Es geht nicht nur um Exporte

(27.11.2014) Wenn deutsche Außenminister nach Indonesien reisen, sind seit einigen Jahren immer auch Religionsvertreter dabei. Aus gutem Grund, wie sich jetzt wieder gezeigt hat.

In Indonesien stellen Muslime mit 85 Prozent der rund 240 Millionen Einwohner die große Mehrheit, Christen sind mit zehn Prozent in der Minderheit. Doch beide leben seit langem selbstverständlich nebeneinander; gerne präsentiert sich das Land auf internationaler Bühne als ein Musterbeispiel für Toleranz zwischen den Religionen.

Allerdings breitet sich in einigen Landesteilen wie zum Beispiel in Aceh seit einiger Zeit islamistisch geprägtes Gedankengut aus. Das Miteinander von Christen und Muslimen im Alltag dürfe nicht aufs Spiel gesetzt werden, sagt der stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Jochen Bohl. Der sächsische Landesbischof war als kirchlicher Vertreter in der Delegation von Außenminister Frank-Walter Steinmeier Anfang November nach Indonesien gereist. Die moderaten Kräfte im Land müssten gestärkt werden, sagt Bohl, um Eskalationen zu verhindern. Nährboden für die Ausbreitung des radikalen Gedankenguts sei die große Kluft zwischen Arm und Reich in Indonesien. Junge Leute müssten Perspektiven auf einen Ausweg aus der Armut bekommen, damit die islamistische Propaganda bei ihnen nicht verfängt, sagt Bohl.

Auch in den Wirtschaftsbeziehungen mit der asiatische Regionalmacht, die im Zentrum der Reise standen, geht es mitunter um die Religion: Immer wieder sehen sich deutsche Unternehmen, die in Indonesien investieren, mit religiösen Themen konfrontiert, sei es mit dem islamischen Finanzwesen, das keine Zinsen kennt und bestimmte ethische Normen vorschreibt, sei es mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit, die sich schnell religiös aufladen können.

Deswegen lädt die Bundesregierung zu Reisen nach Indonesien seit einigen Jahren auch Vertreter aus dem religiösen und kulturellen Bereich in Deutschland ein. Seit 2010 gibt es die Interfaith Dialogue Initiative, die zweimal im Jahr Vertreter des religiösen Lebens aus Deutschland und aus Indonesien zusammenbringt. 2012 wurde zudem die Indonesia Germany Advisory Group ins Leben gerufen, die beide Regierungen neben wirtschaftlichen Fragen auch in kulturellen Dingen und im interreligiösen Dialog berät.

"Die Indonesier gehen viel gelassener mit religiöser Symbolik um"

Von diesem Austausch könnten beide Seiten lernen, findet Harun Behr, Professor für Islam­unter­richt an der Universität Frankfurt, der lange in Indonesien gelebt hat und das Land sehr gut kennt. Für ihn war die Reise mit Außenminister Steinmeier bereits der dritte Besuch an der Seite von deutschen Politikern. In Indonesien gebe es viele innerislamische Differenzen, sagt Behr.

Die indonesischen Partner seien „aus allen Wolken gefallen“, als er ihnen berichtet habe, dass er als Professor für künftige Islamlehrer die Lehrbefugnis sowohl von der türkisch-islamischen Union DITIB als auch von der Ahmadiyya-Bewegung habe, sagt Behr. Die Ahmadiyya sind als innerislamische Minderheit in Indonesien Repressionen und Verfolgungen ausgesetzt.

Doch auch die Deutschen könnten sich an Indonesien ein Beispiel nehmen, findet Behr. „Die Indonesier gehen sehr viel gelassener mit religiöser Symbolik im Alltag um.“ Dass Kirchen neben Moscheen stehen, sei völlig normal.

erschienen in Ausgabe 12 / 2014: Früchte des Bodens

Neuen Kommentar schreiben