Calnes Yove ernährt seine Familie in Haiti mit dem Verkauf von Holzkohle. Doch es sind kaum Wälder übrig, und der nackte Boden geht verloren.

Verletzte Haut der Erde

Gesunde Böden sind eine Grundlage unserer Ernährung. Wie ein Bio-Reaktor bereiten sie auf, was Pflanzen zum Wachsen brauchen. Viele Praktiken der Landwirtschaft betreiben Raubbau an den Böden – im Süden wie im Norden.

Die gesamte Karibik wird regelmäßig von Tropenstürmen heimgesucht. In Haiti aber kosten sie am häufigsten Menschenleben – auch verhältnismäßig schwache Stürme wie „Isaac“ Mitte 2012: Er löste Erdrutsche aus, sieben Menschen kamen um. Schuld ist sind nicht nur die Armut und die schlechte Infrastruktur, sondern auch die fortgeschrittene Bodenerosion.

Fast alle Wälder Haitis sind seit der Kolonialzeit gefällt worden. Der Waldboden wurde weitgehend fortgewaschen, die dünne restliche Schicht kann starke Regenfälle nicht speichern. Wenn sie zu Tal strömen, nehmen sie weiteren Boden mit. Ein Drittel des Landes ist nicht mehr landwirtschaftlich nutzbar. Bodenverlust ist hier eine Folge, aber auch eine Ursache von Armut und Hunger.

Autor

Bernd Ludermann

ist Chefredakteur von "welt-sichten".
Boden ist, wie es der frühere Umweltminister Klaus Töpfer 2013 formuliert hat, „so etwas wie die vergessene ökologische Ressource par excellence“. Bei gefährdeten Naturgütern denkt man schnell an Wälder und Wasser, aber kaum an den Boden unter unseren Füßen. Dabei ist er die Grundlage des Pflanzenwachstums an Land und damit der Landwirtschaft und unserer Ernährung. Böden speichern Wasser und filtern es; das sorgt für sauberes Trinkwasser und weniger Überflutungsgefahr. Sie kühlen die Umgebung und neutralisieren manche Schadstoffe. Und in ihnen steckt mehr Kohlenstoff als in Pflanzen und der Atmosphäre zusammen – wird er freigesetzt, dann treibt er die Erderwärmung zusätzlich an.

Der Boden steckt voller Leben

Böden sind nicht nur Lehm, der lästig an den Stiefeln klebt. Sie sind faszinierende Bio-Reaktoren, in denen Stoffe ausgetauscht und umgewandelt werden. In ihren Poren halten sie Wasser fest und leiten Luft und Wasser durch Gänge, die Wurzeln, Würmer oder Termiten hinterlassen. Ein Teil der Bodenmasse – bei einer deutschen Wiese ungefähr sieben Prozent – besteht aus organischem Material. Das meiste davon sind Pflanzenreste, ein Zehntel Wurzeln und rund fünf Prozent Bodenlebewesen wie Würmer, Insekten sowie mikroskopisch kleine Pilzfäden und Bakterien. Dieser winzige Anteil hat es in sich: „In einer Handvoll von unserem fruchtbaren Boden stecken mehr einzelne Lebewesen, als es Menschen auf der Erde gibt, und rund 20.000 verschiedene Arten“, erklärt der Umweltwissenschaftler Nikola Patzel.

Wie Böden sich bilden und altern

Bodenbildung beginnt damit, dass Gestein verwittert und fein zerkleinert wird. Wie fein, hat großen Einfluss darauf, wie gut ein Boden Wasser und Nährstoffe speichern kann. Bei Körnern, die bis zu 2 Millimeter…

Nur mit ihrer Hilfe können Pflanzen wichtige Nährstoffe aufnehmen. Sie benötigen unter anderem Stickstoff und Phosphor in bestimmter Form, etwa Nitrat. Viele Mineralien stecken im Gesteinsmaterial der Böden, doch Stickstoff muss aus der Luft geholt werden. Das erledigen spezialisierte Bakterien oder Algen; einige Pflanzen wie Hülsenfrüchte verbinden sich eng mit ihnen und füttern die Einzeller im Austausch für den Stickstoff.

