Neue Früchte am Baum der Poesie

In Somaliland wächst die literarische Szene. Ein kleiner Verlag gibt westliche Klassiker auf Somali heraus und bietet somalischen Dichtern ein breiteres Publikum.

Mitten in Hargeisa steht ein abgeschossener Kampfjet auf einer steinernen Plattform. Sie zeigt ein farbenprächtiges Wandgemälde: Ein Mann hisst die Nationalflagge, neben ihm eine Frau mit einem Baby auf dem Rücken. Szenen von Tod und Gewalt umgeben die beiden. Um das Denkmal auf einer Verkehrsinsel herum drängen sich unzählige Autos und Fußgänger.

Handygespräche und ständiger Baulärm erfüllen die Luft. Werbetafeln buhlen um Aufmerksamkeit, Ziegen fressen Gemüseabfälle und Männer eilen zum Nachmittagsgebet. Das Programm von „Radio Hargeisa“ dringt aus den kleinen Cafés am Straßenrand. Obwohl die Narben des Bürgerkrieges noch sichtbar sind, ist Hargeisa, die Hauptstadt von Somaliland, heute eine pulsierende Stadt, die vieles von ihrer früheren Stärke zurückgewonnen hat – einschließlich einer lebendigen Literaturszene.

„Während des Bürgerkriegs haben wir nicht nur Menschen, Gebäude und Straßen, sondern auch unsere Kultur verloren“, sagt Jama Musse Jama, der Direktor der Kulturstiftung „Rotes Meer“. Hargeisa galt einst als Zentrum der somalischen Kultur. Es konnte sich eines schönen, von Chinesen erbauten Theaters, einer vielfältigen Musikszene und der größten öffentlichen Bibliothek des Landes rühmen. Doch 1988 setzte der Bürgerkrieg all dem ein Ende. Der somalische Diktator Siad Barre schickte Flugzeuge, die die Stadt in Schutt und Asche legten. Gebäude und Straßen wurden zerstört, unzählige Menschen kamen ums Leben. Tausende Menschen waren gezwungen, in Flüchtlingscamps im benachbarten Äthiopien Schutz zu suchen. Somaliland fiel in einen Abgrund, und mit ihm verschwand seine kulturelle Blüte. 

Das erste neue Kulturzentrum in Somalia seit 20 Jahren

Jama Musse Jama will gemeinsam mit Somaliländern aus der Diaspora die verlorene Kultur wiederbeleben. Er hat sich an die Spitze der Bewegung gesetzt. Der Mathematikprofessor hat in Italien studiert und lebt nun wieder in Hargeisa. In diesem Jahr hat seine Stiftung mit Hilfe internationaler Geber ein Kulturzentrum eröffnet – das erste seit 20 Jahren in Somaliland. Das Gebäude, das im Stil einer traditionellen somalischen Hütte errichtet wurde, beherbergt die neueste öffentliche Bibliothek des Landes, eine Kunstgalerie und ein Theater.

Vor sechs Jahren organisierte Musse Jamas Stiftung zudem gemeinsam mit der Londoner Organisation Kayd Arts erstmals eine internationale Buchmesse in Hargeisa. Die Messe, geleitet von dem holländisch-somalischen Aktivisten Ayan Mahmoud, hat sich zur größten ihrer Art am Horn von Afrika entwickelt. Sie zieht internationale Aufmerksamkeit auf sich; renommierte Autoren wie der US-amerikanische Schriftsteller Jon Lee Anderson, die Britin Michela Wrong und der Somalier Nuruddin Farah kommen zu Besuch.

