Yanette Bautista zeigt ein Foto ihrer ermordeten Schwester, der Mutter unseres Autors.

Zäher Kampf um Gerechtigkeit

Kolumbiens Regierung verhandelt mit der größten Rebellengruppe des Landes darüber, den Bürgerkrieg endlich zu beenden. Die Gespräche sind an einem heiklen Punkt: Es geht um Aufklärung und Entschädigung für die Opfer.

Seit mehr als 60 Jahren tobt in Kolumbien ein Bürgerkrieg, und seine vielen Facetten sind nur schwer zu begreifen. Am ehesten lassen sie sich mit der Vielfalt der Landschaft vergleichen, die sich aus den fruchtbaren Ebenen im Tiefland bis zum Ödland in großer Höhe und von dort zu den schneebedeckten Andengipfeln erstreckt. Zugleich ist sie undurchdringlich wie der Dschungel im Amazonasbecken, wo Kolumbien an Brasilien und Peru grenzt und die Urwälder von der Holzindustrie geschädigt sind. Oder an der Pazifikküste in Chocó, wo der Regenwald als Sauerstoffreservoir dient, aber durch Monokulturen etwa von Ölpalmen bedroht ist.

Der Konflikt zwischen der kolumbianischen Regierungsarmee, rechtsgerichteten Paramilitärs und linken Guerillagruppen war nie von einer Waffenruhe unterbrochen. Er ist eine der schlimmsten humanitären Katastrophen der jüngeren Menschheitsgeschichte. Geprägt ist er von unzähligen und andauernden Menschenrechtsverletzungen, die in einem Land mit 44 Millionen Einwohnern laut offiziellen Angaben mehr als sechs Millionen Opfer forderten – wobei in Kolumbien ohnehin die Hälfte der Bevölkerung in Armut und absolutem Elend lebt.

Autor

Erik Arellana Bautista

ist freier Journalist und Dokumentarfilmer.
Die Gesellschaft versinkt in Gewalt, und die bewaffneten Akteure üben eine wirksame Kontrolle aus, um die Reichtümer auf dem Gebiet des kolumbianischen Staates an sich zu reißen. Damit nehmen sie der Zivilbevölkerung ihr Recht auf ein Leben in Würde. Paramilitärische Gruppen, Guerillaeinheiten, kriminelle Banden mit Verbindungen zum Drogenhandel sowie Angehörige der Streitkräfte sind für Tausende von Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich.

Jahrelang hieß es, der Krieg in Kolumbien stecke in einer Sackgasse. Die kolumbianische Regierung versuchte, mit wirtschaftlicher und militärischer Unterstützung der US-Regierung, die Aufständischen mit Waffengewalt zu besiegen. Während der achtjährigen Regierungszeit von Präsident Álvaro Uribe Vélez nahm die Polarisierung der Gesellschaft extreme Formen an. Wer Widerstand gegen die Regierung leistet, galt als „Verbündeter oder Freund des Terrorismus“.

In der ersten Regierungszeit seines Nachfolgers Juan Manuel Santos (2010-2014), der vor kurzem wiedergewählt wurde und bis 2018 im Amt sein wird, begannen in der kubanischen Hauptstadt Havanna erstmals Friedensgespräche mit den Rebellen der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC-EP). Die Gespräche haben einen besonders heiklen Punkt erreicht, denn es geht jetzt um die Opfer. Zuvor hatten sich die Konfliktparteien bereits über die landwirtschaftliche Entwicklung, die politische Beteiligung der FARC und den Umgang mit illegalen Drogen geeinigt.

Der Stand der Gespräche über den Umgang mit den Opfern ist unübersichtlich, aber zumindest wird anerkannt, dass die Täter Leib und Leben von Menschen Schaden zugefügt haben. Die Unterhändler haben die Universität von Kolumbien und die Vereinten Nationen aufgefordert, drei regionale und ein nationales Forum zum Umgang mit den Opfern des Krieges einzuberufen und gemeinsam mit ihnen auszuloten, wie ein stabiler und dauerhafter Frieden aussehen kann. Rund 5600 Vorschläge wurden im Rahmen dieser partizipativen Verfahren gesammelt und systematisch erfasst.

Nur drei vertriebene Familien haben bislang ihr Land zurückerhalten

Am nationalen Forum, das Anfang August in Cali stattfand, nahmen nach Angaben der Veranstalter knapp 1500 Opfer teil. Das sogenannte „Opfergesetz“ von 2011 gibt folgende Definition vor: Opfer ist, wer etwa Zwangsvertreibung, Folter, sexuelle Gewalt, Entführung, Verschwindenlassen sowie Angriffe auf Leib und Leben erlitten hat. Die Anerkennung wird auf die Zeit ab 1985 begrenzt, obwohl der Konflikt in Kolumbien bis in die Zeit der gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der konservativen Regierung und der Liberalen Partei unter Führung von Jorge Eliécer Gaitán Ende der 1940er Jahre zurückreicht.

Gaitán wurde 1948 ermordet.  Die Tatsache, dass das Gesetz Verbrechen aus dieser Zeit ausblendet, führt dazu, dass seine Tochter Gloria Gaitán noch heute für Gerechtigkeit und Aufklärung kämpft. Sie verlangt die Einsetzung einer Kommission zur historischen Aufarbeitung des bewaffneten Konfliktes in Kolumbien, die sich mit seinen Ursachen seit der Vernichtung der gaitanistischen Bewegung beschäftigen soll.

erschienen in Ausgabe 11 / 2014: Der Glaube und das Geld

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