„Nicht leicht zu kommunizieren“

Für die Zeit nach 2015 wollen die Vereinten Nationen neue Ziele für eine globale nachhaltige Entwicklung verabschieden. Was das für die deutschen Kommunen bedeutet, darüber diskutierte in München Ende Oktober der Netzwerk21-Kongress.

Die sogenannten Sustainable Development Goals sind zwar noch nicht verabschiedet, aber sie bestimmen bereits die Debatte über die internationale Zusammenarbeit von Kommunen. Im Unterschied zu ihren Vorgängern, den bis 2015 geltenden Millenniumsentwicklungszielen, sollen die neuen Ziele die Industrie- und Schwellenländer stärker als bisher in die Pflicht nehmen.

Einigkeit herrschte in München darüber, dass der erforderliche Umbau von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit seinen Ausgangspunkt auf lokaler Ebene nehmen wird. Diese Hoffnung drückt auch das neue Sondergutachten  „Klimaschutz als Weltbürgerbewegung“ des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung aus. „Angesichts der Schwäche der internationalen Klimapolitik gewinnt die lokale Ebene und insbesondere die Stadt zunehmend an Bedeutung im Klimaschutz“, schreiben die Wissenschaftler.

Stefan Wilhelmy von der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt sieht ebenfalls eine „zentrale Bedeutung“ der Kommunen bei der weltweiten Transformation. Er hofft, dass die neuen Nachhaltigkeitsziele kommunalen Initiativen neuen Schwung geben. Die Servicestelle will unter anderem bis Ende kommenden Jahres 50 Klimapartnerschaften zwischen Städten in Deutschland und im globalen Süden  vermitteln; 33 Partnerschaften wurden bereits besiegelt, zehn weitere sollen bis Ende 2014 folgen, weitere zehn sind für 2015 anvisiert.  Das Projekt zeige beispielhaft, „dass Umwelt und Entwicklung auf lokaler Ebene erfolgreich zusammengedacht werden und zu wirksamem Handeln führen“.

Münchner Bürger sind Partner der Asháninka in Peru

In München hat die Stadtverwaltung vor drei Jahren eine Klimapartnerschaft mit Kapstadt in Südafrika begonnen, die sich auf die Felder Energieeffizienz und Ausbau erneuerbarer Energien konzentrieren soll. Bisher ist man aber noch in der Planungsphase. München hat außerdem schon seit 1997 eine Partnerschaft mit Vertretern des indigenen Volkes der Asháninka im Regenwald von Peru, die aus privaten Kontakten von Bürgern entstanden ist. Diese Zusammenarbeit steht im Rahmen  des „Klimabündnisses  europäischer Städte mit indigenen Völkern der Regenwälder“ und will die Indigenen dabei unterstützen, ihre Rechte einzufordern und ihren Lebensraum zu schützen.

Globale Projekte stoßen auch in Städten, die in Sachen Nachhaltigkeit führend sind, nicht immer auf Gegenliebe bei Bürgern und in der Stadtverwaltung. Internationale Zusammenarbeit sei „nicht leicht zu kommunizieren“, meinte Ralf Mützel von der Stadtverwaltung von Neumarkt in der Oberpfalz, das 2012 als Deutschlands nachhaltigste Stadt mittlerer Größe ausgezeichnet wurde. „Viele denken nicht über ihren Tellerrand hinaus.“

Keine Kritik am westlichen Entwicklungsmodell

Im politischen Alltag von Kommunen spielen Zweifel am westlichen  Entwicklungsmodell deshalb noch kaum eine Rolle. Deutsche Kommunen verstehen unter Nachhaltigkeit weitgehend den möglichst schonenden Umgang mit Ressourcen und Energie und zielen in ihren Bemühungen vor  allem auf mehr Effizienz. Doch dieses Verständnis führt in eine Sackgasse: Zwar sind zum Beispiel technische Geräte oder Autos in den letzten Jahren energieeffizienter geworden. Doch weil gleichzeitig mehr Geräte gekauft und Autos größer und schwerer werden, werden die Gewinne an Effizienz teilweise wieder zunichte gemacht.

Boniface Mabanza vom Welthaus Heidelberg kritisiert die Vorschläge für eine Post-2015-Agenda denn auch als „neues, grün eingefärbtes Schlagwort“.

Entscheidend für Mabanza:  Der Referenzrahmen für Entwicklungszusammenarbeit „war bisher immer das Entwicklungsmodell des Westens beziehungsweise Nordens“. Ob sich das tatsächlich ändern wird, bezweifelt der aus der Demokratischen Republik Kongo stammende Theologe. Mit mehr Effizienz allein sei eine Transformation in eine nachhaltige Gesellschaft nicht zu erreichen, betonte auch Uta von Winterfeld vom Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie. Sie plädierte für ein neues Leitbild: das der Suffizienz. Suffizienz bedeutet nicht nur relativ, sondern absolut auf Rohstoffe zu verzichten und Überkonsum zu begrenzen.

Das klingt schnell nach Verzicht und ist ziemlich unpopulär. Mehr Suffizienz  würde soziale Spannungen anheizen, meinte denn auch Frank-Martin Belz, Professor für unternehmerische Nachhaltigkeit an der Technischen Universität München. Er kritisierte den Suffizienz-Ansatz als „elitär“.

erschienen in Ausgabe 12 / 2014: Früchte des Bodens

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