Doha strebt nach Höherem – mit den Bauten ebenso wie in der Politik.

Drehscheibe für Islamisten

Das kleine Emirat Katar will auf der weltpolitischen Bühne mitspielen. Dabei übernimmt es sich – mit katastrophalen Folgen.

Hinter einer glitzernden Einkaufspassage liegt ein kleines Restaurant. Von hier aus befehligte Hossam seine syrische Rebelleneinheit. Während der Glanzzeiten des Bataillons 2012 und 2013 unterstanden ihm in der ostsyrischen Stadt Deir ez-Zor 13.000 Mann. „Sie gehörten zur Freien Syrischen Armee, aber sie hörten auf mich“, sagt er. „Sie waren eine gute Kampftruppe.“ Hossam, ein Syrer mittleren Alters, lebt in Katar und besitzt in Doha mehrere Restaurants, die vor allem von der Oberschicht besucht werden.

Einen Teil seiner Einkünfte verwendet er noch immer darauf, Zivilisten und Kampfbrigaden in Syrien mit humanitären Hilfsgütern zu versorgen – Decken, Lebensmitteln und Zigaretten. Keine Waffen mehr, wie er betont. Seine Brigade wurde teilweise auch von der katarischen Regierung finanziert, doch nicht regelmäßig: Dutzende neu gebildeter Brigaden bekamen eine Anschubfinanzierung, nur ein Teil davon erhielt in den folgenden Monaten kontinuierlich Geld. Als Hossams Männer Mitte 2013 auf dem Trockenen saßen, hielten sie nach anderen Finanzquellen Ausschau. „Das Geld spielt in der FSA eine wichtige Rolle, und bei uns fehlte es“, erklärt er.

Autor

Elizabeth Dickinson

ist freie Journalistin und lebt auf der arabischen Halbinsel. Sie schreibt unter anderem für die „New York Times“ und den „Economist“. Ihr Beitrag ist im Original bei „Foreign Policy“ erschienen.
Hossam ist nur eine Randfigur im Netzwerk der islamistischen Handlanger Katars, zu dem neben ehemaligen syrischen Generälen auch afghanische Taliban, somalische Al-Shabaab-Milizionäre und sudanesische Rebellen gehören. 1996 verließ er seine Heimat, nachdem das syrische Regime ihn wegen seiner Sympathien für die Muslimbrüder mehr als zehn Jahre lang drangsaliert hatte. In Katar fand er eine Zuflucht und baute sich nach und nach neue Kontakte auf. Er ging sehr vorsichtig vor, denn damals waren der junge Präsident Bashir al-Assad und seine elegante Gattin in Katars Hauptstadt Doha noch höchst willkommene Gäste.

2011 brach in Syrien der Bürgerkrieg aus und Katar ließ Assad fallen. Hossam schloss sich einer wachsenden Gruppe von Mittelsmännern an, die im Auftrag der Regierung in Doha die syrische Opposition unterstützten. Weil es anfangs noch keine etablierten Rebellengruppen gab, förderte Katar die Initiativen syrischer Geschäftsleute und anderer syrischer Emigranten, die Kampftruppen und Waffen organisieren wollten. Wie viele andere Sympathisanten der Rebellion, wollte Hossam der Opposition zunächst nur seine Ersparnisse zur Verfügung stellen. Mit den Zuwendungen aus Katar konnte er ehrgeiziger planen.

Das in Katar geknüpfte Netzwerk trug in allen Krisenherden der Region zur Destabilisierung bei und stärkte radikale und dschihadistische Organisationen. Das Geld aus Katar hat die Lage überall verschärft: In Libyen tobt ein Krieg zwischen verschiedenen Milizen, die aus dem Ausland finanziert werden. Die syrische Opposition ist durch interne Machtkämpfe geschwächt und kann sich gegenüber den Extremisten nicht mehr behaupten. Die humanitäre Not im Gazastreifen hat sich vermutlich aufgrund der starren Haltung der Hamas verfestigt.

Die Nachbarstaaten Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Bahrain haben Katar im vergangenen Jahr öffentlich kritisiert, weil es in der ganzen Region den politischen Islamismus fördert. Sie drohten damit, ihre Grenzen zu schließen und seine Mitgliedschaft im Golfkooperationsrat zu suspendieren. Nach fast einjährigem Drängen zeigte sich Doha Mitte September erstmals zum Einlenken bereit: Sieben hochrangige Mitglieder der ägyptischen Muslimbruderschaft mussten das Emirat verlassen.