Insekten und Bodenorganismen zerkleinern und verdauen zudem Pflanzenreste, Exkremente und tote Tiere und füllen so den Vorrat an Mineralien im Boden wieder auf. Dabei reichert sich in der oberen Bodenschicht mehr oder weniger umgewandeltes organisches Material an, der sogenannte Humus. Er bildet mit Bodenorganismen und winzigen Gesteinsteilchen, den Tonmineralen, Krümel und Knötchen. Das hält Nährstoffe fest, schützt den Boden vor Erosion und hilft ihm Wasser zu speichern. Fruchtbar machen einen Boden der Humus und das Bodenleben, betont Patzel.

Das heißt allerdings nicht, dass der Untergrund unwichtig wäre. Nicht überall kann sich guter Boden bilden. Auf Sandböden in Brandenburg lassen sich nicht so hohe Erträge erzielen wie im Kölner Becken. Noch größer sind die Unterschiede zwischen den Klimazonen und Kontinenten. Landwirtschaftlich günstige Böden liegen häufiger auf der Nordhalbkugel; zu den reichsten gehören die Schwarzerden von der Ukraine bis Süd-Sibirien und in Teilen der USA. Nahe am Äquator sind dagegen viele Böden arm an Nährstoffen und reich an Säure und Eisen, sodass Pflanzen dort schlecht Phosphor aufnehmen können.

Das ist ein Ergebnis von vielen Jahrtausenden der Bodenbildung und -alterung. Sie wird erstens vom Gestein beeinflusst – zum Beispiel vom Kalk- oder Tongehalt. Der zweite Faktor ist das Alter. „Die fruchtbarsten Böden liegen in den gemäßigten Klimazonen, weil sich dort seit der letzten Eiszeit neue Böden gebildet haben“, erklärt der Leipziger Geograph Burghard Meyer. Damals, bis vor rund 12.000 Jahren, haben in großen Teilen Nordamerikas, Europas und Sibiriens Eismassen Gestein zermahlen. Der Wind hat dann feines Gesteinsmehl, den Löss, in breiten Landstrichen abgelagert – von Frankreich bis China sowie in den USA. „Löss ist ein junges Sediment mit günstiger Zusammensetzung; es enthält ausreichend Kalk und etwas Ton“, sagt Meyer.

Für junges, mineralreiches Gestein sorgen auch Vulkane wie in Teilen Japans, Indonesiens, der Anden und an den Großen Seen im Ostkongo.Diese Böden sind fruchtbar, aber selten. Die Landmasse Afrikas (außer am ostafrikanischen Grabenbruch) und das Amazonasbecken in Südamerika sind jedoch seit Millionen Jahren geologisch stabil – ohne Vulkane, Gebirgsbildung oder Vereisung. Die Böden dort sind daher sehr alt. „Deshalb sind sie viel stärker verwittert und die Tonminerale degradiert“, sagt Johan Six, Professor für Agrar-Ökosysteme an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Eisenverbindungen und Säure haben sich angereichert. Üppige Regenwälder gedeihen hier nur, weil sie das Recycling auf die Spitze treiben: Alles organische Material wird sofort von Tieren, Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen wiederverwendet – ohne Umweg durch den Boden. Humus entsteht kaum.

Ein dritter Faktor der Bodenbildung ist das Klima. In der feuchten und kühlen Nadelwaldzone Europas, Russlands und Nordamerikas entsteht wenig und saurer Rohhumus, Regen wäscht die obere Bodenschicht stark aus. In der anschließenden, wärmeren Laubwaldzone ist brauner, landwirtschaftlich gut nutzbarer Boden entstanden. Wo es noch trockener wird und heiße Sommer mit kalten Wintern wechseln, ist die Zone der Steppen mit hohen Gräsern, der Prärien. Sie haben zusammen mit den Weidetieren reiche Schwarzerden aufgebaut – in vielen Fällen begünstigt von Löss. Die argentinische Pampa ist das einzige große Vorkommen der Südhalbkugel. Mit weiter zunehmender Trockenheit geht dann die Vegetation in kurze Gräser über, der Boden wird magerer bis hin zu dünnen Böden auf sandigem Untergrund, die in den Trockenzonen verbreitet sind.

erschienen in Ausgabe 12 / 2014: Früchte des Bodens

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