Heliopolis ist die größte
Favela von São Paulo.

Wohlstand wächst im Elendsviertel

Zwei Drittel der wachsenden Mittelschicht Brasiliens wohnen in den Armensiedlungen der großen Städte. Dort finden sogar Privat­kliniken und hippe Schnell­imbisse viele Kunden.

Es ist laut, eng und das Leben spielt sich auf der Straße ab. Beladene Mopeds bahnen sich in halsbrecherischem Tempo ihren Weg an parkenden Autos und Straßenverkäufern vorbei. Auf dem Weg hinauf werden die Gassen immer enger und unübersichtlicher. Doch selbst in der kleinsten Nische ist noch Platz für einen Obst- oder Gemüsestand.

Heliopolis ist eine Stadt inmitten der Millionenmetropole São Paulo. Rund 230.000 Menschen leben hier auf engstem Raum. Mehr als 92 Prozent von ihnen stammen aus dem armen Nordosten Brasiliens. In den vergangenen 30 Jahren sind sie mit ihren Familien auf der Suche nach Arbeit in die boomende Metropole ausgewandert. Heliopolis ist heute die größte Favela in São Paulo und nach Rocinha in Rio de Janeiro die zweitgrößte Lateinamerikas.

Doch das Viertel steht auch für ein neues Selbstbewusstsein. „Wir haben Heliopolis aufgebaut“, sagt Reginaldo José Gonçalves nicht ohne Stolz. „Früher haben die Menschen sich nicht getraut zu sagen, wo sie wohnen“, fügt der 39-Jährige hinzu. Das sei heute anders. Das Leben hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Zum Besseren, findet Gonçalvez, der in der Favela aufgewachsen ist und sich seit Jahren in der  Bewohnervereinigung UNAS (União de Núcleos, Associações e Sociedade de Moradores de Heliopolis) engagiert.

Die Jugend will bleiben - und Geschäfte machen

Sie hat die Drogengangs hinausgedrängt – etwa mit Hilfe regelmäßiger Friedensmärsche und drogenfreier Partys für Jugendliche – und die Kriminalität ist gesunken. „Viele junge Menschen wollen nicht mehr weg aus Heliopolis, sondern hier ihr kleines Geschäft aufmachen“, sagt er.

Autorin

Susann Kreutzmann

lebt als freie Journalistin in São Paulo und arbeitet unter anderem für die „Financial Times Deutschland“ und die Deutsche Welle.
Inzwischen gibt es knapp 3000 Händler und Gewerbetreibende in Heliopolis, wie Emerson de Abreu Santana von der Vereinigung der Gewerbetreibenden sagt. Am häufigsten würden kleine Lebensmittelläden, Friseursalons und Internetcafés eröffnet. In der Rua das Lágrimas, der Hauptstraße von Heliopolis, reiht sich ein Geschäft an das nächste. Gerade erst hat eine große Bekleidungskette hier einen Laden eröffnet. Die Bewohner von Heliopolis haben von dem Wirtschaftsaufschwung der vergangenen zehn Jahre in Brasilien profitiert. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen liegt bei rund 1400 Reais (466 Euro) im Monat, das entspricht etwas weniger als zwei Mindestlöhnen.

Vor knapp vier Jahren starteten Guilherme Azevedo und Thomaz Srougi ein Experiment und eröffneten die erste Privatklinik in einer Favela. „Wir wollten etwas aufbauen, was soziale Auswirkungen hat und den Menschen hilft“, erklärt Srougi, der Betriebswirtschaft in Chicago studiert hat. Gleichzeitig erkannten sie eine große Marktlücke. Nur knapp 20 Prozent der Brasilianer können sich eine private Krankenversicherung leisten. Mehr als 80 Prozent sind auf das marode staatliche Gesundheitssystem angewiesen. Vor allem Behandlungen bei Fachärzten sind mit langen Wartezeiten verbunden, oft über ein Jahr. Die öffentlichen Krankenhäuser sind überfüllt, Ärzte und Krankenschwestern überlastet.

„Am Anfang gab es viele Vorurteile, von allen Seiten“, erinnert sich Srougi. Die Ärzte hatten Angst, in einer Favela zu praktizieren und die Patienten dachten, sie sollten betrogen werden. „Es hat viel Überzeugungsarbeit gekostet“, sagt er lächelnd. So hätten sie einmal pro Woche im Radio Heliopolis eine Sendung mit Ärzten der Klinik gehabt, wo die Bewohner anrufen konnten. Das Konzept der Privatklinik für untere Einkommen ziele auf die Menschen ab, die eine bessere medizinische Versorgung wollen, sich aber keine private Versicherung leisten könnten, erläutert Srougi, der selbst aus einer Arztfamilie stammt.

