Mexiko: Mehr Öl für die Gringos

Seit 2004 geht es mit der Ölförderung Mexikos bergab. Mit einer umstrittenen Reform will die Regierung nun moderne Fördertechnik ins Land holen. Das hilft den US-amerikanischen Raffinerien an der Golfküste aus der Klemme.

Der Widerstand dagegen brach zusammen. Nach seinem Amtsantritt im Dezember 2012 drängte Präsident Enrique Peña Nieto auf Reformen und boxte sie in weniger als einem Jahr durch den Kongress. Der Gesetzgeber arbeitet jetzt an einem Bündel von Durchführungsvorschriften, die darüber entscheiden werden, inwieweit Pemex gezwungen wird, mit ausländischen Unternehmen auf gleichem Fuße und ohne Bevorzugung zu konkurrieren.

Nach dem ersten Plan, den der mexikanische Kongress im vergangenen Dezember abgesegnet hat, werden die ausländischen Firmen das meiste, was sie wollen, bekommen. Verträge über Produktionsbeteiligungen werden ihnen einen Anteil am Gewinn sichern und ihnen erlauben, Anteile von Mexikos Ölreserven in ihren Unternehmensbilanzen als Vermögen auszuweisen. Das gilt allerdings nur für Öl und Gas, das aus Schiefergestein und in der Tiefsee im Golf von Mexiko gefördert wird – dazu sind entweder Fracking oder andere hochmoderne Fördertechniken nötig, über die Pemex zurzeit nicht verfügt. In Gebieten, in denen Pemex derzeit die Produktion kontrolliert, bleibt alles beim Alten: Ausländische Firmen erhalten als Auftragnehmer pauschale Honorare für ihre Arbeiten, werden aber nicht an der Produktion oder am Profit beteiligt.

Man erwartet, dass erste Kontrakte Mitte 2015 angekündigt werden und im folgenden Jahr erste Bohrungen im größeren Stil beginnen. Die Kehrtwende in der mexikanischen Ölförderung löst jedoch etwas zu viel Euphorie aus. Mexiko hat mehr als zehn Milliarden Barrel nachgewiesener Ölreserven und liegt damit in Lateinamerika hinter Venezuela und Brasilien an dritter Stelle. Die Ingenieure von Pemex glauben, dass Mexikos Anteil an den Tiefseevorkommen im Golf von Mexiko weitere 29 Milliarden Barrel umfasst. Um dieses Öl zu fördern, braucht Mexiko aber hochmoderne Technik, die Pemex alleine nicht beherrscht.

Ein großes Potenzial liegt auch in Ölschiefer im Nordosten Mexikos. Dazu gehört ein Anteil an der grenzüberschreitenden Schieferformation im texanischen Eagle Ford, das mit Hilfe von Fracking zu einem der ertragreichsten Ölfelder der Vereinigten Staaten geworden ist. Ähnlich wie in den USA erfordert die Förderung aus Schiefer in Mexiko ein engmaschiges Netz aus Tausenden von Bohrlöchern. Doch einige der vielversprechendsten Formationen liegen unter Gebieten in den nördlichen Bundesstaaten Veracruz, Hidalgo und Puebla, die ökologisch empfindlich sind. Weitere Schieferformationen befinden sich in der Wüste Coahuila, wo das für das Fracking nötige Wasser fehlt – die Vorkommen reichen schon kaum für die rasch wachsenden Städte und Farmen.

Die meisten Leute haben noch nie von Fracking gehört

Bisher wird anscheinend sehr wenig mittels Fracking gefördert. Pemex berichtet, dass es Ende 2013 erst 17 Öl- und Gasbohrungen mit Fracking-Technik gab. Die Praxis hat bis vor kurzem kaum öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Das ändert sich aber rasch. Umweltschützer aus den USA und Kanada sind besorgt, dass Fracking das Grundwasser verschmutzt und erschöpft, und versuchen diese Befürchtungen weiter zu vermitteln.

Sie unterstützen deshalb die neu gegründete mexikanische Allianz gegen Fracking in Mexiko-Stadt. „Das Kleingedruckte unter der Energiereform ist das Fracking“, schrieb Ruben Martin in einem Leitartikel vom September 2013 in der Zeitung „El Economista“ und greift damit eine Stimmung auf, die sich unter den Linken in Mexiko sehr schnell verbreitet.

Claudia Campero, eine Koordinatorin der Allianz, räumt ein, dass ihre Gruppe noch einen langen Weg vor sich hat, bevor sie politische Entscheidungen beeinflussen kann. „Die meisten Leute haben noch nie von Fracking gehört und haben keine Vorstellung von den damit verbundenen Umweltrisiken“, erklärt Campero. „Wir arbeiten auf vielen Ebenen, um zu vermitteln, warum das verboten werden sollte, warum Mexiko sich lieber auf erneuerbare Energien statt auf mehr Öl konzentrieren sollte, aber es wird dauern.“

Der Widerstand gegen die Öffnung des Ölmarktes in Mexiko stützt sich bis heute hauptsächlich auf tiefsitzende ideologische Vorstellungen. Linke Politiker beschweren sich lautstark, dass „Verräter“ das nationale Vermögen an Ausländer weggeben, dass ein „Ausverkauf“ stattfinde. Der Beginn des Frackings könnte eine ganze Reihe lokaler Konflikte auslösen, die die Opposition erst richtig in Fahrt bringen würden.

Vorkommen im Schiefergestein auszubeuten, erfordert normalerweise zahlreiche Bohrlöcher dicht nebeneinander – insgesamt Dutzende oder sogar Hunderte pro Quadratkilometer. Das kann zu schwerwiegenden Eingriffen in die Lebensweise der Anwohner führen – etwa in den Dörfern der Otomí. Regierungsbeamte geben zu, dass sie Angst vor ähnlichem Widerstand haben wie beim Aufstand der Zapatisten 1994 im südlichen Bundesstaat Chiapas. In so einem Fall wird „Fracking“ wohl fester Bestandteil des politischen Wortschatzes in Mexiko werden und ziemlich sicher ein Schimpfwort.

erschienen in Ausgabe 6 / 2014: Tschad: Langer Kampf um Gerechtigkeit

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