Die kulturelle Wiedergeburt von Somaliland ist nur möglich, weil es einer der am besten regierten und demokratischsten Staaten am Horn von Afrika ist. Somaliland erklärte sich 1991 unabhängig von Somalia und widmet sich seither dem politischen und ökonomischen Wiederaufbau, der Frieden und relative Stabilität gebracht hat. Heute besitzt der Staat am Roten Meer seine eigene Währung, er gibt eigene Autokennzeichen und biometrische Pässe aus und will als unabhängige Nation anerkannt werden. Somalia hingegen, oder „der Süden“, wie die Somaliländer sagen, ist in einen Teufelskreis aus Anarchie und Gewalt geraten. Mogadischu bleibt eine sehr gefährliche Stadt, die täglich von Schießereien erschüttert wird. In der rauen Nachbarschaft am Horn von Afrika gleicht Hargeisa einer Oase der Ruhe.

Es war schwierig, in Somalia eine literarische Tradition zu entwickeln, weil Somali keine geschriebene Sprache ist. Verschiedene Schriften wie die arabische waren über die Jahrhunderte genutzt worden, aber es gab kein allgemein gültiges System. Seit 1972 ist das lateinische Alphabet die offizielle Schreibweise, der damalige Diktator Siad Barre setzte sie Ende der 1970er Jahre landesweit durch.

Die Somalier waren ein Volk der mündlichen Überlieferung – und sind das bis heute. Im Mittelpunkt ihrer Tradition steht die Dichtkunst. Lyriker werden auf ein Podest gestellt und solche, die ihre Werke besonders gut vortragen, werden wie Rockstars angehimmelt. Die Gedichte widmen sich einer Vielzahl von Themen – vom Alltag eines Nomaden über die Hausarbeit bis hin zum Krieg. Poesie gehört in Somaliland zum Alltag vieler Menschen – und ist, anders als im Westen, weniger dazu da, um Geld damit zu verdienen. Aber das ändert sich, vor allem bei Dichtern, die bewundert und respektiert werden wie der legendäre Hadrawi. Das gilt auch für junge Lyriker wie den 1982 in Somaliland geborenen Hassan Dahir Ismail. Er stammt aus einer Familie von Bauern und Viehhirten; seine Herkunft spiegelt sich in seinen Gedichten wieder: Sie handeln vor allem von der Natur. Die Videos, in denen er seine Werke vorträgt, sind bei YouTube äußerst beliebt – eines davon wurde 214.000 Mal angeschaut. Sein Erfolg zeigt, wie die traditionellste Form der somalischen Literatur im Zeitalter der sozialen Medien angekommen ist.

Die meisten Bücher, die nach 1972 auf Somali veröffentlicht wurden, waren akademische oder technische Titel, keine Literatur. Bevor sich eine Tradition des geschriebenen Wortes entwickeln konnte, begann der Krieg. Jama Musse Jama schätzt, dass seit 1988 etwa 200 Bücher auf Somali erschienen sind, fast alle außerhalb des Landes. Das zeigt, wie sehr Krieg eine Gesellschaft deformieren kann: Er kann sogar verhindern, dass sie ihr literarisches Potenzial entfaltet. Inzwischen wird wieder auf Somali publiziert. Eine entscheidende Rolle spielen dabei Verlage wie Ponte Invisible: Sie drucken historische und neue Bücher auf Somali und übersetzen westliche Klassiker.

„Somalier lieben es, zu lesen“, sagt Jama Musse Jama, der den Verlag Ende der 1990er Jahre gegründet hat. Er glaubt wie die meisten Somaliländer fest daran, dass man keinen Staat ohne Kunst und Kultur aufbauen kann. Diese Überzeugung macht die wachsende Kunst- und Literaturszene Somalilands zu einer der interessantesten in Ostafrika. In Gesellschaften, die einen Bürgerkrieg überstanden haben, wird die Kultur in der Regel eher vernachlässigt, weil Geld und andere Ressourcen für andere Bereiche verwendet werden. Aber warum sollte die Kultur keine entscheidende Rolle spielen auf dem Weg eines Landes aus dem Konflikt? Vielleicht ist das die Lektion, die Somaliland Afrika erteilen kann.