Für eine Untersuchung bei einem Facharzt werden bei Dr. Consulta 80 Reais (rund 27 Euro) berechnet, inklusive einer Wiedervorstellung. Medikamente und Laboruntersuchungen müssen extra bezahlt werden. Als Vergleich: Eine einfache private Krankenversicherung kostet in Brasilien ab 200 Reais pro Monat (rund 67 Euro), sie zahlt aber oft nur für Notfälle.

Im Wartezimmer ist es immer voll. Rund 150 Patienten werden pro Tag in der ambulanten Klinik behandelt. Es gibt einen Zahnarzt, Gynäkologen, Herzspezialisten, In­ternisten, HNO-Arzt, Urologen und Orthopäden. Auch ein OP-Saal für kleinere Eingriffe ist eingerichtet. „Nur einen Kinderarzt haben wir nicht mehr“, sagt Srougi. Rund zweihundert Meter entfernt ist ein staatlicher Gesundheitsstützpunkt für Kinder. „Das zeigt, wenn das staatliche Gesundheitssystem funktioniert, wird es auch angenommen“, betont er. Srougi sieht Dr. Consulta nicht als Konkurrenz, sondern als Erweiterung zum staatlichen Gesundheitssystem.

Die Privatklinik in der Favela schreibt schwarze Zahlen

Rosalide Perreira hat innerhalb von zwei Tagen einen Termin beim Internisten bekommen. „Ich war seit acht Jahren nicht beim Arzt“, erzählt die 57-Jährige, die als Putzfrau arbeitet. „Ich habe keine Zeit, einen ganzen Tag in einer staatlichen Klinik zu warten. Ich muss arbeiten. Und in eine dieser Privatkliniken wird unsereins ja gar nicht erst reingelassen“, sagt sie. Heute will sie eine Krebsvorsorge beim Gynäkologen machen. Mit Ultraschall und Labor bezahlt sie 100 Reais. „Das ist es mir wert“, sagt sie.

Guilherme Azevedo und Thomaz Srougi mussten anfangs mit ihrer Privatklinik in Heliopolis gegen viele Vorurteile kämpfen.Danilo Ramos
Dass sich eine Privatklinik in einer Favela auch wirtschaftlich rechnet, zeigen die Umsatzzahlen. Srougi und Azevedo haben drei Millionen Reais (rund eine Million Euro) in den Aufbau der Klinik investiert. Seit dem vergangenen Jahr schreiben sie schwarze Zahlen. „Wir haben viel gelernt und die Abläufe effektiver gestaltet“, erzählt Azevedo. Außerdem sei das Konzept einer Poliklinik, in der Fachärzte unter einem Dach arbeiten, neu in Brasilien.

Das Beispiel Heliopolis ist typisch für ganz Brasilien. Die Gesellschaft hat sich in den vergangenen zehn Jahren stark verändert. Rund 30 Millionen Menschen haben in Brasilien in den vergangenen 15 Jahren den Sprung aus der Armut geschafft. „Heute gehören knapp 53 Prozent der 197 Millionen Brasilianer der sogenannten neuen Mittelklasse an“, erklärt der Soziologe Renato Meirelles, der Gründer und Chef des Meinungsforschungsinstitutes Data Popular. „Und die neue Mittelklasse wächst etwa vier Prozent pro Jahr und damit viel schneller als die Gesamtbevölkerung Brasiliens.“Rein statistisch zählt eine Familie zur Mittelschicht, wenn sie ein Einkommen zwischen 1064 Reais (355 Euro) und 4561 Reais (1520 Euro) monatlich zur Verfügung hat. Bewohner von Favelas stellen heute rund zwei Drittel dieser neuen Mittelklasse.

Smartphone, Tablets statt der halbautomatischen Waschmaschine

Viele Unternehmen entdecken zunehmend das Potenzial der neuen Käuferschicht, die erstmals in ihrem Leben am Konsum teilhaben kann. Rund 56 Milliarden Reais (etwa 19 Milliarden Euro) geben allein die etwa zwölf Millionen Favela-Bewohner in ganz Brasilien pro Jahr für Konsumartikel aus. Zählte vor zehn Jahren noch eine halbautomatische Waschmaschine, Tanquinho genannt, und ein Kühlschrank mit separatem Gefrierfach zu den Wünschen der neuen Mittelschicht, so sind es heute Smartphone, Tablets und ein Auto.

