Sex­arbeiterinnen im Ruhestand

Canela zeigt einem Hund das Haus.

Sex­arbeiterinnen im Ruhestand

Ein Haus für Lebenskünstlerinnen

Die Casa Xochiquetzal im Mexiko bietet Sex­arbeiterinnen im Ruhestand ein Zuhause. Einfach ist ihr Zusammenleben dort nicht.

Als alles um sie herum ins Wanken geriet, rannte Daniela stolpernd aus dem Kabarett „El Cordial“, in dem sie arbeitete. Ein Erdbeben der Stärke 8,1 erschütterte Mexiko-Stadt und sie musste mit ansehen, wie das Gebäude, in dem sie sich noch Sekunden vorher aufgehalten hatte, in sich zusammenfiel. Das soll ein Zeichen sein, dachte sie, für eine Wende in deinem Leben. Sie wollte diesen Teil ihrer Geschichte hinter sich lassen und neu anfangen. Das war 1985.

Heute scheuert Daniela mit dem Wischmopp den Fußboden in einem der Bäder im Obergeschoss der Casa Xochiquetzal. Sie trägt eine Schürze, einen roten Rollkragenpullover, eine melierte Stoffhose, honigfarbene Stiefel mit Absätzen und Ohrringe. Sie ist dezent geschminkt, das glatte rötliche Haar, zu einer adretten Ponyfrisur geschnitten, trägt sie schulterlang. Sie ist groß und immer noch schlank. Nicht umsonst hat sie mehr als 30 Jahre lang Yoga gemacht und war zuvor Tänzerin.

Seit sechs Jahren lebt Daniela hier, in dieser Herberge im historischen Zentrum von Mexiko-Stadt. Alle Bewohnerinnen der Casa Xochiquetzal haben früher einmal Liebesdienste für Geld angeboten – oder tun das heute noch. Sie waren beziehungsweise sind Sexarbeiterinnen, sie sind älter als 55 Jahre, und sie waren auf der Straße gelandet. Lange hatten sie im Hotel gelebt, bis ihnen das Geld ausgegangen war: Geld, um zu essen, Geld, um nachts auszugehen.

Amalia inmitten der ­Schätze ihres harten Lebens. Bénédicte Desrus
Im Februar 2006 öffnete die Casa Xochiquetzal ihre Pforten, gegründet von der früheren Sexarbeiterin Carmen Muñoz. Die Suche nach Mitstreitern und Mitstreiterinnen war ein Kraftakt. Doch schließlich zogen Staat und Zivilgesellschaft an einem Strang, um ehemaligen Prostituierten ein Dach über dem Kopf, Essen, medizinische und psychologische Betreuung, aber auch Freizeitmöglichkeiten zu bieten. Ein privater Verein kümmert sich um die gesundheitlichen Hilfen und wird dabei von der Stadt unterstützt; die öffentliche Hand stellt zudem die Immobilie und Lebensmittel bereit.

Die 26 Frauen, die hier zurzeit leben, sollen in Würde altern dürfen, so wie es alle Menschen verdient haben, sagt die Leiterin des Hauses, Jesica Vargas González. Bis heute wurden mindestens 300 Frauen unterstützt, etwa dabei, Ausweispapiere zu beantragen – ein erster Schritt, damit sie ihre Rechte wahrnehmen können. Die Bewohnerinnen der Casa sollen sich am Gemeinschaftsleben beteiligen; dafür gibt es einfache Regeln. Die Frauen sind tageweise eingeteilt, um ihre Unterkunft aufzuräumen und zu putzen. Es steht ihnen frei, nebenher weiter auf der Straße zu arbeiten oder ein kleines Geschäft zu betreiben.

Es fällt ihnen nicht leicht, sich in die Gemeinschaft einzufügen. Das Überleben auf der Straße hat Spuren hinterlassen. Sie sind lebenserfahren, lebhaft, fantasievoll und können gut Geschichten erzählen. An ihrem Zufluchtsort kommen sie ins Nachdenken und berichten von ihren Erfahrungen und Träumen. Sie haben wenige Habseligkeiten und bewahren vor allem ihre Erinnerungen. María Isabel sammelt Verse, weil sie selbst Gedichte schreibt. Margarita hat eine Schwäche für Plüschtiere. Conchita stickt, um ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen, und Sonia liest ein Sachbuch über die Geschichte Mexikos und bietet mit ihrer Querschnittslähmung der Welt die Stirn.

Normota (links) und Conchita in der Küche. Bénédicte Desrus
Canela verkauft auf der Straße Süßigkeiten, Victoria vertieft sich im Garten in Wörtersuchrätsel. Norma hat Probleme mit dem Herzen. Wenn sie sich fit genug fühlt, geht sie in den San Fernando-Park, ihr „Büro“, wie sie stolz verkündet. Dort sitzt auch Daniela manchmal, nachdem sie vormittags ihre Pflichten in der Casa erledigt hat, bei einem Arzt in der Praxis ausgeholfen hat oder einer Frau bei der Hausarbeit zur Hand gegangen ist. Sie hat dann meist ihre Nadeln dabei und strickt Basttaschen, Pullover und Jacken, die sie verkauft. Das hat sie im Gefängnis gelernt. Hier im Park hat sie Norma und die Casa Xochiquetzal kennengelernt.

