Die Kraft des Kongo zähmen

Am Kongo-Fluss sind zwei riesige Wasserkraftwerke geplant. Sie sollen die Energieprobleme im südlichen Afrika lösen und die Wirtschaft ankurbeln. Der Traum könnte zum Alptraum werden.

Ein umweltpolitischer Skandal, ein Symbol für Afrikas hell erleuchtete Zukunft, der ultimative weiße Elefant: Die Inga-Stromschnellen am Kongo-Fluss wecken bei Experten und Politikern starke Emotionen. 1,3 Millionen Kubikmeter Wasser pro Sekunde fließen durch die 15 Kilometer lange Folge von Stromschnellen und überwinden ein Gefälle von 96 Metern. Nur etwa hundert Kilometer vom Atlantik entfernt ist dieser Abschnitt des Kongo einer der weltweit attraktivsten Standorte, um Wasserkraft zu erzeugen.

Autor

Peter Dörrie

ist freier Journalist und berichtet über Ressourcen- und Sicherheitspolitik in Afrika.

Die Versuche reichen bis in die Kolonialzeit zurück, doch das Potenzial von Inga konnte bis heute nicht ausgeschöpft werden. Nun gibt es eine neue Initiative: Südafrika und die Demokratische Republik Kongo wollen gemeinsam das Projekt Inga III-BC verwirklichen, das 4800 Megawatt Strom vor allem für den Export produzieren soll. Das ist mehr als dreimal so viel wie das inzwischen stillgelegte Atomkraftwerk Krümmel in Schleswig-Holstein. Und doch nur ein Bruchteil der 44.000 Megawatt, die hier im komplett ausgebauten Zustand, genannt Grand Inga, erzeugt werden könnten.

Noch sind Inga III-BC und Grand Inga nur ein Traum – und zudem einer, der sich für alle Beteiligten in einen Albtraum verwandeln könnte. Aufgrund schwerer Fehler in der Vergangenheit ist gegenüber Inga III-BC und den darüber hinaus vorgesehenen Ausbaustufen Skepsis angebracht. In der Nähe der geplanten Anlage existieren bereits zwei kleinere Wasserkraftwerke, Inga I und II, die zusammen bis zu 30 Prozent des Wassers des Kongo-Flusses abzweigen und daraus 1775 Megawatt Strom erzeugen könnten.

Doch seit Jahren operieren die Anlagen auf der Hälfte ihrer Kapazität, denn seit ihrer Fertigstellung in den Jahren 1972 und 1982 wurden sie systematisch vernachlässigt. Gebaut unter der Herrschaft des Diktators Mobutu Sese Seko haben die Kraftwerke und die 1770 Kilometer lange Stromtrasse zu den Kupferminen in Katanga im Südosten des Kongo erheblich dazu beigetragen, dass sich das Land hoch verschuldet hat. Gegenwärtig werden Inga I und II saniert, unter anderem mit Hilfe der Weltbank. Das Vorhaben hinkt seinem Zeitplan um Jahre hinterher und hat sich von anfänglich 200 Millionen US-Dollar auf inzwischen 883 Millionen US-Dollar verteuert.

 

 

Inga III-BC und Grand Inga seien schon seit mindestens 2003 im Gespräch, sagt Peter Bosshard von der Umweltschutzorganisation International Rivers. 2004 unterzeichnete die damalige kongolesische Regierung eine Absichtserklärung mit fünf südafrikanischen Ländern über den Bau des Kraftwerks. 2009 kündigte der Kongo diese Abmachung wieder und suchte sich mit dem Minenkonzern BHP Billiton einen neuen Partner. Doch auch diese Kooperation hielt nicht lange. 2013 einigten sich Kongos Präsident Joseph Kabila und sein südafrikanischer Amtskollege Jacob Zuma schließlich darauf, dass Südafrika etwas mehr als die Hälfte der Gesamtleistung von 4800 Megawatt von Inga III-BC abnehmen solle.

Peter Bosshard sieht die Chancen dieser jüngsten Übereinkunft skeptisch. Korruption habe frühere Versuche scheitern lassen, sagt er. Jede neue Regierung wolle von den Schmiergeldzahlungen profitieren, die mit Infrastrukturprojekten dieser Größenordnung verbunden seien. Beteiligte fühlten sich nicht an die Abmachungen gebunden, die frühere Regierungen und Minister geschlossen haben. Dieses Problem sei mit dem Einstieg von Südafrika nicht einfach aus der Welt geschafft worden.

Die kongolesische Regierung räumt denn auch Probleme bei der Verwirklichung von Inga III-BC ein. Das Projekt sei „wegen fehlender Vision und Führungskraft in der Schublade geblieben“, sagt der Minister für Wasserressourcen und Elektrizität, Bruno Kapandji Kalala. Das werde sich nun ändern.

