Die innere Sicherheit

Der Auftrag allein schützt nicht vor ­Gewalt: Im ­Januar 2013 wird eine einheimische Helferin in Pakistan beerdigt. Unbekannte haben sie, fünf Kolleginnen und einen Arzt erschossen.

Die Gewalt gegen humani­täre Helfer und Hilfsorganisationen nimmt zu. Einen Teil der Verantwortung dafür tragen sie selbst.

Die Terrormiliz Islamischer Staat hat in den letzten Monaten mehrere humanitäre Helfer enthauptet. In Pakistan wurde ein Polio-Impfarzt getötet. Und nach wütenden Protesten vor einem Ebola-Behandlungszentrum in Conakry musste das Hilfspersonal evakuiert werden. Immer wieder beherrschen solche Fälle die Schlagzeilen. Das wirft drei Fragen auf: Ist die humanitäre Hilfe gefährlicher als früher? Warum geschehen diese Zwischenfälle? Und was kann dagegen getan werden? Leider gibt es auf diese Fragen keine einfachen Antworten.

Humanitäres Engagement war schon immer gefährlich. Frühe Aufzeichnungen aus den Anfängen der Hilfe belegen, dass in Kampfzonen medizinisches Personal und andere Hilfeleistende verwundet oder getötet wurden. In Tschetschenien und anderswo wurden bereits Mitte der 1990er Jahre Helfer entführt und enthauptet. Dass Kriegsparteien der Zivilbevölkerung medizinische und andere Hilfe versagen, ist auch nicht neu. Die Zahl der Drohungen und Gewaltakte gegen humanitäre Helfer steigt zwar in der Tat, dennoch ist das Bild nicht ganz so düster, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Die Zahl der Mitarbeiter nationaler und internationaler Hilfsorganisationen wächst. Das bringt es mit sich, dass auch mehr von ihnen Opfer von Gewalt sein können – und es auch sind. Zum anderen wird häufiger über solche Vorfälle berichtet, weil sie systematischer gemeldet und untersucht werden. Und schließlich tritt die Gewalt vor allem in wenigen Ländern wie Afghanistan, Pakistan, Syrien, Somalia und dem Südsudan auf. Keiner dieser Faktoren soll über die schrecklichen Folgen der Gewalt oder die wachsende Zahl von Übergriffen hinwegtäuschen, aber jeder liefert einen wichtigen Hintergrund für die erwähnten Schlagzeilen.

Doch was steckt hinter den Übergriffen gegen humanitäre Helfer und Hilfsorganisationen? Und warum wird ihnen der Zugang zur Zivilbevölkerung verwehrt? Hilfsorganisationen arbeiten immer häufiger inmitten von Kriegen und Konflikten. In manchen Fällen werden Mitarbeiter in Kämpfe verwickelt, oder sie werden Opfer von Kriminalität oder geraten in häusliche oder andere Konflikte, die mit ihrer Arbeit zu tun haben. Einzelne Personen geraten gezielt ins Fadenkreuz, weil man gegen sie persönlich vorgehen will oder gegen das, was sie vermeintlich repräsentieren.

Gibt es ein Opfer, werden einfach die Sicherheitsvorkehrungen angepasst

Die Ursachen für Übergriffe sind komplex. Sie wurzeln etwa in der Instrumentalisierung von Hilfe für außen- oder sicherheitspolitische Ziele oder in der Verquickung militärischer und humanitärer Einsätze. Hilfsorganisationen verlieren damit ihre Unabhängigkeit und Unparteilichkeit, sie werden selbst zur Konfliktpartei und zum Ziel von Drohungen und Gewalt. Vor fünf oder zehn Jahren hätte eine Organisation nach einem schweren Zwischenfall, bei dem Mitarbeiter verletzt, entführt oder getötet wurden, ihre Programme eingestellt und das verbliebene Personal ausgeflogen, um dessen Sicherheit nicht zu gefährden. Heute sehen sich Hilfsorganisationen einem wachsenden Druck ausgesetzt, nach einem solchen Vorfall ihre Sicherheitsvorkehrungen anzupassen, um weiter präsent und einsatzfähig zu sein.

Einen Teil der Verantwortung tragen jedoch die Hilfsorganisationen selbst – etwa wenn sie darauf verzichten, nach einem Überfall das Personal abzuziehen. Oder wenn sie entscheiden, wegen der medialen Aufmerksamkeit, des Konkurrenzdrucks um Spenden oder um den eigenen Ruf zu verbessern, in einer „Gefahrenzone“ zu operieren. Auch die Einstellung oder Entlassung von bestimmten Mitarbeitern kann zu gewalttätigen Vergeltungsaktionen führen. Ihr humanitärer Auftrag macht Hilfsorganisationen nicht immun gegen Gewalt am Arbeitsplatz.

