Der Inga-Staudamm am Kongo – hier im Oktober 2006 – schöpft die Möglichkeiten zur Stromerzeugung dort bisher bei weitem nicht aus.

Die Kraft des Kongo zähmen

Am Kongo-Fluss sind zwei riesige Wasserkraftwerke geplant. Sie sollen die Energieprobleme im südlichen Afrika lösen und die Wirtschaft ankurbeln. Der Traum könnte zum Alptraum werden.

Ein umweltpolitischer Skandal, ein Symbol für Afrikas hell erleuchtete Zukunft, der ultimative weiße Elefant: Die Inga-Stromschnellen am Kongo-Fluss wecken bei Experten und Politikern starke Emotionen. 1,3 Millionen Kubikmeter Wasser pro Sekunde fließen durch die 15 Kilometer lange Folge von Stromschnellen und überwinden ein Gefälle von 96 Metern. Nur etwa hundert Kilometer vom Atlantik entfernt ist dieser Abschnitt des Kongo einer der weltweit attraktivsten Standorte, um Wasserkraft zu erzeugen.

Autor

Peter Dörrie

ist freier Journalist und berichtet über Ressourcen- und Sicherheitspolitik in Afrika.

Die Versuche reichen bis in die Kolonialzeit zurück, doch das Potenzial von Inga konnte bis heute nicht ausgeschöpft werden. Nun gibt es eine neue Initiative: Südafrika und die Demokratische Republik Kongo wollen gemeinsam das Projekt Inga III-BC verwirklichen, das 4800 Megawatt Strom vor allem für den Export produzieren soll. Das ist mehr als dreimal so viel wie das inzwischen stillgelegte Atomkraftwerk Krümmel in Schleswig-Holstein. Und doch nur ein Bruchteil der 44.000 Megawatt, die hier im komplett ausgebauten Zustand, genannt Grand Inga, erzeugt werden könnten.

Noch sind Inga III-BC und Grand Inga nur ein Traum – und zudem einer, der sich für alle Beteiligten in einen Albtraum verwandeln könnte. Aufgrund schwerer Fehler in der Vergangenheit ist gegenüber Inga III-BC und den darüber hinaus vorgesehenen Ausbaustufen Skepsis angebracht. In der Nähe der geplanten Anlage existieren bereits zwei kleinere Wasserkraftwerke, Inga I und II, die zusammen bis zu 30 Prozent des Wassers des Kongo-Flusses abzweigen und daraus 1775 Megawatt Strom erzeugen könnten.

Doch seit Jahren operieren die Anlagen auf der Hälfte ihrer Kapazität, denn seit ihrer Fertigstellung in den Jahren 1972 und 1982 wurden sie systematisch vernachlässigt. Gebaut unter der Herrschaft des Diktators Mobutu Sese Seko haben die Kraftwerke und die 1770 Kilometer lange Stromtrasse zu den Kupferminen in Katanga im Südosten des Kongo erheblich dazu beigetragen, dass sich das Land hoch verschuldet hat. Gegenwärtig werden Inga I und II saniert, unter anderem mit Hilfe der Weltbank. Das Vorhaben hinkt seinem Zeitplan um Jahre hinterher und hat sich von anfänglich 200 Millionen US-Dollar auf inzwischen 883 Millionen US-Dollar verteuert.

 

 

Inga III-BC und Grand Inga seien schon seit mindestens 2003 im Gespräch, sagt Peter Bosshard von der Umweltschutzorganisation International Rivers. 2004 unterzeichnete die damalige kongolesische Regierung eine Absichtserklärung mit fünf südafrikanischen Ländern über den Bau des Kraftwerks. 2009 kündigte der Kongo diese Abmachung wieder und suchte sich mit dem Minenkonzern BHP Billiton einen neuen Partner. Doch auch diese Kooperation hielt nicht lange. 2013 einigten sich Kongos Präsident Joseph Kabila und sein südafrikanischer Amtskollege Jacob Zuma schließlich darauf, dass Südafrika etwas mehr als die Hälfte der Gesamtleistung von 4800 Megawatt von Inga III-BC abnehmen solle.

Peter Bosshard sieht die Chancen dieser jüngsten Übereinkunft skeptisch. Korruption habe frühere Versuche scheitern lassen, sagt er. Jede neue Regierung wolle von den Schmiergeldzahlungen profitieren, die mit Infrastrukturprojekten dieser Größenordnung verbunden seien. Beteiligte fühlten sich nicht an die Abmachungen gebunden, die frühere Regierungen und Minister geschlossen haben. Dieses Problem sei mit dem Einstieg von Südafrika nicht einfach aus der Welt geschafft worden.

Die kongolesische Regierung räumt denn auch Probleme bei der Verwirklichung von Inga III-BC ein. Das Projekt sei „wegen fehlender Vision und Führungskraft in der Schublade geblieben“, sagt der Minister für Wasserressourcen und Elektrizität, Bruno Kapandji Kalala. Das werde sich nun ändern.

Er macht für das bisherige Scheitern neben Korruption und Missmanagement vor allem unrealistische Pläne verantwortlich. „Man wollte den Fluss auf einmal stauen und den Grand-Inga-Damm komplett fertigstellen, um dann das Kraftwerk nach und nach mit 52 Turbinen mit einer Leistung von je 750 Megawatt auszustatten.“ Die bisherigen Machbarkeitsstudien hätten deshalb riesige Investitionen veranschlagt. Nun wolle man mit Inga III-BC eine Nummer kleiner und mit geringeren Kosten beginnen, ohne den Fluss komplett zu stauen.

erschienen in Ausgabe 9 / 2014: Atomwaffen: Abrüstung nicht in Sicht

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