Er macht für das bisherige Scheitern neben Korruption und Missmanagement vor allem unrealistische Pläne verantwortlich. „Man wollte den Fluss auf einmal stauen und den Grand-Inga-Damm komplett fertigstellen, um dann das Kraftwerk nach und nach mit 52 Turbinen mit einer Leistung von je 750 Megawatt auszustatten.“ Die bisherigen Machbarkeitsstudien hätten deshalb riesige Investitionen veranschlagt. Nun wolle man mit Inga III-BC eine Nummer kleiner und mit geringeren Kosten beginnen, ohne den Fluss komplett zu stauen.

Tatsächlich scheinen die Aussichten besser denn je, dass das Vorhaben Erfolg hat. Das ist vor allem dem Potenzial von Inga geschuldet, afrikanische Staaten mit dringend benötigtem Strom zu versorgen. „Um das wirtschaftliche Wachstum Afrikas anzukurbeln, müssen neue Energiequellen erschlossen werden. Inga ist eine solche Quelle, nicht nur für den Kongo, sondern für den gesamten Kontinent”, erklärt Claude Kabemba, Direktor der südafrikanischen Umweltorganisation Southern African Resource Watch.

Afrika sei unter anderem deshalb nicht in der Lage, seine Rohstoffe selbst weiterzuverarbeiten und von der Wertschöpfung zu profitieren, weil es an Strom mangele, sagt Kabemba: „Inga kann dieses Problem lösen.“ Das sieht auch die südafrikanische Regierung so. Regierungsvertreter betonen, Inga III-BC werde erneuerbare Energie für die Hälfte des afrikanischen Kontinents erzeugen. Das Kraftwerk werde Arbeitsplätze schaffen, für Weiterbildung und Technologietransfer in den beteiligten Ländern sorgen sowie Industrie und privaten Stromkunden Strom liefern.

Ein weiteres Plus von Inga III-BC und Grand Inga: Die Kraftwerke können deutlich mehr Strom als die chinesische Drei-Schluchten-Talsperre erzeugen, doch die dafür benötigte Überschwemmungsfläche sei viel kleiner. Kongos Energieminister Kapandji meint, Inga III werde keine schädlichen Folgen für die Umwelt haben. Das sei richtig im Vergleich mit anderen Mega-Staudämmen, bestätigt Peter Bosshard von International Rivers. In der unmittelbaren Umgebung wären die ökologischen Auswirkungen „sehr bescheiden“. Mangels Studien könnten jedoch die Folgen für die Fischgründe vor der Atlantikküste und das Ökosystem des Kongo-Flusses nicht abgeschätzt werden.

Was bringt der Staudamm der Bevölkerung?

Im März stimmte die Weltbank einer Teilfinanzierung über 73 Millionen Dollar zu. Die kongolesische Regierung muss noch einen Generalunternehmer bestimmen, der die Anlage bauen und betreiben soll. Das Interesse aller Beteiligten ist groß, es wird mit einer schnellen Entscheidung gerechnet. Die Arbeiten an Inga III-BC könnten dann schon 2015 beginnen. Nicht geklärt ist allerdings die Frage, ob Inga III-BC und Grand Inga im besten Interesse des Kongos ist und ob Südafrika das Risiko seiner Investition nicht unterschätzt.

Am schwierigsten wird sein, Inga III-BC für die Bevölkerung nutzbar zu machen, betont Umweltaktivist Peter Bosshard. Denn während niemand bestreitet, dass die geplanten Kraftwerke das Potenzial haben, enorm viel Strom zu produzieren, gibt es große Uneinigkeit darüber, wer die Energie am Ende nutzen darf. Der größte Kritikpunkt von zivilgesellschaftlichen Gruppen an dem Projekt ist die Aufteilung des Stroms zwischen dem Kongo, Südafrika und den Minenkonzernen in der kongolesischen Provinz Katanga.

„Von den 4800 Megawatt, die Inga III-BC erzeugen soll, sind 2500 für Südafrika reserviert, 1300 für die Bergbauindustrie in Katanga und 1000 für die Bevölkerung von Kinshasa und Bas-Congo durch den nationalen Energieversorger SNEL,“ rechnet Energieminister Kapandji Kalala vor. Südafrika und die Industrie müssten so hohe Anteile erhalten, weil es sonst keine Kredite von Geldgebern wie der Weltbank und privaten Geldinstituten für das Projekt gebe.

