Für das Leben lernen

Schulkinder im globalen Süden schneiden bei Bildungstests viel schlechter ab als Mädchen und Jungen aus reichen Ländern. Woran liegt das? Und vor allem: Was ist dagegen zu tun?

Aber in vielen Ländern lernen die Schüler in jeder Klasse zu wenig. Ihre Lernkurven sind so flach, dass sie selbst nach vielen Schuljahren noch meilenweit von bestimmten Zielen entfernt sind. Das zeigt sich bei Schülern der Klassen zwei bis fünf im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh, wenn sie einfache Rechenaufgaben lösen sollen.

Dazu sind sie in der Lage, wenn sie die Antworten auswendig lernen können. Doch wenn sie über die Lösung nachdenken müssen, erfüllt weniger als die Hälfte der Schüler die Anforderungen für das betreffende Schuljahr. Die Leistungen verbessern sich außerdem von Jahr zu Jahr nur wenig.

Wenn die Lernkurven so flach bleiben, könnten die Kinder jahrelang in der Schule bleiben, ohne auch nur die elementarsten Fertigkeiten zu erwerben. In Indien und Tansania steigen die Kurven so gering an, dass selbst 13 Schuljahre nicht ausreichen würden, um ihnen wenigstens das minimale Lese- und Mathematikverständnis zu vermitteln, das bereits beim Abschluss der Grundschule erreicht sein sollte.

Kinder in ärmeren Ländern bleiben hinter ihren Altersgenossen aus den reichen Ländern weit zurück. Mit Hilfe von Daten aus international vergleichbaren standardisierten Tests lässt sich dieser Rückstand noch genauer erkennen. Solche Ergebnisse liefert der PISA-Test (Programme for International Student Assessment) der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD). Auf seiner Skala können die Schüler Stufen von eins bis sechs erreichen.

Fast 60 Prozent der Schülerinnen und Schüler im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh liegen bei null: Demnach leisteten die meisten von ihnen so wenig, dass sie mit der internationalen Skala gar nicht erfasst werden konnten. Auch in Indonesien lagen 58 Prozent der Schüler bei Stufe eins oder darunter, und nur wenige erreichten die Stufe vier, von Stufe fünf oder sechs ganz zu schweigen.

Indien und Indonesien sind keine Ausnahmen. Der Durchschnitt der Schüler in den meisten Entwicklungsländern liegt weit hinter dem Durchschnitt der OECD-Schüler. Weniger als die Hälfte der Kinder in den ärmeren Ländern erreicht die PISA-Stufe zwei, in den reichen Ländern schaffen das dagegen vier von fünf Kindern. Obwohl in den Entwicklungsländern mehr Kinder die Schule besuchen als je zuvor, verlassen sie also die Grundschule ohne die Fertigkeiten, die sie im Leben brauchen.

Die ärmeren Länder stehen vor einer gewaltigen Bildungskrise – und einfache Lösungen sind nicht in Sicht. Für die Schulbehörden und die Befürworter einer möglichst ausgedehnten Schulpflicht ist es am bequemsten, einfach weiterzumachen wie bisher: Sie fordern die Erhöhung der Einschulungsquote, mehr verbindliche Schuljahre und mehr Investitionen in das Schulwesen. Doch damit wird sich die Krise nicht bewältigen lassen.

erschienen in Ausgabe 4 / 2014: Indonesien: Von Islam und Demokratie

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