Unterricht in einer "Schule auf Rädern", die zu Kindern in einem Slum in Hyderabad (Indien) kommt. Ihnen eröffnet eine Hilfsorganisation damit Bildungschancen.

Für das Leben lernen

Schulkinder im globalen Süden schneiden bei Bildungstests viel schlechter ab als Mädchen und Jungen aus reichen Ländern. Woran liegt das? Und vor allem: Was ist dagegen zu tun?

Eine Milliarde Kinder gehen derzeit weltweit zur Schule – das sind fast 95 Prozent aller Mädchen und Jungen im Schulalter. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts drückten sie in den Entwicklungsländern bereits länger die Schulbank als die Kinder in den industrialisierten Ländern in der Mitte des 20. Jahrhunderts: 2010 hatte ein Erwachsener in Bangladesch im Durchschnitt 5,8 Schuljahre hinter sich, ein Franzose im Jahr 1960 aber nur 4,2. Fast überall sind die Einschulungsquoten hoch, nicht nur in den friedlichen Ländern, sondern auch dort, wo Krieg und Gewalt herrschen und die Sicherheit der Bevölkerung nicht gewährleistet ist.

Autoren

Lant Pritchett

ist Professor an der John F. Kennedy School of Government an der Harvard-Universität in Cambridge und Forscher an der US-amerikanischen Denkfabrik Center for Global Development in Washington D.C.

Marla Spivack

arbeitet als Programm-Koordinatorin beim Center for Global Development.

Das ist ein wichtiger Schritt, um das zweite Millenniumsentwicklungsziel der Vereinten Nationen (UN) zu erreichen. Es stellt jedem Kind in Aussicht, eine vollständige Grundschulbildung abzuschließen. Doch während man sich darauf konzentriert hat, alle Mädchen und Jungen zur Schule zu schicken, geriet eine weitaus schwierigere und wichtigere Aufgabe aus dem Blick: dafür zu sorgen, dass jedes Kind die Fertigkeiten erwirbt, die es braucht, um im späteren Leben zu bestehen – privat wie beruflich. 

Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verspricht allen Kindern eine Ausbildung, die sie zu verantwortungsbewussten Bürgern ihres Landes werden lässt, und die sie dazu befähigt, für den Lebensunterhalt ihrer Nachkommen zu sorgen. Um Bildung für alle zu gewährleisten, ist es notwendig, dass alle Kinder zur Schule gehen. Aber lernen sie in den armen Ländern dort auch das, was sie für die Zukunft brauchen?

Die Antwort auf diese Frage ist schwierig. Die Regierungen sammeln Berge von Daten über das Schulwesen: Sie kennen die Zahl der Schulkinder und die Zahl der Lehrer, der Klassenräume und der neu angeschafften Schulbücher, die Einschulungsquoten und die Zahl der absolvierten Schuljahre. Aber nur wenige Länder messen, ob die Schüler wirklich lernen und wie sich ihre Leistungen über einen längeren Zeitraum entwickeln. Um zu erkennen, ob die Zahl der Schuljahre maßgeblich dafür ist, dass die Kinder beim Verlassen der Schule über bestimmte Fähigkeiten verfügen, müssen wir die Beziehung zwischen beiden Variablen untersuchen.

Den Zusammenhang zwischen Schuljahren und Bildungserfolgen kann man mit Lernkurven verschiedener Jahrgänge verdeutlichen, die den Zuwachs an Fertigkeiten von Jahr zu Jahr sichtbar machen. Ein solches Lernprofil wird dargestellt, indem die Schuljahre auf einer horizontalen Achse und die Lernfortschritte auf einer vertikalen Achse eingetragen werden. Wenn der Schulbesuch das Erreichen eines Bildungsziels bewirken soll, müssen die Schüler in jedem Schuljahr deutliche Fortschritte machen: Ihre Lernkurven müssen steil genug ansteigen.

erschienen in Ausgabe 4 / 2014: Indonesien: Von Islam und Demokratie

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