Die neue Käuferschicht hat ein Konsumpotenzial von einer Billion Reais pro Jahr. Das entspreche dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von Argentinien, Portugal, Paraguay und Uruguay zusammen, erläutert Meirelles.
Auch wenn Brasiliens Wirtschaft in diesem Jahr mit weniger als einem Prozent erwartetem Wachstum eine Krise durchmacht, ist der Konsum der neuen Mittelklasse noch nicht eingebrochen. Die Zahl der Kredite für diesen Personenkreis sei von 7 Millionen vor zehn Jahren auf aktuell 35 Millionen gestiegen, rechnet Meir­eilles vor. Viele, die früher kein Bankkonto hatten, können jetzt – vorausgesetzt sie haben einen Arbeitsvertrag – unter einem von der Regierung unterstützten Programm begrenzte Summen leihen. „Das Geld fließt direkt in den Wirtschaftskreislauf“, sagt Meirelles. Außerdem sei Brasilien Untersuchungen zufolge eines der optimistischsten Länder weltweit. „Für Brasilianer ist eine Krise keine Ausnahme, sondern die Regel. Sie sind mit Krisen aufgewachsen und haben gelernt, damit umzugehen“, beschreibt Mereilles die Einstellung seiner Landsleute.

Besonders stark wächst das Geschäft mit der Schönheit

Brasilien liegt nach den USA und China weltweit auf dem dritten Platz beim Verkauf von Kosmetikartikeln. Auch in Heliopolis sprießen Friseur- und Maniküresalons wie Pilze aus dem Boden. Gewerbeverbandschef Santana schätzt, dass rund 40 Prozent der neu eröffneten Läden sich dem Geschäft mit der Schönheit widmen. „Seit zehn Jahren wächst der Markt für Schönheitsprodukte stärker als das BIP“, sagt Meirelles. Frauen der neuen Mittelklasse arbeiteten hauptsächlich in Serviceberufen, als Verkäuferin an der Supermarktkasse oder als Rezeptionistin in Unternehmen und Bürohäusern. „Sie müssen gepflegt sein und investieren damit einen großen Teil ihres Einkommens in ihr Aussehen“, sagt er.

Wenn Reginaldo Gonçalvez durch Heliopolis geht, zeigt er stolz auf die vielen sozialen Projekte. Hier ist ein buntes Graffito an der Hauswand, gegenüber ein kleiner Platz, wo die Kinder Fußball spielen können. Die Bewohnervereinigung Unas hat mit Unterstützung der Stadtverwaltung Räume für Nachhilfeunterricht, Tanz und Capoeira geschaffen. „Erstmals haben die Kinder hier eine Chance“, sagt er. Im Moment verhandelt er mit einer Sprachschule, die Englischunterricht anbieten will. „Viele Eltern wissen, wie wichtig Bildung ist, und sind bereit, dafür Geld auszugeben.“

Gonçalvez gehört zur ersten Generation der Bewohner von Heliopolis. Seine Familie kam aus Pernambuco nach São Paulo, er ist hier geboren. „153 Familien, die in einer benachbarten Favela wohnten, wurde Anfang der 1970er Jahre dieser Platz auf einem Fußballplatz zugewiesen“, erzählt er. „Das war der Ursprung von Heliopolis.“ Da viele Männer sich auf dem Bau verdingten, hatten sie Kenntnisse, wie stabile Häuser gebaut werden. Heute sind rund 75 Prozent der Häuser an das Abwassersystem angeschlossen. Fast alle Bewohner haben elektrischen Strom. „Viele junge Menschen haben gesehen, wie sich das Leben im Viertel verbessert. Deshalb wollen sie nicht wegziehen, sondern hier leben und hier arbeiten“, sagt Gonçalvez und zeigt dabei auf eine Häuserwand.

Schon von Weitem sichtbar ist das Logo für einen gerade erst eröffneten Imbiss mit Namen Faceburguer. „Ich habe mir das Logo schützen lassen, damit es keinen Ärger gibt“, sagt der 29-jährige Inhaber, Eric Romero. Dank seines Namens und dem „Like“-Daumen ist der Imbiss im ganzen Viertel bekannt. Drei bis sieben Reais kostet der Hamburger, die auch auf den berühmten Baile-Funk-Partys am Wochenende reißenden Absatz finden. „Für mich geht ein Traum in Erfüllung. Ich bin hier geboren und möchte nicht wegziehen“, sagt Romero.

Ein paar Meter weiter hat Danilo Barreto de Oliveira eine Garage umgebaut. Als DJ mit einer täglichen Sendung im Radio Heliopolis ist er im Viertel eine kleine Berühmtheit. Der 30-Jährige hat sein eigenes Logo kreiert und damit Basecaps und T-Shirts bedruckt. Für ihn ist der Name Heliopolis zu einer Marke geworden, die er auch außerhalb von Brasilien bekanntmachen will. „Mir haben schon Touristen Fotos mit meinen T-Shirts aus Paris und New York ­geschickt“, sagt er stolz und zeigt seine Webseite. Beide Jungunternehmer engagieren sich in der Kommune und stehen für eine neue Generation der Bewohner. „Wir wollen hier bleiben und kämpfen dafür, dass sich das Leben hier weiter verbessert“, sagen sie.

erschienen in Ausgabe 10 / 2014: Hoffen auf die Mittelschicht

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