Kirche der Frauen

Pfingstkirchen wachsen überall auf der Welt – und Frauen haben daran großen Anteil. Sie können sich bei den Pfingstlern stärker einbringen als in anderen Kirchen. Und manchmal hilft ihnen die Kirche sogar, den Mann zurück in die Familie zu holen

Diese Zeugnisse haben die Funktion von Kurzpredigten, die das Leben ändern und pfingstlerische Werte bekräftigen. Sie sind Teil des gut ausgearbeiteten Verfahrens, Männer zurück in die Familie zu bringen und die Stellung der Frauen zu verbessern. Brusco erzählt die Geschichte von Pedro und Consuelo, deren Ehe vor ihrer beinahe gleichzeitigen Bekehrung zum Pfingstlertum in einer schweren Krise war. Pedro trank sehr viel, war gewalttätig und hatte Schwierigkeiten, die Familie zu ernähren; Consuelo hatte beschlossen, ihn zu verlassen. Doch Pedros Schwester lud ihn zu einem Gottesdienst in ihre Wohnung ein, wo er Zeugnisse von Bekehrungen hörte und wo man für ihn um Heilung und Befreiung betete. Er hörte auf zu trinken und übernahm mehr Verantwortung für seine Familie. Pedro glaubt, dass er nicht nur mit Worten, sondern auch mit seinem sichtbar veränderten Lebensstil ein Zeugnis für seine Familie ist. Zeugnisse wie diese sind weit verbreitet in lateinamerikanischen Pfingstgemeinden.

Lawless bezeichnet eine andere Art des Zeugnisses als „Berufungsgeschichte“. Pastorinnen in Pfingstgemeinden nutzen genau ausgearbeitete Berufungsgeschichten, um ihr geistliches Amt zu legitimieren. Das zeigen deutlich die Geschichten zweier prominenter christlicher Führerinnen aus Afrika. Christinah Nku hatte Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals mystische Visionen. Während einer schweren Krankheit sah sie den Himmel, und Gott sagte ihr, sie werde nicht sterben. Diese Visionen und ihre anschließende Heilung begründeten ihre Berufung als religiöse Führerin in einer von Männern dominierten Gesellschaft; weitere Visionen bescherten ihr hohes Ansehen. 1933 gründete Nku die St. John’s Apostolic Faith Mission in Südafrika. Sie war als Heilerin sehr bekannt und gewann Tausende für ihre Kirche.

Von der Straßenhändlerin zur Bischöfin einer Mega-Kirche

Ein Beispiel aus jüngerer Zeit ist Bischöfin Margaret Wanjiru aus Kenia. Sie ist die Gründerin und Leiterin einer Mega-Kirche, die ihren Anhängern Wohlstand, Erfolg und Befreiung von allen bösen Mächten verspricht. Ihr eigenes Leben demonstriert, was sie predigt. Sie begann als Straßenhändlerin und alleinerziehende Mutter und wurde schließlich eine politische und auch religiöse Berühmtheit. Dann wurden Vorwürfe gegen sie erhoben, aber nach Ansicht vieler Menschen zu Unrecht, und ihr Ansehen wuchs noch. Denn in den Augen der Pfingstler hatte sie den Teufel besiegt. Ob Frauen in der Pfingstbewegung innerhalb der Familie oder als Pastorinnen zu Ansehen kommen – entscheidend ist in beiden Fällen die mündliche Ausdrucksform des Zeugnisses.

Leider beachten viele, die das Pfingstlertum untersuchen, oft nur die Stimmen offizieller Leitungspersonen – das sind fast nur Männer. Sie erkennen daher nicht, in welch vielfältiger Weise Frauen als Leiterinnen und Pastorinnen tätig sind. Sie schaffen sich dafür eigene Plattformen – manche innerhalb von männerbestimmten Hierarchien, andere außerhalb davon.
Brusco schildert, wie wichtig die Pastorenfrau in kolumbianischen Pfingstgemeinden ist. Diese Frauen fungieren als offizielle oder inoffizielle „Kopastoren“ und Predigerinnen und leiten die Frauenarbeit; das ist in der Regel der größte Arbeitsbereich, mit dem die Gemeinde nach außen wirkt. In Kolumbien hat ein Pfingstpastor ohne eine Ehefrau, die in der Gemeinde mitarbeitet, keine Chance.

Die oben erwähnte Frau des honduranischen Pastors ist ein gutes Beispiel für diese Art der Führung. Als „Pastora“ übernimmt sie die wichtige Funktion eines „Nebenpastors“; und sie leitet die Frauenarbeit nicht nur für ihre Gemeinde, sondern auch für Frauen im Umland. Als offizielle Gefängnisseelsorgerin hat sie zudem eine Basis außerhalb der Gemeinde. Das ist in Lateinamerika ziemlich ungewöhnlich, aber sie hat eine gute Ausbildung (als Lehrerin) und genießt daher hohes Ansehen. Christinah Nku und Margaret Wanjiru sind Beispiele für religiöse Führerinnen, die sich völlig außerhalb der von Männern bestimmten Hierarchien eine Plattform für ihr geistliches Wirken geschaffen haben.

Pfingstkirchen verhelfen Frauen zum gesellschaftlichen Aufstieg

Wenn man Frauen mit Leitungsfunktionen in Pfingstgemeinden sucht, sollte man ein anderes Modell zugrunde legen als das hierarchisch-männliche. In Pfingstkirchen hängt die Stellung einer Frau weniger von Anerkennung seitens einer Hierarchie ab als vom Aufbau einer Plattform, von der aus sie als Leiterin wirken kann. Die Grundlage ist stets eine charismatische Gabe oder ein Dienst: Heilen, Predigen, Unterrichten, Evangelisation, Prophetie. Unter Pfingstlern müssen echte Pastoren von Gott zum Dienst am Evangelium berufen worden sein. Daher gehört zur Arbeitsgrundlage einer Pastorin wesentlich ihr Zeugnis in Form einer Berufungsgeschichte, die andere davon überzeugt, dass sie berufen ist.

Schließlich muss sie eine Position finden oder schaffen, von der aus sie wirken kann. Für viele Frauen ist dies die Stellung als Ehefrau oder als Tochter, Schwester oder Mutter eines Pastors. Anderen verschafft eine besondere „weltliche“ Gabe Zuhörer, zum Beispiel musikalisches Können. Andere mögen an einer Bibelschule oder christlichen Organisation lehren. Es kommt sehr häufig vor, dass eine Frau eine soziale Organisation oder eine Gemeinde gründet.

Einige Frauen nutzen die von ihnen geschaffenen Plattformen, um in Führungsaufgaben in der Gesellschaft aufzusteigen. Das passiert oft in der zweiten Generation, da junge Frauen in der Pfingstbewegung eine gute Schulbildung und so mehr Möglichkeiten bekommen, sozialen Einfluss zu nehmen. Ein herausragendes Beispiel ist die Brasilianerin Marina Silva: Als Umweltaktivistin wurde sie zu einer prominenten Politikerin und tritt nun bei der Wahl im Oktober 2014 als sozialistische Präsidentschaftskandidatin an.
Pfingstlerinnen sind schon immer kreative Gottesdienst-Unternehmerinnen. Sie nutzen auch heute die ihnen vom Heiligen Geist gegebenen Möglichkeiten, neue Dienste ins Leben zu rufen und Einfluss auf die Welt um sie herum zu nehmen.

Aus dem Englischen von Elisabeth Steinweg-Fleckner.

erschienen in Ausgabe 10 / 2014: Hoffen auf die Mittelschicht

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