Syrien: Gebrochene Seelen

Viele Syrerinnen und Syrer ertragen die Folgen des Bürgerkriegs nicht mehr: Sie nehmen sich das Leben. Doch kaum jemand wagt, über dieses Tabu zu sprechen.

Die Arme waren dünn wie Streichhölzer, an den Händen traten die Sehnen hervor. Mit kraftloser Stimme erzählte Alma Abdulrahman im Juni vergangenen Jahres, wie sie von syrischen Regierungstruppen gefoltert und vergewaltigt worden war. Vom Zwerchfell abwärts gelähmt, das Gesicht aschfahl, telefonierte sie aus einem Krankenhausbett im jordanischen Amman über Skype mit mir in New York.

Autorin

Lauren Wolfe

ist Journalistin und Direktorin von „Women Under Siege“, einem Internetprojekt über sexualisierte Gewalt, das sie im Rahmen des Women’s Media Center in New York ins Leben gerufen hat. Ihr Beitrag ist im Original bei „Foreign Policy“ erschienen.

Damals schilderte die 27-Jährige, wie sie bei zwei etwa einmonatigen Haftaufenthalten in einen Reifen gezwängt und geschlagen, mit einem Draht ausgepeitscht, zwei Mal täglich unter Drogen gesetzt und vergewaltigt worden war, wobei sie immer wieder das Bewusstsein verloren hatte. Während des Gesprächs schwankte Abdulrahman zwischen Wut, Verzweiflung und der festen Entschlossenheit zu reden: „Das sind Dinge, über die niemand spricht. Ich vertraue sie Ihnen an, damit die ganze Welt sie hört und sieht.“

Abdulrahman hatte sich schon zu Beginn der Revolution der freien syrischen Armee angeschlossen. Sie war zur Kommandantin eines Bataillons aufgestiegen und hatte eine Truppeneinheit von 15 Mann befehligt, als eine der wenigen Frauen an der Front. Gelähmt war sie seit ihrer zweiten Haft: An einem Checkpoint der Regierungstruppen hatte ihr ein Soldat mit einem Gewehr einen Stoß ins Genick versetzt. Laut ihrer eigenen Aussage hat sie mindestens neun Männer getötet.

„Wenn ich nicht so stark wäre, wäre ich längst gestorben“, sagte sie und behauptete, sie „arbeite“ vom Krankenhaus aus. Sie helfe ihren Mitrevolutionären, von Ärzten in Daraa im südlichen Syrien Medikamente zu erhalten. „Wenn ich mich aufsetzten könnte – ich schwöre bei Gott – wenn ich mich aufsetzen könnte, würde ich unserer Sache wieder dienen. Zumindest den Verletzten würde ich beistehen.“ Im Lauf des Gesprächs geriet ihre Entschlossenheit jedoch deutlich ins Wanken. „Ich bin jetzt nur noch ein Geist und eine Stimme“, sagte sie. „Ich bin so gut wie tot.“

Ohne Hoffnung, von Freunden und Familie verlassen

Abdulrahman ertrug Folter und Vergewaltigung, die Trennung von ihren Kindern, Lähmung und Einsamkeit. Sie hielt länger durch, als viele andere es in ihrer Lage geschafft hätten. Doch am 14. Juni 2014 war alles zu Ende: Abdulrahman starb, verzweifelt und allein, in einem jordanischen Krankenhaus. „Sie war ohne Hoffnung“, sagte die Psychiaterin Yassar Kanawati, die sie schon früh behandelt und sich immer wieder ein Bild von ihrem Gesundheitszustand gemacht hatte.

Kanawati, die in Amman für die Syrisch-Amerikanische Medizinische Gesellschaft ein psychosoziales Team leitet, schilderte, wie Abdulrahman die Aufnahme von Nahrung und Medikamenten verweigerte. „Man legte ihr eine Magensonde, doch sie wurde wach und zog sie heraus.“ Kurz zuvor hatte das Krankenhaus Abdulrahman mitgeteilt, für ihre Pflege sei kein Geld mehr da. Familie und Freunde hatten sie verlassen. „Niemand besuchte sie“, sagte Kanawati. Vermutlich seien ihre Freunde mit dem Flüchtlingsstrom weitergezogen oder gestorben. „‚Was ist das für ein Leben?‘ hat sie mich gefragt“, sagte Kanawati. „Viel war es nicht mehr.“ Abdulrahman starb schließlich an Dehydration.