Hamas-Führer und syrische Oppositionelle steigen im Ritz-Carlton ab

Dann ging Katar selbst an die Öffentlichkeit. „Wir finanzieren keine Extremisten“, erklärte Tamim bin Hamad Al Thani Ende September in seinem ersten Fernsehinterview als neuer Emir. Eine Woche zuvor war ein neues Gesetz erlassen worden, mit dem Wohltätigkeitsvereine stärker überwacht und an politischer Arbeit gehindert werden sollen.

Wie ehrgeizig Katar seine Zukunft plant, lässt sich daran ablesen, dass selbst die Taxifahrer sich in Doha nicht mehr zurechtfinden. Überall wird gebaut, weil im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft 2022 rund 100 Milliarden Dollar in die Infrastruktur investiert werden, und bei den zahlreichen neuen Gebäuden und Projekten blickt niemand mehr durch. In der Weltpolitik will Katar eine ebenso grandiose Rolle spielen. Unter den Kronleuchtern in den Lobbys der Fünf-Sterne-Hotels in Doha sitzen Delegationen aus aller Herren Länder, die sich um Unterstützung durch Katar bemühen.

Regierungen, Parteien, Unternehmen und Rebellengruppen gehen hier aus und ein, und während sie ihren Tee trinken, warten sie, wie ihre Vorschläge von den Entscheidungsträgern aufgenommen werden. Ihre Erfolgsaussichten lassen sich daran ablesen, in welchem Hotel sie logieren. Die „Vier Jahreszeiten“ und das Ritz-Carlton sind bewährte Favoriten; der Hamas-Führer Khaled Mashal und die syrischen Oppositionsführer stiegen hier ab. Neu ist das vornehme W-Hotel, das europäische Delegationen bevorzugen, die sich um Investitionen oder Gaslieferungen bemühen. Das Sheraton dagegen – eines der ältesten Hotels in Doha – ist jetzt passé; dort wohnten die Rebellenführer aus Darfur während der Verhandlungen mit der sudanesischen Regierung.

Der ägyptische Prediger Yusuf ­al-Qaradawi steht den Muslim­brüdern nahe – und damit auch der Herrscherfamilie Katars. Er leitet von Doha aus die Internationale Union muslimischer Gelehrter.Anadolu Agency/Getty Images
Jeder will hier Kontakte knüpfen, denn wie es ein Syrer in Doha ausdrückte: „In Katar steckt viel Geld und Katar kann Gelder vermitteln.“ Die besten Erfolgsaussichten haben oft die mit den längsten Beziehungen zu diesem winzigen, durch seine Erdgasvorkommen reich gewordenen Land – wie die führenden Mitglieder der internationalen Muslimbruderschaft. Schon in den ersten Jahren nach 2000 entwickelte sich Doha zu einem Zentrum des islamistischen Extremismus. Damals finanzierte die Regierung viele neue Universitäten und Denkfabriken, in denen Islamisten den Ton angaben.

Der staatlich subventionierte Nachrichtensender Al Dschasira erreichte immer größere Teile der Region und verschaffte den Muslimbrüdern im ganzen Mittleren Osten Gehör. Viele enge Berater der Herrscherfamilie stammten aus den Nachbarländern und standen der Muslimbruderschaft nahe, etwa der umstrittene ägyptische Prediger Yusuf al-Qaradawi, der von Doha aus die Internationale Union muslimischer Gelehrter leitet.

Die Regierung in Doha schätzt an den Muslimbrüdern die Verbindung von Frömmigkeit und Effizienz, in der sie sich selbst wiedererkennt. Außerdem wollte sich die Herrscherfamilie gegenüber den konkurrierenden Monarchien in Saudi-Arabien und den VAE profilieren, die im politischen Islam eine Gefahr für ihre eigene Machtstellung sehen. Die Parteinahme für die Muslimbrüder erfolgte aus pragmatischen Gründen, meint Salah Eddin Elzein, der Leiter des Al -Dschasira-Studienzentrums, das mit dem Sender in Katar zusammenhängt. „Die Islamisten kamen in den 1980er Jahren auf, und Katar wollte sich mit den Kräften verbünden, die ihnen besonders zukunftsträchtig erschienen.“

erschienen in Ausgabe 12 / 2014: Früchte des Bodens

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