Ponte Invisible hat bislang sechs Bände westlicher Klassiker auf Somali herausgebracht, darunter Kurzgeschichten von Anton Tschechow und George Orwells „1984“. Darüber hinaus wurden somalische Bücher auf Englisch übersetzt, etwa die Autobiographie von Mohamed Barud Ali, in der die Ereignisse dokumentiert sind, die zum Bürgerkrieg führten und Somalia schließlich zusammenbrechen ließen. Der Dichter Mohamed Ibrahim Warsame, genannt  Hadrawi, der auf den Straßen von Hargeisa mehr Begeisterung hervorruft als Mick Jagger von den Rolling Stones, konnte bei Ponte Invisible 2010 erstmals seine Werke veröffentlichen.

Es braucht eine kollektive Selbstbeobachtung

Jama Musse Jama hofft, dass irgendwann jede somaliländische Stadt eine Bibliothek hat. Seit drei Jahren versucht er, die Bürgermeister der mittleren und größeren Städte von seiner Idee zu überzeugen. Berbera, die Hafenstadt am Roten Meer, hat seinen Ruf inzwischen erhört – und er hofft, dass weitere folgen. Seine Stiftung versorgt ländliche Regionen mit einer mobilen Bibliothek. Sie sammelt seit Jahren Bücher und hat inzwischen 15.000 Exemplare beisammen. Die Zivilgesellschaft in Somaliland setzt sich ebenfalls für die Bildung ein: In Hargeisa sollte im Oktober die renommierte Gandhi-Bibliothek geschlossen werden. Das Justizministerium wollte auf dem Land bauen, auf dem sie sich befindet. Ein großer öffentlicher Aufschrei konnte das zunächst abwenden. Die Regierung hat nun versprochen, einen neuen Platz für die Bibliothek zu finden.

Denn alles steht und fällt mit Bildung. Und trotz Fortschritten muss Somaliland große Aufgaben bewältigen. Drei Viertel der Bevölkerung sind jünger als 25, das Durchschnittsalter liegt bei 17,2 Jahren. Die Hälfte der Somaliländer sind Analphabeten, mehr als zwei Drittel arbeitslos. Betrachtet man dann noch den Einfluss der Piraten vor der Küste, der islamistischen Miliz Al-Shabaab und den Ruf Europas, wo viele junge Leute eine bessere Zukunft für sich sehen, so steht die Regierung vor fast unlösbaren Aufgaben.

Es braucht Zeit, um eine Gesellschaft zu heilen und eine zerstörte Nation nach dem Krieg wiederaufzubauen. Fast 20 Jahre, nachdem in Somaliland der Frieden Einzug gehalten hat, scheint es, als brauche man eine kollektive Selbstbeobachtung: Die Menschen möchten schildern, was sie und ihre Familien vor, während und nach dem bitteren Bürgerkrieg erlebt haben.

Allzulange haben Außenstehende die Geschichten zumeist aus einem engen westlichen Blickwinkel erzählt. Doch nun gibt es Intellektuelle wie Ahmed Ibrahim Awale und Maxama Cabdi Dauud, die aus somalischer Sicht die Geschichte betrachten. Sie schreiben lieber auf Somali als in einer der alten Kolonialsprachen, wie das die meisten afrikanischen Schriftsteller tun. Sie wollen die Möglichkeiten ausloten, die ihre Muttersprache bietet.

Zwischen Somaliändern in der Diaspora und denen, die in der Heimat leben, hat sich eine einflussreiche Allianz gebildet: Sie vertritt die Ansicht, dass Kultur in der Gesellschaft eine bedeutende Rolle spielen sollte. Sie will außerdem gegen verbreitete Vorurteile gegenüber Somalia vorgehen. „Ich will mit der Idee aufräumen, dass die somalische Gesellschaft verrottet ist“, sagt Jama Musse Jama. „Aber es ist schwierig, das Außenstehenden zu vermitteln, die die Umstände hier nicht kennen.“ Das wichtigste sei jedoch, jungen Somaliländern eine Zukunftsperspektive zu bieten, fügt der Stiftungsdirektor hinzu.

Aus dem Englischen von Gesine Kauffmann.

erschienen in Ausgabe 12 / 2014: Früchte des Bodens

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