Ihre Geschichte gleicht der vieler Frauen, und doch ist sie einzigartig. Daniela kann sich schützend vor eine ihrer Kameradinnen stellen und einen mitfühlenden Eindruck erwecken, aber sie kann sich auch in Sekundenschnelle in eine wilde Raubkatze verwandeln. In ihren schimmernden kaffeebraunen Augen lauern diese Gegensätze. Sie war kaum geboren, als ihre Familie aus Chihuahua nach Mexiko-Stadt zog. Schon bald verlor sie den Vater, einen Alkoholiker. Ihre Mutter verschwand in die USA, als Daniela acht Jahre alt war. Sie hat sie nie wieder gesehen. „Sie hat mich so stehen lassen. Sie war weg. Ich hatte das Gefühl, ich sterbe“, erzählt sie mit einem Kloß im Hals. Ihre Trauer überspielt sie schnell, darin ist sie geübt.

Eine Tante in Chihuahua wurde zu ihrem Vormund bestellt. Daniela litt unter deren Gefühlskälte und versuchte, sich das Leben zu nehmen. Ständig wurde sie kontrolliert, beschimpft und geprügelt, bis sie es nicht mehr aushielt und zu einer Freundin floh. Doch die Familie machte sie ausfindig und zwang sie, bei ihrer Großmutter zu leben. Sie begann eine Ausbildung zur Buchhalterin – bis sie mit 17 Jahren vor die Tür gesetzt wurde. Jemand hatte den Verdacht gestreut, Daniela würde als Prostituierte arbeiten.

Daniela ruht sich aus – mit der Bibel auf dem Kissen.Bénédicte Desrus
In einem Hotel lernte sie eine junge Frau kennen. Zusammen mit ihr suchte sie sich Arbeit in einer Bar in Mexiko-Stadt. „Wir waren jung und sahen gut aus“, sagt sie stolz. „Da fing mein Leben als Hure an. Und ich habe da getrunken, getrunken und getrunken“ – fast singt sie es. Sie arbeitete im „El Tramonto“, im „Can-Can“ und zuletzt im „El Cordial“, wo sie zur Musik von „My way“ tanzte. „Dem Herrn sei Dank, dass Er mich aus all dem Schmutz gerettet hat, denn wie alle Lebenskünstlerinnen habe ich gut verdient“, sagt sie heute. Gespart hat sie nie. „Geld ist zum Ausgeben da. Wofür brauche ich Geld an dem Tag, an dem mich ein Erdbeben wirklich erwischt?“, fragt sie und lacht laut.

Autoren

Bénédicte Desrus

ist Dokumentarfotografin und hat zahlreiche Preise erhalten. Die Frauen in der Casa Xochiquetzal hat sie mehr als sechs Jahre mit der Kamera begleitet (www.benedictedesrus.com).

Celia Gómez Ramos

ist Journalistin und Schriftstellerin in Mexiko-Stadt. Mehr als zwei Jahre lang hat sie Geschichten der Frauen aus der Casa Xochiquetzal zusammengetragen.
1985, nach dem Entschluss, ihr Leben zu ändern, fand sie Arbeit in einem Kindergarten und – einen Mann. Er sah gut aus, und als wäre das nicht genug: Er hatte Geld. Mit ihm lebte sie zwanzig Jahre zusammen, sie bekamen drei Kinder. Danielas Mann wollte nicht, dass sie arbeitete. Er liebte sie, aber er schlug sie auch und brachte andere Frauen mit nach Hause. Über die Misshandlungen spricht sie ungern, lieber erinnert sie sich an das Gute. Eines Tages verließ sie ihn. „Ich bin kein Stück Dreck, ich bin ein Mensch“, habe sie sich gesagt und alles zurückgelassen: Familie, Zuhause, Geld. Das liegt nun zehn Jahre zurück, ihr Mann ist inzwischen gestorben.

Daniela begann wieder zu trinken, nahm Drogen, klaute und saß mehr als ein Jahr im Gefängnis. Dort fand sie zu Gott. Ihr Ehemann hat eine Pension hinterlassen, aber sie hatte keine Papiere und konnte das Geschäft nicht übernehmen. Sie fing an, Kranke zu pflegen, und eines Tages, im Park, lernte sie Norma und die Casa Xochiquetzal kennen. „Meine Pension bekomme ich dereinst von Gott selber“, ist Daniela überzeugt. „Und hier habe ich ein Dach über dem Kopf und zu essen.“  Wo ihre Kinder sind, weiß sie nicht. Aber sie hilft, wem sie kann. Weil sie daran glaubt, dass dann auch jemand gut zu ihren Kindern ist.

Aus dem Spanischen von Barbara Kochhan.

Zum Weiterlesen:

Bénédicte Desrus, Celia Gómez Ramos Las amorosas más bravas (Tough Love). Porträts der Frauen aus der Casa Xochiquetzal. Erhältlich bei den Autorinnen über: proyecto.xochiquetzal(at)gmail.com

erschienen in Ausgabe 3 / 2015: Nothilfe: Aus Trümmern Neues schaffen

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