Der Staat bekommt nichts

Die Mittelschicht in El Salvador gibt ihr Geld für Autos, Shopping und Privatschulen aus – und zahlt die fälligen Steuern möglichst nicht. Wie im eigenen Land die Armut reduziert werden kann, interessiert sie kaum.


Flor de María Hernandez ist die Hauptverdienerin der Familie. Sie ist Ärztin, spezialisiert auf das öffentliche Gesundheitswesen, und schließt derzeit eine zweite Spezialisierung in Seuchenvorbeugung ab. Sie verdient 3100 US-Dollar im Monat und bezahlt keinen einzigen Cent Steuern. Ihr Arbeitgeber, eine internationale Gesundheitsorganisation, hat seinen Sitz in den USA. Und Gehälter, die bei ausländischen Arbeitgebern verdient werden, müssen in El Salvador nicht versteuert werden. Von ihrem Lohn gehen deshalb nur die Überweisungsgebühren von 16 Dollar ab. Ihr Mann Vladimir ist Grafikdesigner in einer Druckerei und verdient 900 US-Dollar im Monat. 50 US-Dollar werden als Einkommenssteuer abgezogen.

Die Zentralbank von El Salvador verbuchte 2013 ein Gesamtsteueraufkommen von knapp vier Milliarden US-Dollar. Das entspricht fast 16 Prozent des Bruttoinlandprodukts – ein historischer Rekord: In den vergangenen Jahren lag die Staatsquote stets bei 14 Prozent, eine der tiefsten in Lateinamerika. Nur Guatemala weist mit 12 Prozent noch weniger auf. Die durchschnittliche Staatsquote Lateinamerikas liegt bei 26 Prozent, weltweit sind es 32. Mehr als die Hälfte des salvadorianischen Steueraufkommens kommt aus Verbrauchssteuern, allen voran die Mehrwertsteuer in Höhe von 13 Prozent. Dazu kommen Zölle und ein paar Sondersteuern auf Alkohol, Tabak, Benzin und internationale Telefongespräche.

Die Region mit den weltweit größten sozialen Unterschieden

Mehr als 73 Millionen Lateinamerikaner haben laut dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) im vergangenen Jahrzehnt die Armut überwunden und gehören nun zur Mittelschicht. Dazu wird jede Familie gezählt, deren Einkommen zwischen zehn und 50 US-Dollar pro Kopf und Tag liegt. 32 Prozent der rund 500 Millionen Lateinamerikaner sind Teil dieser sozialen Klassen. Die tiefe Kluft zwischen Arm und Reich schließt sich langsam. Trotzdem ist der Halbkontinent weiter die Weltgegend mit den größten sozialen Unterschieden.

Besonders weit klafft die Schere in Zentralamerika auseinander. Internationale Finanzorganisationen wie die Weltbank und die Interamerikanische Entwicklungsbank drängen die Regierungen schon seit Jahren zu effizienteren Steuersystemen und höheren Steuersätzen. Damit wären die Länder selbst in der Lage, ihren Bürgern eine akzeptable Gesundheitsversorgung, ein ordentliches Bildungswesen und öffentliche Sicherheit zu bieten – ohne Kredite und Finanzhilfen von außen.

Die Mittelschicht kann zwar Privatkliniken besuchen und ihre Kinder in private Schulen schicken, doch die Alltagskriminalität lastet auf allen: Kaum ein Betrieb und kaum ein Ladengeschäft, das nicht von Verbrecherbanden erpresst wird. Wer im Stau steht und die Scheiben seines Autos nicht geschlossen hat, kann schnell in den Lauf einer Pistole blicken. Dutzende von Mobiltelefonen, Geldbörsen und Armbanduhren werden bei solchen Überfällen Tag für Tag geraubt. Der Staat hat kein Geld, um mehr Polizisten einzustellen.
Flor de María und Vladimir bezahlen jeden Monat 30 US-Dollar für den privaten Wachmann ihrer Straße. Weil sie auch das öffentliche Gesundheitswesen nicht nutzen, haben sie den Eindruck, der Staat tue nichts für sie. „Nicht einmal Sicherheit gibt mir der Staat“, sagt Flor de María. „Bevor nicht eine ganz neue Generation von Politikern ans Ruder kommt, habe ich kein schlechtes Gewissen, dass ich keine Steuern bezahle.“

Autorin

Cecibel Romero

ist freie Journalistin in San Salvador. Sie schreibt unter anderem für die „tageszeitung“.
Roberto López, Direktor des Instituts für Soziologie an der Zentralamerikanischen Universität von San Salvador, hält das für eine typische Einstellung der neuen lateinamerikanischen Mittelschicht. „Man versucht, Steuern und Abgaben zu vermeiden, wo immer es geht, um die eigene Kaufkraft zu erhalten“, sagt er. Die Mittelschicht fürchte ständig, zurück in die Armut zu fallen. Diese Angst ist durchaus berechtigt.

Laut einem Bericht des UNDP von Ende August stehen 200 Millionen Lateinamerikaner in der Gefahr, arm zu werden. Sie haben keine Krankenversicherung und keine Ersparnisse und können jeden Tag entlassen werden. Das ist in vielen Ländern Lateinamerikas selbst in formalen Arbeitsverhältnissen noch üblich; die Millionen, die im informellen Sektor beschäftigt sind, haben ohnehin kein sicheres Einkommen. Eine längere Krankheit oder der Verlust des Arbeitsplatzes bedeutet sofort große Not.

erschienen in Ausgabe 10 / 2014: Hoffen auf die Mittelschicht

Neuen Kommentar schreiben