Systematische Folter in staatlichen Haftanstalten

Sie hatte eine Folter ertragen, die man sich nicht vorstellen könnte, wenn es sie nicht so häufig gäbe. Die UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay erklärte in einem Bericht vom April 2014, in den staatlichen Haftanstalten in Syrien werde „systematisch“ und „flächendeckend“ gefoltert. Psychologisch-therapeutische Hilfe gibt es so gut wie gar nicht, weder für Folteropfer noch für Syrerinnen und Syrer, die nicht gefoltert wurden, weder im Land selbst noch in den Nachbarstaaten, die wachsende Flüchtlingszahlen verzeichnen. Nach Ansicht von Ärzten und Sozialarbeitern entwickelt sich Selbstmord mehr und mehr zu einer Folge dieses Krieges. Er ist so tabuisiert, dass innerhalb der Familien und erst recht in der Öffentlichkeit nur selten darüber gesprochen wird.

„Im Islam ist Selbstmord streng verboten“, erklärt Haid N. Haid, ein in Beirut ansässiger syrischer Soziologe und Programmmanager der Heinrich-Böll-Stiftung für den Nahen Osten. Um die Familien der Toten zu bestrafen und andere davon abzuhalten, sich das Leben zu nehmen, untersagen Gelehrte oft das Bestattungsgebet, für Menschen, die sich umgebracht haben. Die Todesursache wird in der Regel verschleiert und als „Unfall“ oder „natürlich“ bezeichnet. „Selbstmord“, betont Haid, sei „immer ein Riesenskandal, über den noch lange geredet wird.“

Ärzte berichten, trotz des Tabus hätten sie immer häufiger mit selbstmordgefährdeten Menschen zu tun. Belegt wird dieser Trend durch die Zahl der gemeldeten Fälle, in denen sich Menschen umgebracht haben, weil sie das Gefühl hatten, als Flüchtling nicht für die Familie sorgen zu können, oder aus Scham aufgrund von Vergewaltigung, Schwangerschaft durch Vergewaltigung oder sexueller Demütigung. Offizielle Statistiken gibt es nicht – aber auch ohne sie ist das Bild, das Ärzte in Syrien und in den Nachbarländern zeichnen, ausgesprochen düster. Angesichts der wenigen psychotherapeutischen Angebote ist das wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs.

„Etwa siebzig Prozent unserer Patientinnen und Patienten haben Selbstmordgedanken, aber viele geben an, ihre Religion halte sie davon ab, sich das Leben zu nehmen“, sagt Adrienne Carter, eine Psychotherapeutin, die in Jordanien im Zentrum für Folteropfer arbeitet. Die gemeinnützige Einrichtung bietet psychotherapeutische Hilfe und Rehabilitation an. Carter hält die Suizidrate unter ihren syrischen Patienten für höher als unter den Angehörigen anderer muslimischer Länder, mit denen sie arbeitet. Ihrer Schätzung nach kommen drei bis vier Prozent ihrer Patienten „hoch suizidgefährdet“ in das Zentrum. 693 Menschen stehen gegenwärtig auf der Warteliste.

Für manche sei Selbstmord „der letzte Ausweg aus einer Welt des Elends“, sagt Salah Ahmad, Psychotherapeut und Leiter der kurdischen Menschenrechtsstiftung Jiyan. „Die meisten meiner Patienten, die sich umbringen wollten, empfanden sich selbst als wertlos. Sie hatten schon vor ihrer Flucht psychische oder soziale Probleme oder sie hatten alles verloren und sahen für sich und ihre Familien keinerlei Zukunftsperspektive mehr.“

Im Islam ist Selbstmord ein Tabu

Für Frauen, deren Ehemänner und männliche Verwandte entweder getötet oder verhaftet wurden, sagt Ahmad, „ist die Situation besonders schwierig, da sie niemanden haben, der sie versorgt“. Laut einem aktuellen Bericht des  Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen UNHCR steht im ganzen Nahen Osten mittlerweile jedem vierten syrischen Flüchtlingshaushalt eine Frau vor, das sind insgesamt mehr als 145.000 Syrerinnen. Das größte Problem für sie sei, dass sie nicht einmal die Miete zahlen, ihre Kinder ernähren oder notwendige Haushaltsgegenstände kaufen können. Extrem arm und plötzlich Haupt-ernährerin ihrer Familie, leide jede von ihnen zusätzlich darunter, Angehörige verloren zu haben. Laut dem Bericht hat nur ein Fünftel dieser Frauen Arbeit. Jede dritte wagt es nach eigener Aussage nicht, das Haus zu verlassen.

