Schaufelbagger der Moderne

Im Westen und Südwesten des Landes hat die äthiopische Regierung riesige Landflächen an in- und ausländische Investoren verpachtet. Für die dort ansässige Bevölkerung ändert sich das Leben dramatisch. Alles beim Alten zu belassen ist aber keine Alternative.

Unter anderem wurden Menschen in Zentraldörfer umgesiedelt. Die Bodi wehrten sich dagegen, teilweise bewaffnet. Aber auch wichtige Entwicklungshilfegeber wie Deutschland, Frankreich, England und die USA äußerten Bedenken. Sogar einige Investoren haben auf Teile ihrer Landrechte verzichtet, um Spannungen zu vermeiden. Inzwischen hat sich die Regierung in Addis Abeba mit den Bodi mehr oder weniger geeinigt. Sie erhalten gepflügtes und bewässertes Land zur selbstständigen Nutzung und auf Wunsch gut bezahlte Jobs im Zuckerkombinat.

Viele werden dem Geld aus guten Jobs und bewässertem Ackerland nicht abgeneigt sein. Auch die Umsiedlung aus wandernden Kleindörfern in Dörfer mit mehreren Tausend Menschen hat Vorteile. Die Regierung kann Wasserstellen, Schulen, Kliniken und Verkehrsmittel bieten. Trotzdem ist es ein Kulturbruch, und die Mursi verlangen, dass sie den Wandel freiwillig vollziehen können.

Nicht betroffen ist das Volk der Konso mit seinen als Weltkulturerbe anerkannten Wehrdörfern und seiner alten Terrassenlandwirtschaft. Für die Konso, die sich auf überbevölkertem Land drängen und je nach Wetter immer wieder auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind, sind die Arbeitsplätze des Zuckerkombinats eine Chance. Aber ausgerechnet der König von Konso sagt, von der ganzen Kultur werde am Ende nur sein Haus übrig bleiben, eine einzigartige Burg aus Lehm und Holz. Modernisierung ist eine allgegenwärtige Kraft, wirksam mit oder ohne Großfarmen. Anders gesagt: Sehr spezifische Kulturen überleben nur in der Isolation oder museal im Reservat.

„Die Regierung tut alles, um Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung zu vermeiden“, sagt der ständig im Lande herumreisende deutsche Landwirtschaftsberater Helmut Spohn. Aber er sagt auch: „Ganz freiwillig sind die Dinge nie.“ Schließlich will die Regierung das Investitionsprogramm durchführen. Entscheidend ist, was Mulugeta Gebrehiwot, der Chef des Institute for Peace and Security an der Universität in Addis Abeba, die „pulling strategy“ nennt: Brunnen, Schulen, Kliniken, Verkehrsverbindungen und im Extremfall vielleicht sogar Strom machen die neue Zeit schmackhaft. Und das Wichtigste: bewässertes Land. Das macht die Menschen unabhängig von Nahrungsmittelhilfe und wo Überschüsse produziert werden, trägt es zur Nahrungsmittelversorgung des Landes bei.

Natürlich ist die Wirklichkeit konfliktträchtiger als die gute Absicht. Häufig werden all die guten Dinge nicht rechtzeitig oder nicht in ausreichender Qualität bereitgestellt. Das liegt an Geldmangel, an organisatorischen Schwierigkeiten und auch daran, dass das Regierungspersonal auf der unteren Ebene nicht immer die wünschenswerte Qualität hat. Pikant ist, dass die Geberländer sich bisher an der Gestaltung des Investitionsprogramms, etwa mit technischer Hilfe, kaum beteiligt haben, weil sie den Protest der internationalen Öffentlichkeit fürchten.

Doch das beginnt sich zu ändern. Entwicklungsminister Gerd Müller will in Afrika zehn Agrarzentren einrichten, das erste davon in Äthiopien. Hier soll die Landwirtschaft vom Kleinbauern bis zur Großfarm in Fragen von Technik und Mechanisierung unterstützt werden. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit betreibt außerdem ein Programm zur Schaffung eines Landnutzungsplans als Grundlage des Investitionsprogramms. Und deutsche Investoren planen zusammen mit dem Entwicklungsministerium eine Innovationsfarm von circa 5000 Hektar.

Äthiopien braucht konstruktive Kritik und Mitarbeit bei der Lösung der gigantischen Aufgaben, vor denen das Land steht. Die ansässige Bevölkerung muss an der Produktion und ihren Früchten beteiligt werden. Man kann und sollte sie aber nicht unter Denkmalschutz stellen.

erschienen in Ausgabe 7 / 2014: Lobbyarbeit: Für den Nächsten und sich selbst

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