Helferinnen und Helfer verhalten sich ebenfalls manchmal riskant – sei es bewusst oder unbewusst. Aufreibende Jobs führen häufig zu einem kaum erträglichen Maß an Stress oder zum Burnout, vor allem wenn es kein soziales Netz oder professionelle Hilfe gibt. Um dem zu begegnen, neigen die Betreffenden zu langen Arbeitszeiten, Alkohol- oder Drogenkonsum. Das schwächt ihre Widerstandskraft, kann zu unüberlegten Entscheidungen führen und das Sicherheitsrisiko erhöhen. Auch ein Verhalten, das kulturelle Normen der einheimischen Bevölkerung verletzt oder als respektlos gegenüber lokalen Gemeinschaften oder Autoritäten empfunden wird, schafft Feindseligkeit. Das sind zwar meistens keine schwerwiegenden Vorfälle. Doch insgesamt tragen sie zu den Umständen bei, in denen Gewalt zum Ausbruch kommen kann.

Die Risiken von Fahrern und Wachmännern müssen mehr beachtet werden

Diese Erklärungen sollen und dürfen nicht die Verantwortung der Gewalttäter schmälern. Es ist jedoch kurzsichtig, ja sogar gefährlich, die wechselseitige Abhängigkeit und die vielfältigen Ursachen von sicherheitsrelevanten Ereignissen zu leugnen. Die „inneren Anfälligkeiten“ von Hilfsorganisationen und Helfern müssen Teil einer öffentlich geführten Debatte werden, statt weiter nur in kleinen Insiderkreisen thematisiert zu werden. Denn es ist nicht möglich, Überfälle und Angriffe komplett zu verhindern. Doch man kann sich auf das Risiko einstellen und Vorkehrungen treffen. Dafür haben zunächst alle eine – jeweils spezifische – Verantwortung: Organisationen müssen ausreichend personelle und materielle Mittel für das Sicherheits- und Risikomanagement zur Verfügung stellen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen auf ihre eigene Sicherheit achten.

Autorin

Larissa Fast

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin am Kroc Institute der University of Notre Dame (USA).
Sicherheitsmanagement muss aber auch berücksichtigen, dass internationale, nationale und lokale Beschäftigte unterschiedlichen Risiken ausgesetzt sind. Beim nationalen Personal etwa spielen Geburtsort, Geschlecht, ethnische und religiöse Zugehörigkeit und sogar die Art des Arbeitsplatzes eine Rolle. Fahrer und Wachmänner sind oft die ersten und wichtigsten Kontaktleute zur einheimischen Bevölkerung. Sie sollten den Auftrag und die Programme der Organisation kennen und imstande sein, sie zu vermitteln. Im Gegenzug sollten die Organisationen ihre besondere Rolle und die damit verbundenen Risiken kennen und ihnen Rechnung tragen.

Schließlich muss das Sicherheits- und Risikomanagement an unterschiedliche Situationen angepasst und in die Programme und Aktivitäten einer Organisation eingebunden sein. Eine Sicherheitsstrategie für alle Fälle gibt es nicht. So bietet es zwar einen Schutz, wenn eine Hilfsorganisation ihr Gelände mit Mauern umgibt oder mit Schranken den Zugang dazu versperrt. Ein solches Vorgehen lässt jedoch außer Acht, dass sich Sicherheitsbedingungen ändern können; und es trägt nicht dazu bei, der lokalen Bevölkerung die Ziele beziehungsweise den Auftrag einer Organisation und ihrer Programme näher zu bringen.

Der Ansatz, einen Zugang zu Hilfebedürftigen auszuhandeln und dafür die Akzeptanz verschiedener Interessengruppen zu gewinnen, entspricht am ehesten humanitären Grundsätzen und Werten. Einvernehmen herzustellen verlangt Geschick, Ausdauer, Geduld und Respekt. Keiner dieser Ansätze ist jedoch universell anwendbar oder immer effektiv. Wirksames Sicherheitsmanagement sollte flexibel und reaktionsfähig sein und dem Ziel dienen, Menschen in Not Hilfe und Schutz zu gewähren.

Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller

 

erschienen in Ausgabe 3 / 2015: Nothilfe: Aus Trümmern Neues schaffen

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