Während es an zuverlässigen Selbstmordstatistiken fehlt, schildern Zeitungen Todesszenen, insbesondere von Frauen, die sich von Dächern gestürzt oder selbst angezündet haben. Ein für die Psychiaterin Yassar Kanawati besonders drastischer Fall ist der einer Frau, die als einzige einen Bombenangriff auf eine Schule in Aleppo überlebte. Dort war gerade eine Ausstellung von Bildern der Kinder zum Krieg vorbereitet worden. Die Frau war Kunstlehrerin und hatte die Ausstellung organisiert. Mindestens 20 Menschen wurden getötet, darunter zwei Lehrer und 17 Kinder zwischen acht und zwölf Jahren.

Kanawati zufolge lebt die Frau jetzt mit Granatsplittern im Rücken im Süden der Türkei, verweigert jedoch, da sie an einer schweren Depression leidet, jede Behandlung. „Nacht für Nacht sehe ich sie alle in meinen Träumen“, erzählte die Lehrerin Kanawati. „Ich fühle mich verantwortlich und schuldig für ihren Tod. Beim Aufwachen wünschte ich, ich wäre mit ihnen gestorben.“ Und fügte hinzu: „Ich muss bei ihnen sein.“

Als ich Abdulrahmans Geschichte im vergangenen Jahr zum ersten Mal für den „Atlantic“ erzählt habe, habe ich Schuldgefühle und Depression nicht näher beleuchtet. Ärzte und Sozialarbeiterinnen hatten mir gesagt, sie sei eine „gebrochene“ Frau. Sie verlange nach Schlafmitteln, esse nichts mehr und leide unter alten und neuen Verletzungen: nässenden Wunden sowohl von ihrer Folter als auch vom Wundliegen. Und sie habe Selbstmordgedanken.

Lieber Sterben als im Krieg weiterleben

Wegen des im Islam herrschenden Tabus rund um den Selbstmord, aber auch, weil ihr geistig-seelisches Befinden mir zu privat erschien, beschloss ich damals, diese Information nicht zu verwenden. Abdulrahman sollte nicht öffentlich bloßgestellt werden. Ihre Geschichte, die das Ausmaß der sexuellen Gewalt und Folter in Syrien veranschaulichen sollte, sollte nicht davon überschattet werden. Jetzt schreibe ich darüber, weil Abdulrahmans Tod und ihr Weg dorthin sinnbildlich sind für das, was viele Tausend Syrer durchleiden: mangelnde Gesundheitsversorgung, Isolation, Armut, Terror. Für viele ist die seelische Not so groß, dass sie lieber sterben, als in einem Krieg weiterzuleben, der immer schlimmer wird.

Vor einem Jahr schrieb ich, dass aufgrund der Gräuel, die Abdulrahman geschildert hatte, „sie zum Gesicht der starken überlebenden Frauen in Syrien geworden ist“. Das hat für mich nach wie vor Gültigkeit. Jetzt aber muss man Abdulrahmans Entscheidung, ihre Zeit in diesem Krankenhausbett zu beenden, als einen Aufruf an die Welt betrachten: Sie muss sich dem Leid zuwenden, das so unermesslich ist, dass selbst die Stärksten nicht mehr überleben können.

Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller.

erschienen in Ausgabe 9 / 2014: Atomwaffen: Abrüstung nicht in Sicht

Kommentare

Der Begriff Selbst-Mord scheint mir nie noch mehr fehl am Platz wie in diesem Artikel. Mord, juristisch, ist geplante Tötung aus niedrigen Beweggründen; die Menschen, die sich hier das Leben nehmen, tun das aus Gründen, die hoch anzusetzen sind und in keinem Fall als "Mord" (an sich selbst) bezeichnet werden dürfen!

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