Öl vom Grund des Meeres: Arbeiter der staatlichen Ölfirma Pemex bedienen im Oktober 2010 ein Bohrgestänge auf dem größten Ölfeld des Landes im Golf von Mexiko.

Mexiko: Mehr Öl für die Gringos

Seit 2004 geht es mit der Ölförderung Mexikos bergab. Mit einer umstrittenen Reform will die Regierung nun moderne Fördertechnik ins Land holen. Das hilft den US-amerikanischen Raffinerien an der Golfküste aus der Klemme.

Mexiko hat Ende vergangenen Jahres beschlossen, seine Ölfelder für ausländische Unternehmen zu öffnen – 75 Jahre, nachdem sie verstaatlicht worden waren. Das könnte die Ölpolitik in der ganzen westlichen Hemisphäre dramatisch verändern.

Im Norden Amerikas erleben Kanada und die USA gerade gleichzeitig und in Konkurrenz zueinander mehrere gleichermaßen historische Boom-Phasen der Ölförderung. Eine schnell wachsende Umweltbewegung kämpft hingegen verzweifelt dafür, das Öl im Boden zu lassen, um den Klimawandel nicht weiter anzuheizen.

Autor

Robert Collier

ist Journalist in Berkeley (Kalifornien) und berichtet über die US-amerikanische und globale Energie-Industrie.
Die geplante Keystone-XL-Pipeline soll Erdöl aus den Teersanden Kanadas in das Zentrum der Petrochemie an der US-amerikanischen Golfküste transportieren. Sie ist nur die bekannteste und am heftigsten umstrittene der Pipelinestrecken, die bald den Kontinent kreuz und quer durchziehen sollen. In Mexiko bedeutet die Liberalisierung, dass als Preis für die Rettung der Volkswirtschaft weite Teile im Nordosten des Landes der Ölwirtschaft geöffnet werden – darunter Gebiete, die von indigenen Völkern der Otomí bewohnt werden.

Viele Fragen sind noch offen. Wird die Öffnung in Mexiko es US-amerikanischen Ölfirmen erlauben, dort die politische Kontrolle wiederzuerlangen, die sie verloren haben, als ihr Vermögen 1938 beschlagnahmt wurde? Werden das Fracking und andere neue Fördertechniken denselben Öl- und Gasboom hervorrufen wie in den USA und Kanada? Und werden Umweltschützer und Aktivisten unter den Ureinwohnern, die bisher politisch an den Rand gedrängt sind, zu einer grenzüberschreitenden Oppositionsbewegung aus allen drei Ländern zusammenfinden?

Die sprudelnden Einnahmen sicherten den sozialen Frieden

Für die mexikanische Wirtschaft steht viel auf dem Spiel. Jahrzehntelang war Mexiko einer der größten Ölexporteure weltweit. Die sprudelnden Einnahmen sicherten nicht nur bis zu der Hälfte des Staatseinkommens, sondern auch den sozialen Frieden. Allgemein war bekannt, dass der staatlichen Ölmonopolist Petróleos Mexicanos, kurz Pemex, korrupt und verschwenderisch war. Aber er glättete gleichsam die vielen Verwerfungen in der Gesellschaft und machte Mexiko zu einer Ausnahme in der langen Reihe von Revolten und politischer Instabilität in Lateinamerika. Pemex wurde zu einem Symbol des nationalen Stolzes. Den Spruch „Das Öl gehört uns“ haben Generationen von Schulkindern auswendig gelernt und verinnerlicht.

Politisch mag das Modell sinnvoll gewesen sein, aber wirtschaftlich gesehen ist es am Ende. Das Geld für dringende Investitionen wurde bei Pemex immer knapper, weil die Regierung die Steuerschraube mehr und mehr anzog, um Mittel in die Staatskasse umzulenken. Der Konzern investierte zu wenig in die Erkundung neuer Ölfelder oder in die Entwicklung von neuen Technologien, um Öl und Gas aus schwer zugänglichen Quellen fördern zu können. Wiederholt warnten Experten, dass nach so vielen Jahren des Wohlstandes die Ölindustrie vor dem Kollaps stünde.

Anfang 2004 kam der Zusammenbruch – schlagartig und mit drastischen Folgen. Ehemals riesige Ölfelder sind erschöpft; bis 2013 sank die gesamte Ölförderung um mehr als ein Drittel. Nun gehen viele davon aus, dass das Land am Ende dieses Jahrzehnts Netto-Erdölimporteur sein wird. Wie kann man diesem Niedergang begegnen? Fachleute setzen auf die Liberalisierung. Lauter und lauter erschallten die Rufe, Mexiko solle ausländische Ölfirmen wieder ins Land lassen. Linksgerichtete Ideologen wie Fidel Castro in Kuba und Hugo Chávez in Venezuela waren schließlich mit gutem Beispiel vorangegangen.

erschienen in Ausgabe 6 / 2014: Tschad: Langer Kampf um Gerechtigkeit

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