Pilger drängen sich in Varanasi zum heiligen Bad. Der Schmutz im Fluss ist für sie kein Thema.

Rettet den Ganges!

Die indische Regierung unternimmt einen neuen Anlauf, um den heiligen Fluss wiederzubeleben. Bei der Pilgerstadt Varanasi ist er zur Kloake verkommen.

Ein milder Wintertag geht in der Pilgerstadt Rishikesh zu Ende. Der Himmel färbt sich gelb, dann rot, sein Licht spiegelt sich im Wasser des Ganges. Rund 100 Menschen sitzen andächtig auf den Stufen, die hinunter zum heiligen Fluss führen. Mit ein paar Holzscheiten wird ein Feuer entfacht, eine Musikgruppe stimmt traditionelle Lieder an. Sie preisen den Fluss, den sie Mutter Ganga nennen: Die Flussgöttin spende Leben und geistige Erlösung, tröste die Seele und inspiriere den Geist. Jeden Abend wird das Feuerritual zelebriert.

Etwa 150 Kilometer Luftlinie entfernt, im Himalaja-Gebirge in rund 3900 Metern eisiger Höhe, strömt der Ganges aus dem Tor des Gangotri-Gletschers und stürzt sich in ein von hohen, dichtbewaldeten Bergen eingezwängtes Tal gen Süden. Bei Rishikesh tritt er aus dem Gebirge in die nordindische Schwemmlandebene, die er in Jahrmillionen durch Sedimentablagerungen mitgeformt hat. In einem weiten Bogen wendet er sich Richtung Osten und durchquert ganz Nordindien. Mehr als 2500 Kilometer legt der Fluss zurück, bevor er sich südlich der Hafenstadt Kolkata in den Golf von Bengalen ergießt.

Autor

Rainer Hörig

ist freier Journalist in Pune (Indien).
Zusammen mit dem gewaltigen Brahmaputra und dem Meghna bildet er das größte Flussdelta der Erde, die Sumpflandschaft der Sundarbans. Auch die indische Hauptstadt Neu-Delhi liegt im Einzugsgebiet des Ganges, genauer an seinem wichtigsten Nebenfluss, der Yamuna. Aber der Fluss, der die Stadt von Nord nach Süd durchquert, ist eine Kloake. „Eigentlich gibt es in Delhi keinen Fluss, nur einen großen Abwasserkanal“, sagt Manoj Mishra, der sich seit acht Jahren für die Wiederbelebung der Yamuna einsetzt. Seine Organisation „Yamuna Jiye Abhiyan“ versucht mit Petitionen vor Gericht und Expertisen Behörden und Parlamente für das Anliegen zu gewinnen.

Am Wehr von Wazirabad im Norden von Neu-Delhi, das den Wasserstand des Flusses reguliert, bedeckt eine dicke Schicht von buntem Plastikmüll die Wasseroberfläche. Ein Fischer sitzt gelangweilt auf seinem hölzernen Kahn am Ufer. Je näher man dem Hauptstrom kommt, der in der Mitte des mehr als einen Kilometer breiten sandigen Flussbetts vor sich hin schwappt, desto durchdringender wird ein faulig-süßer Geruch. Manoj Mishra weist auf eine Bachmündung am gegenüberliegenden Ufer hin. Eine dickflüssige, schwarzbraune Flüssigkeit fließt in den Fluss. „Die ungeklärten Abwässer der nördlichen Stadtbezirke“, erklärt er.

„Dieses Wasser enthält keinen Sauerstoff, es gibt kein Leben darin. Früher lebten jede Menge Fische im Fluss, sogar Krokodile gab es“, erzählt Mishra. Die Wäscher und Fischer, die einst vom Fluss lebten, seien verschwunden. An einigen Stellen im Flussbett werde noch Gemüse angebaut, aber „das Zeug ist hochgradig giftig“.  Mishra war leitender Forstbeamter, bevor er nach mehr als 20 Jahren im Staatsdienst in die Zivilgesellschaft wechselte, zur Umweltorganisation WWF. Vor acht Jahren rief er die Kampagne für die Yamuna ins Leben. Es sei göttliche Eingebung gewesen, sagt er.

Ein Junge balanciert über einen offenen Kanal in Neu-Delhi. Auch in Indiens Hauptstadt fließt ein Teil des Abwassers ungeklärt in die Yamuna. Enrico Fabian/NYT/Redux/Laif
Seither hat er den Fluss in seiner gesamten Länge studiert, hat sich nicht nur mit Politikern und Richtern gestritten, sondern auch in zahlreichen Dörfern die Bauern zur Rettung des Flusses organisiert. Sie werden darin geschult, Toiletten zu bauen und auf biologische Landwirtschaft umzustellen. Auf die Frage nach den Ursachen für die Misere der Yamuna in Delhi gibt er eine verblüffend simple Antwort: „Ungefähr 200 Kilometer flussaufwärts, nahe der Stadt Yamunanagar, blockiert ein Staudamm den Flusslauf. Dort wird während der Trockenzeit das gesamte Wasser in Kanäle abgeleitet, um die Felder zu bewässern und die Städte zu versorgen. Das Flussbett unterhalb des Dammes bleibt neun Monate im Jahr trocken. Erst in Delhi füllt es sich wieder ein wenig – mit Abwasser.“  

Eine kleine Gruppe älterer Damen nähert sich mit Blumengebinden, Kokosnüssen und Glitzerschmuck. Am Ufer legen sie ihre Opfergaben nieder, entzünden ein paar Räucherstäbchen und falten, dem Wasser zugewandt, die Hände zum Gebet. Mit der hohlen Hand schöpfen sie „heiliges Wasser“ aus dem Fluss und trinken es, bevor sie sich auf den Heimweg machen. Zurück bleibt ein Haufen Abfall, der irgendwann vom Fluss fortgetragen werden wird.

„Das Wasser, das wir hier in Delhi verbrauchen, stammt zwar aus der Yamuna, aber nicht von hier“, erklärt Manoj Mishra. „Es fließt vom Staudamm durch einen Kanal zu uns. Ein weiterer Kanal bringt Wasser vom Tehri-Damm am Ganges, hoch oben im Himalaja, und ein dritter versorgt die Stadt aus dem Bhakra-Nangal-Stausee am Fluss Sutlej.“ Neu-Delhi bekomme also aus drei Flüssen Wasser – und scheide etwa 80 Prozent davon als stinkende Brühe wieder aus. Inzwischen hat Mishra in seinem Kampf einen ersten Erfolg erzielt: Das Nationale Grüne Tribunal hat Mitte Januar die Entsorgung von Müll in die Yamuna unter Strafe gestellt.

Ortswechsel. Wenn in der heiligen Stadt Varanasi die Sonne über dem Ganges aufgeht, strömen die Pilger zum Flussufer, zum heiligen Bad. Fromme Hindus aus nah und fern steigen die Stufen hinunter, die Stimmung ist heiter und freundlich. Für sie erfüllt sich hier und heute ein Lebenstraum. Das rituelle Bad im Ganges bedeutet Erlösung und Seelenfrieden. Anjani Kumar Singh etwa, der in einem Dorf an der Grenze zu Nepal ein Fotostudio betreibt, hat seine gesamten Ersparnisse geopfert, um nach Varanasi reisen zu können: „Hier am Ganges herrscht eine besondere Atmosphäre. All die vielen Leute hier wollen diese Magie erfahren, dafür nehmen sie auch Unannehmlichkeiten in Kauf.“

erschienen in Ausgabe 2 / 2015: Wohnen: Alle ab ins Hochhaus?

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