Dass bisher nur etwa einer von zehn Kongolesen Zugang zu Elektrizität hat, ändert an diesen Plänen nichts. Es sei aber riskant, den Großteil der Bevölkerung von den Vorzügen des Projekts auszuschließen, warnt Claude Kabemba von Southern African Resource Watch. „Wenn der Strom an kongolesischen Städten und Dörfern vorbeigeleitet wird, dann werden Spannungen erzeugt, die die Überlebensfähigkeit von Inga gefährden können.“

Für Südafrika ist es ein Risiko, dass im Kongo keine Einigkeit über die Nutzung von Inga besteht. Sollte sich die innenpolitische Konstellation im Kongo ändern – angesichts der jüngeren Vergangenheit des Landes keine unwahrscheinliche Prognose –, könnte eine künftige Regierung die bisherigen Vereinbarungen kündigen. Dann müsste Südafrika im Kongo intervenieren – im äußersten Fall auch militärisch –, denn wenn es nach der südafrikanischen Regierung geht, wird die Wirtschaft des Landes bald vom Strom aus dem Kongo abhängig sein. Unter diesen Bedingungen, so Kabemba, sei es von grundlegender Bedeutung, dass „wir sicherstellen, dass durch unser Investment in Inga die Interessen der kongolesischen Bevölkerung nicht übergangen werden“.

Auch die Finanzierung von Inga III-BC steht in der Kritik. Die Anlage soll von einem internationalen Firmenkonsortium betrieben werden. Der Kongo werde Dividenden in Höhe von etwa 400 bis 500 Millionen US-Dollar pro Jahr erhalten, erläutert Minister Kapandji Kalala. „Das entspricht ungefähr sechs bis sieben Prozent des aktuellen öffentlichen Haushalts.“ Die Regierung diskutiere derzeit darüber, den Gewinn in den Ausbau der Stromversorgung des Landes zu reinvestieren. Claude Kabemba ist skeptisch. Angesichts der grassierenden Korruption im Bergbausektor „können wir nicht sicher sein, dass das Geld reinvestiert wird“.

Peter Bosshard von International Rivers findet Inga III-BC schlicht zu teuer. „Das Projekt wird 2944 US-Dollar pro Kilowatt Kapazität kosten“, sagt er. Das sei mehr als das Doppelte der von der Internationalen Energieagentur (IEA) veranschlagten 1278 Dollar pro Kilowatt für Wasserkraftprojekte. Meike van Genniken, Sektormanagerin für West- und Zentralafrika bei der Weltbank, widerspricht energisch. „Der Strom von Inga III-BC wird mit der billigste in ganz Afrika sein“, antwortet sie schriftlich auf eine Anfrage und macht eine andere Rechnung auf. Um eine Kilowattstunde Strom zu erzeugen, würden laut Finanzierungsmodell 2,5 bis 3,5 US-Cents fällig. „Die Kosten für die Abnehmer in Katanga und Südafrika werden natürlich höher sein."

Friedensstifter oder ein Auslöser für neue Konflikte?

Laut van Genniken ist es ohnehin falsch, die Kosten von Inga III-BC an den Richtlinien der IEA zu messen – denn die beziehen sich nur auf das Kraftwerk selbst. In der Projektierung von Inga III-BC seien jedoch die Aufwendungen für die Staumauer und den Zuleitungskanal mit einberechnet. Außerdem sei der Standort bei den Inga-Stromschnellen besonders günstig, weil das Kraftwerk hier praktisch das gesamte Jahr ausgelastet werden könne.

Zu der geringen Strommenge, die für private Verbraucher reserviert ist, sagt Energieminister Kapandji Kalala, der Kongo produziere derzeit nur etwa 1500 Megawatt Strom, selbst wenn Inga I und II komplett ausgelastet sind. Die zusätzlichen 1000 Megawatt von Inga III-BC verdoppelten die Versorgung damit fast und stellten „absolut ausreichend Strom für das Land“ bereit. Die größte Schwierigkeit bestehe darin, den Zeitplan einzuhalten, um 2015 mit den Fundamenten zu beginnen und Ende 2020 die ersten Megawatt zu erzeugen.

Das ist in der Tat ambitioniert, auch im Vergleich zu ähnlichen Projekten in andern Ländern. Wenn es nach Claude Kabemba geht, sollte darum die Antwort auf die Frage nach möglichen Folgen Vorrang haben: „Inga ist ein wichtiges Projekt für den Kongo und den Kontinent. Wie stellen wir sicher, dass es den Frieden und nicht neue Konflikte fördert?” Peter Bosshard hat einen grundlegenderen Einwand: Inga sei nicht die ideale Lösung zur Elektrifizierung des Kongos. „Für die Versorgung einer großen Bevölkerung mit einer relativ geringen Bevölkerungsdichte ist ein zentrales Großkraftwerk keine günstige Wahl.“ Stattdessen sollten viele kleine Wasserkraftwerke an anderen Orten errichtet werden, findet der Umweltexperte. 

erschienen in Ausgabe 9 / 2014: Atomwaffen: Abrüstung nicht in Sicht

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