Der Coyote von El Amatillo

In den „goldenen“ 1990er Jahren waren Grenzübergänge ohne Velásquez’ Hilfe eine Quälerei: Jeder Autofahrer musste sieben Stempel einsammeln. Inzwischen ist es weniger kompliziert. Aber Arbeit haben Velásquez und seine Kollegen immer noch genug.

Natanael Velásquez ist heute darauf spezialisiert, Lastwagen über die Grenze zu helfen – wenn nötig mit der passenden Summe Schmiergeld.Cecibel Romero
Für Männer wie Velásquez bedeutet das viel weniger Arbeit. Aber nicht nur deshalb findet er die neue Regelung schlecht. „Früher blieb jeder Grenzübertritt eines Autos im Archiv vermerkt“, sagt er. Heute sei es viel einfacher, gestohlene Autos ins Nachbarland zu bringen und dort zu verkaufen.

Der Großteil der Grenzgänger braucht die Tramitadores nur noch in den Stoßzeiten, wenn sich Trauben vor den Fenstern der Einreisebehörde bilden. Velásquez steht längst nicht mehr mitten drin und drängelt. „Es wäre mir peinlich, kleinen Mädchen und Jungen die Arbeit wegzunehmen“, sagt er. Er hat sich darauf spezialisiert, Lastwagenfahrern bei der  Zollabfertigung zu helfen. Er weiß, welches Formular für welchen Wagen und welche Ware wie auszufüllen ist: „Viel besser, als es selbst die vom Zoll wissen.“

Der drahtige Mann ist stets in Eile

Und er weiß auch, welchen Zöllner man mit wie viel Geld bestechen muss, damit ein Laster schneller abgefertigt wird. Über Summen spricht er nicht. Nur so viel: „Es gibt jede Menge Korruption hier.“ Drüben, auf der Seite von El Salvador, gebe es das alles nicht. „Das ist bewundernswert.“ Er selbst verdient etwa 20 US-Dollar am Tag. Feste Tarife für seine Dienste gibt es nicht. Er nimmt das, was seine Kunden für angemessen halten.

Früher habe er mehr verdient, sagt er. Aber viel beschäftigt wirkt er noch heute. Der drahtige Mann ist stets in Eile, hetzt an den langen Schlangen der Lastwagen vorbei. Zwar hat er eine Reihe von Stammkunden, aber wer zuerst kommt, der macht das Geschäft.

Flüchtig grüßt er die umherziehenden Verkäuferinnen, die Taxifahrer und die Geldwechsler, die Polizisten und die Zöllner. Er kennt sie alle und er kennt auch ihre Geheimnisse. „Dieser Junge da drüben lebt vom Kokain, das ihm ein paar Lastwagenfahrer bringen“, erzählt er im Vorübergehen. Und: „Dort hinten durchs Gebüsch kommt man illegal über die Grenze. Da wird auch Schmuggelware auf die andere Seite gebracht.“

Kilometerlang zieht sich die Reihe der Lastwagen auf der Standspur hin, manchmal warten die Fahrer mehrere Tage. Unwissende Touristen lassen sich von dieser Kolonne erschrecken. Vor allem US-Amerikaner in Wohnmobilen seien für unseriöse Tramitadores eine leichte Beute, erzählt Velásquez.

Die Grenzstation soll endlich Computer bekommen.

Die Bürokratie für den Grenzübertritt eines Wohnmobils koste nie mehr als sechzig Dollar. Unseriöse Kollegen aber würden 200 oder 300 Dollar verlangen. „Wenn der Gringo unsicher und weichherzig ist, können sie ihm bis zu 700 Dollar aus der Tasche ziehen.“

„Wir wissen das“, sagt Neftaly Maldonado, der Leiter der honduranischen Einreisebehörde.  Aber die Regierung in Tegucigalpa habe versprochen, dass bald kein Papierkram mehr ausgefüllt werden müsse. Die Grenzstation von El Amatillo solle endlich Computer bekommen und dann sei es vorbei mit der Korruption. Auch für Tramitadores werde es dann keine Arbeit mehr geben.

Natanael Velásquez sieht das gelassen. Er hat schon viele Ankündigungen gehört und ist sich sicher: „Ich werde hier noch eine Weile mein Brot verdienen.“ Er habe auch gar nichts dagegen, wenn die Regierung gegen die schwarzen Schafe vorgehen würde. Unseriöse Konkurrenz schadet auch seinem Ruf. Er hat schon viele kommen und gehen sehen. Jungen Kollegen gibt er den Rat: „Wenn du im Geschäft bleiben willst, musst du ehrlich sein.“

erschienen in Ausgabe 5 / 2014: Durchlass hier, Mauer dort

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