Problem des Zuviel: Jeder und jede Deutsche wirft jährlich statistisch gesehen Lebensmittel im Wert von 300 Euro weg; weit mehr als eine Milliarde Menschen sind übergewichtig.

Mit Blick auf das Motto der Misereor-Fastenaktion kann man ohne Übertreibung sagen: Oft sind wir alle irgendwie Nehmende, selbst wenn wir uns in Alltag und Lebensstil Mühe geben, verantwortlich zu handeln. Es ist schwer, der vorherrschenden ökonomischen Logik ständig neuer Konsumwünsche und des stetigen Wirtschaftswachstums zu widerstehen oder ihr etwas entgegenzusetzen. Wir werden dieser Logik die Perspektive der Armen und die Herausforderungen des Klimawandels entgegenhalten.

Wir wissen, dass wir so nicht weitermachen können. Wenn alle sieben Milliarden Erdbewohner so leben würden wie wir, käme unser Planet schnell an seine Grenzen. „Alternativlos“ war das Unwort des Jahres 2010. Es ist in viele Köpfe und Herzen eingedrungen. Biblisch gesehen gibt es immer Alternativen. Es gibt die Möglichkeit, umzukehren, per sönlich und politisch. Wachstum und Konsum für die einen und Hunger für die anderen sind nicht alternativlos. Daran will die diesjährige Fastenaktion von Misereor erinnern.

Der Wandel muss in den Köpfen beginnen

Politik, Wirtschaft, Technik, Kirchen und nichtstaatliche Organisationen haben das Potenzial, zu einer „großen Transformation“ beizutragen. Der Wandel muss in den Köpfen beginnen, und die Partner aus den armen Ländern der Welt müssen eingebunden werden. Konzepte, Ideen und Erfahrungen von Gemeinwohl­orientierung und nachhaltigen Lebensstilen sind wichtige Bausteine in diesem Prozess.

„Wie wollen und werden wir leben?“, lautet die Frage, die Misereor in den nächsten Jahren in den Blickpunkt seiner Arbeit stellt. Es ist sowohl Einladung als auch Aufforderung dazu, gemeinsam nach Wegen und Lösungen zu suchen, die allen Menschen dieser Erde ein menschenwürdiges Leben sichern. Niemand soll auf Kosten anderer konsumieren, alle sollen die Chance auf ein gelingendes Leben haben.

Vor wenigen Wochen habe ich während einer Reise auf die Philippinen Menschen besucht, die 2013 durch den Taifun Haiyan alles verloren haben. Es hat mich sehr berührt, was ich gesehen und von Betroffenen gehört habe. Auf den Philippinen zeigt sich, wie verletzlich viele Menschen in armen Ländern gegenüber Naturkatastrophen sind. Sie sind Wirbelstürmen wie Haiyan mitunter schutzlos ausgeliefert.

Auch hier zeigt sich, wie sehr es in Teilen unserer Welt an Chancen auf ein würdevolles und sicheres Leben mangelt. Wir haben bereits jetzt die Fastenaktion 2015 in Planung und wollen dann die Philippinen als Beispielland in den Blickpunkt rücken. Schwerpunkt wird sein, wie wir Verantwortung für unseren Planeten tragen können.

erschienen in Ausgabe 4 / 2014: Indonesien: Von Islam und Demokratie

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